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Veröffentlicht am 16.04.2017 | von Michael Boldhaus

Free State of Jones

Free State of Jones Michael Boldhaus
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Rebellion gegen die Sezession im US-Bürgerkrieg: Free State of Jones

Der US-Bürgerkrieg ist nach wie vor die blutigste, verlustreichste Auseinandersetzung, in welche die USA bislang verwickelt waren. Die Opferzahlen liegen nach neueren Schätzungen (2012) sogar deutlich über den bisher angenommenen rund 620 000: Mindestens 750 000 gelten inzwischen als sicher, sogar 850 000 als durchaus möglich. Regisseur Gary Ross (Die Tribute von Panem – The Hunger Games) wirft mit Free State of Jones nun Licht auf eine weitere, selbst in den USA kaum geläufige Facette dieses interessanten Konflikts: eine Rebellion derjenigen im zur Konföderation der Südstaaten zählenden Missouri, die nicht zur elitären Riege der reichen Plantagen- und Sklavenbesitzer gehörten, sondern als arme Farmer zu den Poor Whites zählten und sich selbst als „Southern Yankees“ bezeichneten.

Im Zentrum der Filmhandlung steht der 1837 geborene Newton Knight, welcher sich durch die äußeren Umstände radikalisierte und zum Outlaw und Anführer der unter äußerst schwierigen Bedingungen ihr Leben fristenden Farmer wurde. David McConaughey, der im Film von Gary Ross die Hauptrolle des Newton Knight recht markant verkörpert, hat sich längst vom Image des komödientauglichen Schönlings abgesetzt und sich auch in Charakterrollen etabliert, z.B. als Astronaut Joe in Christopher Nolans bemerkenswertem Science-Fiction-Film Interstellar (2014).

Infolge rücksichtslos durchgeführter konföderierter Requirierungen ihrer landwirtschaftlichen Erträge und Viehbestände sahen sich die Angehörigen der Farmer-Soldaten an der Heimatfront in eine existenzielle, das Überleben in Frage stellende Notlage versetzt. Und so wurden Knight und viele andere bereits zuvor Desillusionierte im Herbst 1862 zu Deserteuren, um ihren hungernden Familien daheim zu helfen. Hinzu kam die Empörung über das kurz zuvor verabschiedete „Twenty Negro Law“, welches reiche Pflanzer, die mehr als 20 Sklaven besaßen, vom Wehrdienst freistellte. Jasper Collins (Christopher Berry), ein Freund von Newton Knight, bemerkt dazu: „Dieses Gesetz macht es zum Krieg der Reichen, in dem die Armen kämpfen müssen.“ Knight wurde im Frühjahr 1863 in Haft genommen und misshandelt. Auch seine Familie wurde drastisch bestraft, indem man alles Brauchbare beschlagnahmte und Haus und Hof verbrannte. Er konnte jedoch fliehen und sammelte innerhalb kurzer Zeit weit mehr als 100 Leidensgenossen. Diese Gruppe, bezeichnet als Newton-Company, wurde bald noch zusätzlich durch entlaufene Sklaven verstärkt. Besagte Newton-Company begann, die konföderierten Autoritäten in zunehmendem Maße unter Druck zu setzen, indem man deren Vertreter geschickt in Hinterhalte lockte, ihnen Scharmützel lieferte und so ihre Aktivitäten bald komplett zum Erliegen brachte. Anfang 1864 waren die in der Konföderation beheimateten „Rebellen“ sogar so stark, dass sie zumindest zeitweilig die Oberhand gewannen. Die Konföderierten wurden aus Ellisville, dem ersten Bezirkssitz von Jones County, vertrieben und von den „Southern Yankees“, die auch Kontakt zu Unionsgeneral Sherman aufnahmen, auf dem Gerichtsgebäude eine Unionsflagge gehisst.

Die Angelegenheit erregte beträchtliches Aufsehen. Selbst der in Richmond residierende Präsident Jefferson Davis wurde darüber informiert, dass Jones County sich in offener Rebellion gegen die Sezession befände. Aber auch eine großangelegte Militäraktion mit rund 1000 Soldaten unter Colonel Robert Lowry konnte gegen die Aufständischen, welche sich unterstützt von weiten Teilen der Bevölkerung in den schwer zugänglichen Sümpfen versteckte, nur Teilerfolge erringen. Nach Lowrys Abzug erholte sich die dezimierte Newton Company rasch wieder, und das Katz- und Mausspiel begann von neuem.

Im April 1865 war der Bürgerkrieg zu Ende. Die deutlich darüber hinaus reichende Filmhandlung bedarf zum besseren Verständnis eines kleinen historischen Exkurses: Die sich anschließende Periode des Wiederaufbaus brachte anstelle von Integration der ehemaligen Sklaven vermehrt neue Verwerfungen. Alle Versuche, die befreiten Schwarzen gleichwertig im öffentlichen Leben zu integrieren, scheiterten, auch durch radikale Gewaltaktionen terroristischer Gruppen, wie dem 1866 in Tennessee gegründeten, besonders berüchtigten Ku Klux Klan. Letztlich ruinierte die in den Folgejahren zunehmend eskalierende Gewalt die Bestrebungen auch der Gutwilligen. Das verhängte Kriegsrecht und die Militäreinsätze heizten die Stimmung nur zusätzlich an. Präsident Grant (1869–1877) war der Letzte, der versuchte, die Schwarzen gleichzustellen. Aber auch er resignierte gegen Ende seiner zweiten Amtszeit, und so gewannen die alten Rassisten nach und nach wieder die Oberhand. Zwischen etwa 1876 und 1890 gelang es diesen, ein rigides System der Apartheid zu etablieren, das erst in den späten 1960ern (!) – angesichts der erstarkenden Bürgerbewegung – langsam aufgeweicht worden ist.

Newton Knight, der nach dem Krieg nicht nur als verdienstvoller Regierungsbeauftragter sondern ab 1872 auch als U.S.-Marshall tätig und im Jahr 1875 sogar als Oberst eines Infanterieregiments die korrekte Durchführung der Wahlen sichern sollte, resignierte ebenfalls und zog sich daraufhin auf eine Farm im Jasper County zurück. Dort zeugte er mit seiner zweiten Frau, der ehemaligen Sklavin Rachel (Gugu Mbatha-Raw), noch fünf weitere Kinder und bildete zusammen mit seiner ersten Frau Serena (Keri Russell), mit der er übrigens zuvor bereits neun Nachkommen in die Welt gesetzt hatte, eine nach damaligen Maßstäben geradezu ultramodern erscheinende Patchwork-Familie. Er starb friedlich im Februar 1922.

Free State of Jones erzählt seine Geschichte traditionell und ohne Hektik in zum überwiegenden Teil eher ruhigen Einstellungen. Ross lässt sich Zeit, die Figuren einzuführen und vorzustellen. Dabei versäumt es der Regisseur nicht immer wieder geschickt temporeich inszenierte Actioneinlagen einzustreuen. Der Film beginnt episch, nämlich mit Eindrücken von der zweiten Schlacht um die wegen ihrer Lage an einem Eisenbahnknotenpunkt strategisch wichtige Stadt Corinth, gelegen im nordöstlichen Teil des US-Bundesstaats Mississippi. Das Gezeigte erinnert durchaus an Bürgerkriegsepen wie Glory (1989) oder Gettysburg (1993). Die kurze Schlachtszene ist von beträchtlichem Realismus, allerdings ohne den Zuschauer mit extrovertierten Gewalt- und Splatter-Momenten abzustumpfen. Bemerkenswert ist auch der Hinterhalt, welchen die Knight Company während einer Beerdigungszeremonie den völlig überrumpelten Konföderierten vor einer Kirche bereitet.

Trotz der im Hollywoodkino selten derart eindrucksvoll gezeigten typischen Sumpfgegenden am Mississippi lässt der Film keinerlei Raum für romantisierende Betrachtungen des Lebens im „Alten Südens“, etwas, was man dem Klassiker Vom Winde verweht zumindest ansatzweise durchaus unterstellen kann. In der Figur des Newton Knight, für den offenbar galt, dass alle Geschöpfe Gottes gleich sind und was einer mit seinen eigenen Händen gesät hatte, das solle er auch ernten, besitzt der Film zweifellos einen klaren, allerdings tragischen Helden, da dieser letztlich scheitert. Der Film reißt in einer Szene zudem an, dass zwischen den weißen Mitgliedern der Knight-Company und den entlaufenen Sklaven keineswegs nur Harmonie herrschte. Ebenso wird verdeutlicht, wie unterschiedlich rigide für Schwarze und Weiße die Verhältnisse im Nachkriegssüden gewesen sind. Als sein schwarzer Mitstreiter Moses Washington (Mahershala Ali) im Nachkriegs-Mississippi um seinen Sohn kämpfen muss, welcher sich bei einem ehemaligen Sklavenhalter als „Lehrherrn“ praktisch in Leibeigenschaft befindet, warnt Knight den in Rage befindlichen Vater vor einem unüberlegten Alleingang: „Mich nehmen sie gefangen, aber dich erschießen sie!“

In einer kleinen, weit über die Wiederaufbauphase nach dem Bürgerkrieg  hinausreichenden, im Jahr 1948 angesiedelten Parallelhandlung steht einer der gemischtrassigen Nachfahren Knights vor Gericht, der eine Weiße heiraten will. Hier wird angerissen, welch dramatische Auswirkungen das im Jahr 1924 verabschiedete, „Ein-Tropfen-Gesetz“ hatte. Dabei ging es nicht nur darum, gemischtrassige Ehen zu erschweren, sondern auch den hellhäutigen, oftmals keinerlei afrikanische Merkmale aufweisenden Nachfahren aus Mischehen jedwede Einflussnahme im weiß-dominierten öffentlichen Leben massiv zu erschweren.

Allerdings bleibt im letzten Drittel des Films insbesondere zur Wiederaufbauperiode schon einiges sehr lückenhaft und allzu unscharf gezeichnet. Trotz dieser dezenten Schwächen und auch wenn er nicht annähernd vergleichbar unkonventionell ist wie Ang Lees besonders beeindruckender Beitrag zum Thema in Ride with the Devil (1999), bleibt auch der Film von Gary Ross eine interessante und sehenswerte Studie. Dass der Film in den USA arg gefloppt ist, nur knapp die Hälfte seiner rund 50 Mio. $ Produktionskosten einspielen konnte, dürfte wenig überraschen.

Free State of Jones von Blu-ray:

Die Blu-ray kommt in einer üblichen Amaray-Box inklusive eines Pappschubers daher.

Bild und Ton:

Für das insgesamt hochwertige Bild stehen entsprechende Werte bei Kontrast, Schärfe, Detailzeichnung, Schwarzwert und Farbwiedergabe. Der fast durchweg sehr knackige Bildeindruck, wird durch eine in den Spannungs- und Actionmomenten auf allen Kanälen aktive und, wenn es drauf ankommt, auch druckvolle Surround-Tonkulisse in DTS-HD Master Audio 5.1 kompetent unterstützt.

Die Extras:

Neben zwei Trailern gibt es eine handvoll Interviewausschnitte mit den Machern und Schauspielern. Erfreulicherweise sind diese sogar deutsch untertitelt. Darüber hinaus bestehen sie nicht aus dem üblichen Werbegeschwätz, sondern warten vielmehr mit so manch wertvoller Information zur Produktion auf.

Fazit: Regisseur Gary Ross hat mit Free State of Jones ein so bemerkens- wie sehenswertes Filmdrama zum US-Bürgerkrieg geschaffen, das eine außergewöhnliche, fast schon sozialistisch anmutende, selbst in den USA kaum bekannte Facette dieses interessanten Konfliktes beleuchtet. Die auf wahren Begebenheiten beruhende, faszinierende Story dürfte eingefleischten Südstaatlern selbst heute, mehr als 150 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs, ganz besonders gegen den Strich gehen.

Anhang mit weiterführenden Links:

 „The True Story of the ‘Free State of Jones’, von Richard Grant, Smithsonian Magazine, März 2016

„Newton Knight and the Legend of the Free State of Jones“ von James R. Kelly Jr., Mississippi Historical Society, April 2009

„Reconstruction in Mississippi, 1865-1876“, von Jason Phillips, Mississippi Historical Society, Mai 2006

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: Free State of Jones
Erschienen: 2016

Zusatzinformationen: USA 2016

Medium: Blu-ray
Verleih: EuroVideo
Kennung: BD

Regisseur(e):


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