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Veröffentlicht am 22.05.2017 | von Michael Boldhaus

Taboo, 1. Staffel

Taboo, 1. Staffel Michael Boldhaus
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Opulent, düster, geheimnisvoll & okkult: Die 1. Staffel der BBC-TV-Serie Taboo

Im Jahr 1814 kehrt ein längst Totgeglaubter nach London zurück: James Delany, Sohn einer indianischen Prinzessin und eines britischen Händlers, hat gerüchteweise die vergangenen 12 Jahre in Afrika verbracht und will nun, nach dem Tode seines Vaters, sein Erbe antreten.

Betrachtet man das als Cover dienende quasi schwarzweiße Serientitelmotiv von Hauptdarsteller Tom Hardy, der die zentrale Figur des James Delany verkörpert, dann erscheint dieser in seinem schwarzen Mantel nebst schwarzem Zylinder mit seinem äußerst runzligen schwarz-weiß-schattierten unheimlichen Gesichtsausdruck kaum mehr zivilisiert, sondern geradezu als ein betont archaischer Rächer. Da erwartet man eigentlich, dass die TV-Serie mit ähnlich bedrückenden Bildern aufwarten wird. Aber das stimmt nur teilweise. Das als Hintergrund der Handlung dienende London im Jahr der Schlacht von Waterloo ist zwar auch ein nebeliger Platz von Schmutz und Elend, aber keineswegs ein Ort absoluter Finsternis. Auch seine pittoresken Seiten kommen in einer Reihe eindrucksvoller Stadtpanoramen sowie diverser, teilweise äußerst opulenter Ex- und Interieurs zum Tragen. Das Auge erfreut auch der Look, welcher keineswegs nur mit nervigem color-grading, also in unnatürlich grau-bläulich entsättigten Farben aufwartet, sondern verschiedentlich auch prächtige Farbtableaus mit einzelnen leuchtenden Farbtupfern zulässt.

Hinter den mehr oder auch erheblich weniger prachtvollen Fassaden verbergen sich freilich menschliche Abgründe: Ein Sumpf aus Gier, Zwietracht und Intrigen wird vor dem Zuschauer ausgebreitet. Selbstredend wird auch vor Gewalt und gar Mord nicht zurückgeschreckt. Taboo ist entsprechend bevölkert mit zum Teil äußerst skurrilen Figuren, die im Umgang mit ihren Mitmenschen nicht gerade zimperlich sind. Dabei ist Delany selbst ein Getriebener, ein wortkarger, mitunter selbst etwas irre erscheinender Einzelgänger, dessen Vergangenheit weitere düstere Geheimnisse birgt. Auch von „moralisch sauber“ kann im Gezeigten keinesfalls die Rede sein. Aber das beinhaltet der bewusst skandalträchtig gewählte Titel „Tabu“ ja bereits. Oona Chaplin, die Tochter von Charlie Chaplin, verkörpert Delanys Halbschwester Zilpha, der er inzestuös verbunden ist.

Die Serie beginnt sehr ruhig erzählt und vielversprechend zugleich. Je weiter die Handlung voranschreitet, deutet alles immer deutlicher auf einen raffiniertem Masterplan Delanys hin, der im Staffel-Finale kulminiert. Selbiges vermag schließlich aber dann nur teilweise zu überzeugen, da der Handlungsverlauf in manchem doch arg überkonstruiert wirkt. Neben der exzellenten, für eindrucksvolle Bebilderung sorgenden Ausstattung ist die viel Wert auf Authentizität im Zeitkolorit legende Inszenierung das, was den besonderen Reiz dieser TV-Serie ausmacht. So wird in einem Londoner Theater mit kleiner Instrumentalbesetzung Beethovens 6. Sinfonie, die „Pastorale“, aufgeführt, und zwar von Instrumentalisten der historisierenden Klangformation „The Hanover Band“. Der rhythmisch so turbulent wie dramatisch gehaltene 4. Satz: Allegro (Gewitter und Sturm) dient originellerweise auch als „Filmmusik“ zum ersten Mordversuch an Delany und unterlegt dann auch noch den Abspann des zweiten Teils. Ebenfalls geschickt in Szene gesetzt ist eine Chemie-Demonstration der Royal Society. Darüber hinaus ist aber ebenso der historische Hintergrund raffiniert in die Handlung einbezogen. 1814 ist ja nicht nur das Jahr von Waterloo. Neben den Napoleonischen Kriegen neigte sich auch ein weiterer militärischer Konflikt seinem Ende zu: Der British-Amerikanische Krieg von 1812–14, in dem eines der anvisierten amerikanischen Ziele war, die Engländer nun auch aus Kanada zu vertreiben. Das jedoch wurde ein totaler Fehlschlag. Zur Zeit der Filmhandlung saßen die Parteien bereits in Gent am Verhandlungstisch, wobei auch die bis heute gültigen Grenzen zwischen den USA und Kanada festgelegt wurden. Und hier kommt interessanterweise Delanys Erbe ins Spiel: Nootka Sound, eine an der Westküste von Vancouver Island gelegene, tiefe Meeresbucht (Sund). Zuvor eher unbedeutend wird dieser Sund nun für die Partei, welche ihren Besitz für sich reklamieren kann zum Schlüssel für den Seehandel mit China. Kein Wunder also, dass die entsprechenden Kräfte hochgradig gefährlich bis mörderisch aktiv werden.

Mark Gatiss (aus Sherlock) verkörpert den für seinen geistig verwirrten Vater, Georg III., die Regierungsgeschäfte ausübenden Prince of Wales, also den amtierenden Prinzregenten (den späteren König Georg IV.). Dieser wird hier als ein sowohl rein äußerlich betont hässlicher als auch im Handeln skrupelloser Charakter geschildert – welchen Peter Ustinov 1954 in MGMs Beau Brummel * Beau Brummel – Rebell und Verführer ungleich positiver interpretierte. Er ist Sinnbild für die Britische Krone, der sich neben der vergleichbar mächtigen East India Company, vertreten durch Sir Stuart Grange (Jonathan Pryce aus Game of Thrones) noch die Amerikaner als dritte Partei im Ränkespiel hinzugesellen.

Am Schluss eines blutigen und actionreichen Staffelfinales sind zwar längst nicht alle, aber doch ein gerütteltes Maß an Finsterlingen auf der Strecke geblieben. James Delany und die über die acht Folgen der 1. Staffel um sich gescharten Getreuen gehen per Schiff auf große Fahrt. Mit seinen finalen Worten „We are Americans!“ wird im Schlussbild die britische Flagge eingeholt und die Amerikanische aufgezogen.

Der in sämtlichen Folgen der 1. Serienstaffel geradezu omnipräsente Tom Hardy gab den verschlossenen Einzelgänger zuletzt in Mad Max: Fury Road. Er hat übrigens zusammen mit seinem Vater, Chips Hardy, bereits vor Jahren die Idee zu Taboo entwickelt. Und neben den Hardys mit ihrer Produktionsfirma Hardy Son & Baker ist auch Ridley Scott über sein Studio Scott Free London mit an dieser BBC-Produktion beteiligt. Tom Hardy als Tom Delany, das ist zwar durchaus okay, aber seine eher kargen und machohaften Auftritte muss man schon sehr mögen, um diese nicht zumindest zwischendurch doch auch mal als etwas ermüdend zu empfinden.

Was es über die rund acht Stunden zu sehen gibt, hat einiges von Mantel-und-Degen-Abenteuer, ist aber ansonsten kaum eindeutig zu klassifizieren. Eine Portion Ripper Street ist in jedem Fall dabei, aber ebenso eine kräftige Prise Kannibalismus und Geschwistersex. Die skandalträchtigen Ingredienzien erscheinen allerdings ebenso aufgesetzt und letztlich entbehrlich wie auch der in den häufiger eingeschobenen Visionen Delanys zum Tragen kommende Okkultismus-Touch – auf den bereits das Serientitelmotiv anspielt (s. o.).

Taboo, „1. Staffel“ auf Blu-ray

Die 1. Staffel von Taboo kommt mit ihren acht Episoden verteilt auf zwei Blu-rays im üblichen Amary-Case in den Handel.

Bild und Ton

Die Silberscheiben hinterlassen optisch einen sehr guten Eindruck. Ein fast durchweg äußerst solides Kontrastverhältnis und außerdem ein meist satter Schwarzwert sorgen für detailfreudige Bilder. Nur ganz vereinzelt sind kurzzeitig kleinere Bildstörungen und Bandingartefakte erkennbar.

Qualitativ ebenfalls auf der Höhe der Zeit ist auch der Ton, in Deutsch sowohl als Dolby 2.0 als auch in DTS-HD Master Audio 5.1. Der überwiegend betont atmosphärische Tonmix hat neben einer recht weiträumigen Abbildung des akustischen Geschehens in den Actionpassagen auch noch ein Quäntchen Power in Reserve. Wer die Serie im teilweise durch Dialekte für nicht-Muttersprachler schwer verständlichen englischen Original sehen möchte, der kann bei Bedarf auf sehr solide übersetzte deutsche Untertitel zugreifen. Unschön ist freilich, dass die Blu-rays offenbar etwas lieblos-schlicht im Sinne von unkomfortabel produziert sind, denn der Player vermag sich nach Unterbrechungen nicht mal an die letzte Szene „zu erinnern“. So etwas dürfte heutzutage eigentlich nicht mehr vorkommen.

Extras

Boni sind nicht vorhanden. Es sei denn, dass man eine Concorde-Eigenwerbung betreibende Trailershow als solche bezeichnen mag.

Fazit: Taboo, 1. Staffel, ist ein sehenswertes, in Teilen jedoch auch etwas zweifelhaftes Mash-Up, in dem sich, wie so oft, Licht und Schatten ein Stelldichein geben. Trotz inhaltlich unleugbarer Schwächen schlägt, nicht ausschließlich dank der o.g. Vorzüge, sondern auch wegen der bis in kleine Rollen guten Darstellerriege, das Pendel alles in allem aber doch merklich zum Positiven hin aus. Es bleibt somit abzuwarten, ob die bereits in Auftrag gegebene zweite Staffel das durchaus vorhandene Potenzial besser auszuschöpfen vermag.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: Taboo, 1. Staffel
Erschienen: 2017

Zusatzinformationen: UK 2017

Medium: Blu-ray
Verleih: Concorde Video Home Entertainment
Kennung: 2x BD-Set

Regisseur(e):


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