CD

Veröffentlicht am 13.03.2016 | von Michael Boldhaus

Epic Hollywood: The Music of Miklós Rózsa

Miklós Rózsa life in Prag: am 28. September 2015, im Dvořák-Saal des Rudolfinums

Am rechten Moldauufer, nur rund 200 m von der Karlsbrücke entfernt, befindet sich in der Prager Altstadt das unmittelbar hervorstechende Rudolfinum. Der erhabene Gebäudekomplex, ein heller neobarocker Sandsteinbau, wurde 1881 fertiggestellt und ist benannt nach seinem Schirmherrn Kronprinz Rudolf von Habsburg. Er dient als Konzert- und Ausstellungsstätte. Neben dem vornehmlich für Kammerkonzerte genutzten kleinen Suk-Saal beherbergt das Rudolfinum den großen Dvořák-Saal, der 1100 Besuchern Platz bietet.

Ausschließlich Miklós Rózsas Filmmusik gewidmete Konzerte sind eher die Ausnahme als die Regel und zählen daher zu den recht seltenen Gelegenheiten. Das Prager Konzert bot einen großen Querschnitt durch das Œuvre, bei dem der Rózsa-Kenner allerdings fast ausschließlich auf sehr gute alte Bekannte stößt. Das gilt nicht für die beiden Stücke aus Sodom und Gomorrha, welche indirekt Bezug nehmen auf die erst jüngst vom Tadlow-Label vorgelegte herausragende Gesamteinspielung dieser zuvor eher unterschätzten letzten Sandalenfilm-Komposition des Ungarn. Und an dieser Stelle soll verdienterweise auch nicht der Hinweis auf die weiteren, sehr zu empfehlenden Rózsa-Tadlow-Alben fehlen, aus deren Musik beim Konzertabend ebenfalls Auszüge zu hören waren: Quo Vadis (1951), The Private Life of Sherlock Holmes (1970) und El Cid (1962).

Die bereits vom 1996er Silva-Rózsa-Sampler geläufige kleine Suite aus The Golden Voyage of Sinbad (1974), des Maestros Schwanengesang auf das Fantasy-Genre, sticht auch hier angenehm hervor. Das beflügelt ein weiteres Mal den bereits an anderer Stelle formulierten Wunsch, dass man sich auch dieses Scores noch einmal eingehender annehmen möge. Die bislang ausschließlich zugängliche Originaleinspielung wird der Komposition nämlich durch die völlig unbefriedigende Interpretation und den auch daraus resultierenden ebenso flauen wie flachen Klang nicht ansatzweise gerecht.

Einiges erklingt in speziellen, vom Notentext der originalen Filmkomsitionen partiell abweichenden Konzertarrangements, wie Ben Hur und Quo Vadis. „Rowing of the Galley Slaves“ aus Ben Hur ist übrigens auch hier, wie in sämtlichen mir geläufigen Konzertwiedergaben, zur viel zu schnell gespielten, auf Effektstück getrimmten Tour-de-Force geraten. In Der Dieb von Bagdad wird in der als „Overture“ bezeichneten Musik zur den Film eröffnenden Hafenszene in besonderem Maße deutlich, dass es sich hierbei nicht um die Originalfilmmusik handelt. Hat sich der Maestro beim Einrichten des Materials an einzelnen Stellen doch besonders große, unüberhörbare Freiheiten genommen, indem er einzelne Passagen um- oder auch neu hinzu komponiert hat. Elmer Bernstein hatte ja innerhalb seiner Filmmusic-Collection-Recordings 1977 auch dem Dieb ein auch heutzutage noch sehr beachtliches LP-Album gewidmet, welches über rund 44 Minuten die Highlights dieser meisterlichen ersten Fantasy-Musik gelungen interpretiert zusammenfasst. Die dafür erstellten Orchestermaterialien scheinen allerdings für öffentliche Aufführungen nicht verfügbar zu sein. Anscheinend ist dafür derzeit ausschließlich die vom Komponisten selbst für Konzertaufführungen eingerichtete Suite mit Erzähler erhältlich. Aber hier pfiffen es ja die geschwätzigen Spatzen bereits zuvor von den Dächern: Ein kompletter Dieb von Bagdad wird das nächste Rózsa-Projekt von Tadlow.

Alles in allem kommt das Doppel-CD-Album inklusive zweier Zugaben (!), dem El-Cid-Marsch und dem folkloristischen „Castles in Scotland“ aus The Private Life of Sherlock Holmes (1969) gerade Mal auf rund 90 Minuten Programm. An dieser Stelle konnte Fitzpatricks sehr kundenfreundliche Devise „giving value for money“ und damit das Ergänzen auf attraktive Gesamtspielzeit natürlich nicht zum Tragen kommen. Was hierzu bleibt, ist die in meinen Augen bedauerliche Feststellung, dass Konzertprogramme inzwischen absolut mehrheitlich standardisiert auf doch etwas magere eineinhalb Stunden konzipiert werden.

Der Konzertmittschnitt belegt die sehr gute Akustik des Dvořák-Saals in Form eines satten, offenen Raumklangs und präsentiert auch das Prager Orchester unter Nic Raine in sehr guter, leidenschaftlich aufspielender Form. Der im Laufe des Abends zunehmend begeisterte Applaus unterstreicht den sehr positiven Gesamteindruck zusätzlich. Trotz Live-Aufnahme halten sich auch die Nebengeräusche in sehr engen, das Gesamterlebnis nicht beeinträchtigenden Grenzen. Der Begleithefttext fällt für einen derartigen Sampler erfreulich sorgfältig aus. Es findet sich darin nämlich ein sehr informativer Text von Frank K. DeWald, der nicht nur zu sämtlichen der vertretenen Filme einige Hintergrundinfos enthält, sondern darüber hinaus punktuell auch mit einzelnen wichtigen Details zur jeweiligen Musik aufwartet.

Fazit: Aufgrund des in erster Linie aus diversen anderen Quellen hinlänglich bekannten Programms besitzt Tadlows Live-Mitschnitt vom Rózsa-Konzertabend im Prager Rudolfinum zwar keinen besonders großen Repertoirewert. Trotzdem ist das sehr engagiert, und wo geboten, auch mit Drive interpretierte Album keineswegs belanglos. Es ist in jedem Fall ein feines Souvenir für alle, die dabei waren, und ist natürlich ebenso ein schönes Prestigeobjekt für Tadlow und seinen Chef James Fitzpatrick. Aber auch für Nachwuchs, der vielleicht gern über eine mit moderner Aufnahmetechnik eingespielte Rózsa-Hit-Kollektion einsteigen möchte, ist das Produkt eine Überlegung wert, denn das Anhören bereitet beträchtlichen Spaß.

Hier finden Sie einen Überblick über alle bei Cinemusic.de besprochenen CDs des Labels Tadlow Music.

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Titel: Epic Hollywood: The Music of Miklós Rózsa
Erschienen: 2016

Zusatzinformationen: The City of Prague Philharmonic Orchestra, Ltg.: Nic Raine
Laufzeit: 90:35 Minuten

Medium: CD
Label: Tadlow (Vertrieb Tadlow/Silva Screen Records), 2 CDs
Kennung: 178

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