Blu-ray

Veröffentlicht am 01.11.2017 | von Michael Boldhaus

Die Uhr ist abgelaufen

Die Uhr ist abgelaufen Michael Boldhaus
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James Stewart ohne Anthony Man: Die Uhr ist abgelaufen

James Stewart startete seine Westernkarriere mit Broken Arrow * Der gebrochene Pfeil (1950) von Regisseur Delmer Davis. Im Anschluss begann er seine Zusammenarbeit mit dem aufstrebenden Regisseur Anthony Mann, aus der die fünf erfolgreichen und bis heute zu den Klassikern des Westerngenres zählenden Streifen Winchester ʼ73 (1950), Bend of the River * Meuterei am Schlangenfluβ (1952), The Naked Spur * Nackte Gewalt (1953), The Far Country * Über den Todespaβ (1954) und The Man from Laramie * Der Mann aus Laramie (1955) resultieren. Mit Mann zusammen arbeitete Stewart übrigens auch noch in der beachtlichen Filmbiographie The Glenn Miller Story * Die Glenn Miller Story (1954), dem weniger bedeutenden Abenteuerfilm Thunder Bay * Die Todesbucht von Louisiana (1953) sowie dem Kalter-Krieg-Propaganda-Streifen Strategic Air Command * In geheimer Kommandosache (1955).

Ursprünglich sollte Night Passage * Die Uhr ist abgelaufen (1957) das nächste Westernprojekt von Mann und Stewart werden. Doch dazu kam es nicht. Stewart wollte die von ihm verkörperte Figur des Grant McLaine weniger als einen der von Mann bevorzugten innerlich zerrissenen und von Schatten seiner Vergangenheit verfolgten Typen interpretieren. Er wollte die Rolle nicht nur positiver und softer anlegen, sondern zugleich seinem Faible für das Akkordeonspiel einen Platz einräumen, indem er die zwei auch in die Filmmusik von Dimitri Tiomkin integrierten Lieder selbst interpretierte: „Follow the River“ und „You Canʼt Get Far Without a Railroad“. Als Ersatz für Mann sprang der vom Fernsehen kommende Regisseur James Neilson ein. James Stewarts eher bescheidenes Sängertalent ist anhand der Tonspur nachvollziehbar geblieben, seine Akkordeonbegleitung hingegen wurde ironischerweise während der Nachproduktion durch die eines professionellen Musikers ersetzt.

Grant McLaine, ehemaliger Mitarbeiter der Eisenbahn, ist vor fünf Jahren gefeuert worden, weil er bei der nach einem Überfall erfolgten Verfolgung der Täter, Whitey Harbin (Dan Duyea) und seiner Gang, den Verdacht nicht ausräumen konnte, er habe eines der Bandenmitglieder, Utica Kid (Audie Murphy), vorsätzlich entkommen lassen. Jetzt droht der Eisenbahngesellschaft, deren Lohngelder inzwischen bereits zweimal von diesen alten Bekannten geraubt worden sind, zusätzlicher Ärger, weil die erbosten Streckenarbeiter mit Streik drohen. McLaine erhält die Chance, sich zu rehabilitieren und seinen alten Job zurückzugewinnen, wenn es ihm gelingt, beim nächsten Transport die Lohngelder durchzubringen. Im Verlauf der Handlung beschützt McLaine nicht nur den Waisenjungen Joey – verkörpert von Brandon de Wilde aus Mein groβer Freund Shane. Im dramatischen, bleihaltigen Finale gelingt es ihm auch, Utica Kid, der sich als sein jüngerer Bruder erweist, wieder auf die Seite der Guten zu bringen, indem sich dieser opfert.

Nun, auch wenn der Film qualitativ sicher nicht voll an die vorhergehenden Stewart/Mann-Western heranreicht: So mäßig, wie manche Kritiken ihm bescheinigen, ist der m.E. sehr unterhaltsame Night Passage denn doch nicht. Über einige der dezenten Schwächen hilft bereits die herrliche Landschaftsfotografie vom als „Kameramann der Garbo“ geläufigen William H. Daniels hinweg, der die im herbstlichen Colorado gelegenen Drehorte äußerst stimmungsvoll eingefangen hat. Und die übrigen kleineren Mankos des Plots verblassen hinter Dimitri Tiomkins mit einem besonders prachtvollen Hauptthema aufwartender Filmmusik. Dieses erscheint direkt zu Beginn in der vom Chor angestimmten Songversion „Follow The River“. „Follow the River“ bildet auch im instrumentalen Score das Rückgrat, und das dramaturgisch besonders wichtige Lied „You Can’t Get Far Without a Railroad“ wird ebenfalls aufgegriffen. Zwar zählt Night Passage musikalisch nicht zu den ganz großen, aber zweifellos zu den routiniert guten Westernkompositionen Tiomkins. Eine CD-Veröffentlichung des möglichst kompletten Scores, soweit im Universal-Archiv vorhanden, wäre daher zweifellos eine sehr willkommene Bereicherung der Tiomkin-Diskografie. Bis dahin muss es die besonders gelungene Interpretation des Main Title durch die John McCarthy Singers mit dem London Studio Symphony Orchestra unter der Leitung von Laurie Johnson tun, erstmalig (noch auf LP) veröffentlicht im Jahr 1981, dann 1988 auf CD erschienen als  Unicorn-Kanchana-Sampler „The Western Film World of Dimitri Tiomkin“.

Night Passage in HD auf BD

Technirama sorgt bei dieser Blu-ray-Veröffentlichung für die hervorstechend brillante Bildqualität. Seine Weltpremiere erlebte das technisch besonders hochwertige Verfahren (denn das ist VistaVision kombiniert mit dem breiteren CinemaScope-Format – siehe dazu Die zehn Gebote) mit der in Italien produzierten Komödie The Monte Carlo Story * Die Monte Carlo Story (1956). Mit Night Passage kam es erstmalig bei einer US-Produktion zum Einsatz. Bemerkenswerterweise sind auch Teile des Rollentitels dem typischen Technirama-Logo gelungen angepasst worden. Bereits in den früher eher regelmäßigen Auftritten des Films im deutschen Fernsehen hat der Streifen nie schlecht ausgesehen, aber der HD-Transfer vom in vorzüglichem Zustand befindlichen Filmmaterial lässt die visuellen Trümpfe des Films jetzt erstmalig in ihrer ganzen Brillanz hervortreten. Das Bild ist sehr detailfreudig und beeindruckt darüber hinaus durchweg durch seine hervorragende Schärfe, die bis in die Tiefe der Landschaften reicht. Ebenso vorzeigbar sind neben dem sehr guten Schwarzwert der tadellose Kontrast sowie die so charakteristischen wie überzeugenden Herbsttöne Colorados, eingefangen in unverwechselbarem Dreifarben-Technicolor. Wo geboten, stechen dem Betrachter auch einzelne besonders satt leuchtende Technicolorfarben (etwa in Kostümen) ins Auge. Das offenbar naturbelassene, äußerst feine Filmkorn ist keineswegs störend. Der Mono-Ton zu den Bildern in Deutsch ist sehr ordentlich und bietet erfreulicherweise die klassische Kinosynchronisation.

Die Boni-Kollektion ist gegenüber den Zugaben moderner Blockbuster (zwangsläufig) schlicht ausgefallen. Neben einer den Koch-Media-Präsentationen verwandten Bilder-Galerie, bestehend aus Werbematerialien, findet sich nur ein englischer Kino-Trailer in eher bescheidener SD-Qualität.

Fazit: Die Uhr ist abgelaufen (1957) zählt zwar nicht zu den ganz großen Vertretern des Westerngenres. Unterm Strich handelt es sich jedoch um eine grundsolide Westernunterhaltung mit Nostalgiefaktor. Nicht zuletzt die an Sonntagsschule erinnernden Debatten über Gut und Böse zwischen McLaine und Utica Kid besitzen 50er-Jahre-Charme. Nachhaltig unterstützt wird die Wirkung des Films durch die dank  HD und Technirama besonders prächtig zur Geltung kommende Kameraarbeit von William H. Daniels und auch die unverwechselbare, markante Musikuntermalung von Dimitri Tiomkin.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Titel: Die Uhr ist abgelaufen (Night Passage)
Erschienen: 2017

Zusatzinformationen: USA 1957

Medium: Blu-ray
Verleih: Explosive Media/Koch Media
Kennung: BD-Edition

Regisseur(e):


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