Klassik

Veröffentlicht am 25.07.2018 | von Michael Boldhaus

Massenet: Operas

Sieben Opern von Jules Massenet im Box-Set von Warner Music

Jules Massenet (1842–1912), dessen Hauptwerk 25 abendfüllende Opern umfasst, galt zu seinen Lebzeiten in seinem Mutterland gar als Konkurrent von Puccini. Ehedem sehr erfolgreich und verehrt, aber auch umstritten, geriet sein Œuvre allerdings in den Jahrzehnten nach seinem Tod insbesondere außerhalb Frankreichs zum größten Teil in Vergessenheit. Es ist noch gar nicht so extrem lange her, dass hiesigen Musikfreunden von Massenet in allererster Linie ein ausgekoppelter orchestraler Schnipsel aus dem Wunschkonzertprogramm geläufig war: die Meditation aus der Oper „Thaïs“, eine ohrwurmhafte Romanze für Violine und Orchester.

Doch seit den späten 1970er Jahren hat durch ambitionierte Bemühungen, etwa des Dirigenten Richard Bonynge, eine langsame Massenet-Renaissance eingesetzt. Den zwei auch in älteren Opernführern vertretenen Opern „Manon“ und „Werther“ haben sich so diverse Ausgrabungen zur Seite gestellt, wobei insbesondere die Opern „Cendrillon“, „Don Quichotte“ und „Thaïs“ mittlerweile auch von mittleren Opernhäusern wieder häufiger inszeniert werden. Neben dem besonders umfangreichen Opernschaffen harren freilich auch noch diverse Orchesterwerke, Suiten und Ballettmusiken sowie Oratorien und darüber hinaus viele Klavierlieder einer eingehenderen Wiederentdeckung.

Für die lange Vernachlässigung dürften einige gegen den Komponisten im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts etablierte Vorurteile zumindest mitverantwortlich sein. Er war nicht nur einer der sehr schnell komponierte, Massenet hatte dabei durchaus auch den monetären Erfolg im Visier. Das Bemühen, den Nerv des Publikums zu treffen, erklärt die fortlaufend wechselnde Spiegelung diverser seinerzeit in der Oper sehr gefragter Stile, etwa der Opéra-comique, der Grand opéra, des Verismo oder auch der Märchenoper und ebenso der seinerzeit so beliebten klanglichen Exotismen. Daraus wurde etwa der Vorwurf gezimmert, er sei ein eklektischer Vielschreiber. Viele Zeitgenossen störten sich aber wohl auch an den vielen Frauenrollen in seinen Operndramen, etwa „Manon“, „Sapho“, „Esclarmonde“ oder „Thaïs“. Das führte zum Bild des Frauenlieblings, zu dem der Kritiker „Willy“ (alias Henry Gauthier-Villars) anmerkte: „Man liebt ihn, weil seine Musik jene verruchte Sentimentalität besitzt, die den Halbweltsdamen gefällt.“ Wobei einem zum Stichwort „Sentimentalität“ auch noch die häufiger gegen Massenet ins Feld geführte angebliche Süße seiner Musik in den Sinn kommt.

Sicherlich nicht den Vielschreiber, aber sowohl den Frauenliebhaber als auch die Süße so mancher Melodie könnte man exakt genauso Puccini und auch Richard Strauss oder Erich Wolfgang Korngold attestieren. Allein das zeigt die Fragwürdigkeit derartiger Vorurteile, denn was wäre denn die Oper überhaupt ohne ihre tragischen und gelegentlich sicher auch mal leichtlebigeren Heroinen?

Hört man dann allerdings die Kompositionen dieses angeblichen „Mystiker des Separees“ oder auch als „Bizets Tochter“ verspotteten, so bleibt nicht nur von diesen heutzutage eher kurios anmutenden Vorhaltungen kaum etwas Nachteiliges haften. Im Gegenteil! Massenets musikalisch sehr abwechslungsreiche Opern sind letztlich eine faszinierende Spiegelung des Zeitgeschmacks im Fin de Siècle, wobei das eindeutig auf den Publikumsgeschmack abzielende Kalkül sich stets äußerst geschickt und virtuos gehandhabt präsentiert. Lyrischer Belcantoschmelz wird kombiniert mit weiten, sinnlichen Melodiebögen und wo geboten zeigt sich auch im klanglich Exotischen, wie geschickt der Komponist lokale und historische Idiome zu nutzen verstand. Allerdings kann weder von Schmalz statt Schmelz und ebenso wenig von saccharinsüß ernsthaft die Rede sein. Wobei eine gewisse Süße der Verbreitung eines Stücks doch niemals ernsthaft im Wege gestanden hat.

Massenet erweist sich in der exzellenten Behandlung des Orchesters und der Singstimmen als ein Meister seines Fachs. Das zeigt sich rasch beim eingehenderen Hören des vorliegenden Box-Sets. Es wird deutlich, was bereits der Dirigent Georges Prȇtre festgestellt hat, nämlich dass jede der Opern Massenets eine völlig eigene charakteristische Klangfarbe besitzt. In aller Regel sind diese Kompositionen unüberhörbar inspiriert und verschmelzen das von anderen (u. a. auch von Wagner) Übernommene zu einem letztlich unverkennbar eigenen, wandlungsfähigen Personalstil. Praktisch durchgängig verfügt diese Musik dabei über eine glanzvolle Oberfläche und ist dabei zugleich in einem hohem Maße eingängig und von so vielfältigem Reichtum, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Damit ist die in Vielem elegante und immer betörende Musik dieses Komponisten eben auch in der Lage, die in der Breite doch eher konservative Klientel der Opern- und Konzertbesucher, welche den Neutönern mehr oder weniger ablehnend gegenübersteht, praktisch unmittelbar für sich einzunehmen. Insofern müsste Massenet überhaupt einiges Potential auch für deutsche Opernbühnen besitzen. Dabei steckt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der vielschichtig und durchaus modern interpretierbaren Opernästhetik des Komponisten noch in den Kinderschuhen. Dafür seien nur stichwortartig angeführt der religiöse Fanatismus in „Thaïs“, die in den Idealen der Vergangenheit verhaftete, somit völlig aus der Jetztzeit-Realität gefallene und damit letztlich komische, aber zugleich so tragische Figur des Ritters von der traurigen Gestalt in „Don Quichotte“, die gebrochen stilisierte Märchenatmosphäre des vertrauten Aschenbrödel-Stoffs in „Cendrillon“ oder auch die über den Verismo Leoncavallos deutlich hinausgehende, fast schon etwas (modern-)collagenhaft und damit besonders krass anmutende Versinnbildlichung des 2. Karlistenkriegs (1872–1876) in „La Navarraise“.

Aber auch wenn zwischenzeitlich zweifellos bereits etwas in Bewegung gekommen ist, so ist in diesem, wie auch in vergleichbaren Fällen, noch längst nicht die Zeit gekommen, die Hände in den Schoß zu legen. Es ist vielmehr mitentscheidend, dass neben dem Opern- und Konzertbetrieb auch die Tonträgerindustrie dabei mitwirkt, die hörenswerte Musik dieses Franzosen nachhaltig aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Dabei nimmt sich die Diskografie des Komponisten insgesamt erfreulicherweise schon recht eindrucksvoll aus: Wenn auch recht verstreut, so ist es derzeit immerhin grundsätzlich möglich (ein paar Einspielungen sind zz. vergriffen) insgesamt 17 seiner 25 Opern sowie drei der vier Oratorien in mindestens einer Gesamteinspielung zu studieren.

Im Jahr 2012 hatte Universal Music bereits zum 100. Todestag des Komponisten aus den unter seinem Dach versammelten Traditionslabels (hier die Decca) eine 23 CDs umfassende „Massenet-Edition“ als Box-Set vorgelegt. Warner Music hat nun nachgelegt und aus den im hauseigenen Archiv befindlichen Schätzen (fast durchweg aus dem EMI-Opernkatalog) ausgewählt und ein ebenfalls sehr beachtenswertes, sieben Massenet-Opern zum sehr günstigen Preis vereinendes 16-CD-Box-Set präsentiert. Darin sind neben den beiden Repertoire-Klassikern „Manon“ (Pierre Monteux, 1955) und „Werther“ (Georges Prȇtre, 1968–69) folgende Werke enthalten: „Hérodiade“ (Michel Plasson, 1994); „Thaïs“ (Lorin Maazel, 1976); „Sapho“ (Roger Boutry, 1976–78);  „Le Jongleur de Notre-Dame“ (Roger Boutry, 1978) und „Don Quichotte“ (Michel Plasson, 1992).

Hier bekommt der Interessierte die Gelegenheit, vom Massenet’schen Hauptwerk, den Opern, schon ein beachtliches Stück in die Tiefe gehende Eindrücke zu erhalten und diese mit dem hier und anderswo zu Massenet zu findenden abzugleichen. Bei „Manon“ hätte man auch auf die ebenfalls aus dem EMI-Repertoire stammende, klangtechnisch eindeutig überlegene 2000er Einspielung unter Antonio Pappano und dem Orchestre Symphonique de la Monnaie zurückgreifen können. Hier hat man der in besonderem Maße hochgelobten 1955er Mono-Version unter Pierre Monteux und mit Victoria de los Angeles in der Titelrolle den Vorzug gegeben, die klanglich zwar nicht in der Top-Region, sondern eher in gehoben solider Mono-Mittelklasse anzusiedeln ist, dabei jedoch durchaus transparent und recht frisch klingt. Darüber hinaus bekommt man hier auch noch den traditionellen so typisch französischen Gesangsstil zu hören, der infolge der Internationalisierung im Musikgeschäft ab den 1960er Jahren inzwischen weitgehend ausnivelliert ist.

Auch im Übrigen wird der Käufer sehr gut, angesichts des günstigen Preises sogar tadellos bedient. Eine Oper ist hier übrigens mein Geheimtipp: und zwar „Le Jongleur de Notre-Dame“ („Der Spielmann unserer Lieben Frau“). Auf den ersten Blick ist dieses Stück Massenet-untypisch, da hier doch keine einzige Frauenrolle vorkommt und Frauenstimmen nur in den Engelszenen erklingen. Die nach einer mittelalterlichen Legende gestaltete Oper ist insgesamt von einer angenehmen Leichtigkeit und dabei musikalisch überaus ansprechend mit einem archaisierenden Tonfall versehen, der sowohl einen Hauch von Mittelalter als auch die sakrale Klosteratmosphäre äußerst charmant spiegelt. Damit ist der Jongleur von einer Aura besonders anrührender Klänge geprägt, welche dem französischen Maestro besondere Ehre machen. Wer bei Massenet mit dem Opern-Set von Warner Music einsteigt, dem wird bewusst werden, dass es hier doch noch so manch Wertvolles zu entdecken gibt.

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Titel: Massenet: Operas
Erschienen: 5/2018

Zusatzinformationen: div. Orchester und Interpreten

Medium: CD (Klassik)
Label: Warner Music
Kennung: 16-CD-Set

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