3D

Veröffentlicht am 27.02.2016 | von Michael Boldhaus

Alles steht Kopf (3D)

Alles steht Kopf (3D) Michael Boldhaus
Film
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Pixar visualisiert das menschliche Bewusstsein: Alles steht Kopf

Inside Out * Alles steht Kopf lautet das Motto des mittlerweile 15., dieses Mal auf ganz außergewöhnliche Art emotionalen Disney-Pixar-Animationsabenteuers. Der Hauptteil der Filmhandlung spielt sich nämlich nicht in der realen Welt, sondern im Kopf eines elfjährigen Mädchens ab, wo uns die Pixar-Macher auf humorvolle Art Einblicke in die im Gehirn ablaufenden Prozesse gestatten. In dieser Cartoon-Version von Neurologie sitzen fünf markant animierte Emotionen (Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel) an den Schalthebeln und sind bemüht, die auf das werdende Menschlein einströmenden Eindrücke sinnvoll zu verarbeiten und das Befinden ihres Individuums möglichst optimal zu steuern. Dabei macht sich das Emotionsteam untereinander zwar durchaus Konkurrenz, aber trotzdem wird ein gemeinsames Ziel angestrebt: Riley soll sich trotz gelegentlicher Störungen ihres Gemütszustandes, hervorgerufen primär durch Angst, Wut oder Ekel, immer möglichst wohlfühlen.

Dieser ungewöhnliche Ansatz ist etwas, das in besonderem Maße die experimentelle Pixar-Phase bis Oben (2009) und auch die Vor-Disney-Pixar-Ära (also die vor 2006) ins Gedächtnis ruft. Wohl nicht zufällig ist es Oben-Regisseur Pete Doctor, der bei Alles steht Kopf die Federführung übernommen hat. Dabei wird das sehr komplexe Thema natürlich stark vereinfacht, aber ebenso selbstverständlich voll Fantasie und Humor und natürlich mit ebenso viel Herz angegangen.

Der nach außen gekehrte, in der realen Welt spielende Teil der Geschichte ist dabei eher schlicht: Die elfjährige Riley ist bisher in einem idyllisch-beschaulichen Kleinstädtchen in Minnesota aufgewachsen und hat in dieser Zeit in erster Linie positive Erfahrungen im Sinne einer glücklichen Kindheit gesammelt. Jetzt zieht sie mit Ihren Eltern um nach San Francisco. Bisher dominierten in ihrem Bewusstsein die von der sonnengelben, feenartig leuchtenden, quirlig-schlanken „Freude“ gesteuerten Erfahrungen. Freude ist auch fortwährend darum bemüht, die anderen, insbesondere ihr Pendant Kummer, von den Reglern fernzuhalten. Das spiegelt sich in den ebenfalls sonnengelben Erinnerungsbällen, welche in Rileys Gehirn durch eine Art Rohrpost transportiert werden und derzeit in besonders großer Menge in endlos erscheinenden Regalen verwahrt sind. Aber nun verursacht das unbekannte Neue Irritationen. Herausgerissen aus der vertrauten idyllischen Umgebung, ohne ihre vertrauten Spielkameraden und Freunde, stürzen die völlig neuen Erfahrungen des Lebens in der Großstadt Riley zunehmend in ein emotionales Chaos, stellen dabei letztlich alles auf den Kopf.

Durch eine Verkettung überschäumender Emotionen kommt es in der Schaltzentrale zu einem Unfall, bei dem die den Alltag bestimmenden zentralen Emotionen, die bereits geläufige „Freude“ und die blaue, etwas depressiv und antriebsschwache, mit Omi-Frisur und riesiger Brille ausgestattete und dazu etwas pummlige „Kummer“, in entfernte Hirnbereiche des Langzeitgedächtnisses katapultiert werden. Jetzt sitzen an den Schalthebeln allein noch die normalerweise nur kurzzeitig die Oberhand erhaltenden Emotionen, das feuerrote, klobige Männchen „Wut“, ein grünes Fräulein als „Ekel“ sowie ein spindeldürres violett-pinkfarbenes Männlein mit Röhren-Pulli und Fliege, welches die „Angst“ verkörpert. Auch wenn diese drei ihr Bestes geben, kann das natürlich nicht wirklich funktionieren, und so wird Rileys Gefühlschaos langsam immer größer.

Das Duo Freude und Kummer versucht, zurück zur Schaltzentrale zu finden, aber das erweist sich als nicht so einfach. Sie begegnen einer Fantasiegestalt aus Rileys früher Kindheit, dem so urigen wie liebenswerten Bing Bong. Diese überaus witzige Kreuzung aus Elefant, Delphin und Katze will ihnen den Weg weisen. Auf der sich anschließenden, abenteuerlichen Odyssey des Trios durch die verschiedenen Regionen des Gedankenapparats bekommt der Zuschauer viel Originelles zu sehen: etwa den dezent verwirrend-ulkigen Bereich des abstrakten Denkens, eine hollywoodähnliche Fabrik der Träume oder einen überbordenden Rummelplatz der Wünsche. Und dass sich im Unterbewusstsein auch Monster befinden, wird dabei ebenso wenig unterschlagen – wobei der Auftritt einer überdimensionierten Clownfigur für sehr kleine Zuschauer denn doch etwas zu erschreckend sein dürfte.

Als die drei dann auch noch in die dunklen Abgründe des Vergessens abgestürzt sind, einem nicht bloß trostlosen, sondern zugleich sehr gefährlichen (!) dunklen Ort, wo sich bereits massenweise erloschene, schwarze Erinnerungsbälle befinden, wird Bing Bong schließlich zum tragikomischen Held und Retter in höchster Not. Bevor er beginnt, sich aufzulösen, also endgültig vergessen zu werden, kann er seinen beiden Mitstreiterinnen noch helfen, zu entkommen und in die Schaltzentrale zurückzugelangen.

Die Moral von der Geschicht’ ist anrührend umgesetzt, nämlich, dass eben nicht alles immer nur die reine „Freude“ sein kann. Freude und Kummer haben vielmehr gelernt, dass sie einander in besonderem Maße brauchen und zukünftig eng zusammenwirken müssen. Auch weniger positive Emotionszustände wie Melancholie oder Trauer gehören in der Balance des Lebens mit dazu. Alle Emotionen spielen im Lernprozess des Erwachsenwerdens im Speziellen und des Lebens im Allgemeinen eine mitentscheidende Rolle und sind letztlich dabei behilflich, die Stürme des Daseins zu meistern, immer wieder ein seelisches Gleichgewicht zu finden und somit letztlich Zufriedenheit zu erreichen.

Am herzenswarmen und zugleich augenzwinkernden Schluss ist Rileys offenbar erste große Lebens- und Sinnkrise auf dem noch langen Weg zum Erwachsensein bereinigt, das seelische Gleichgewicht ist wieder hergestellt. (Auch wenn es an dieser Stelle mit der Glaubwürdigkeit etwas hapert. Angesichts der insgesamt so liebevollen Umsetzung und des anvisierten netten Schluss-Gags bleibt der Schnitzer verzeihlich und fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht.) Die in der Schaltzentrale versammelten – noch wenig erfahrenen – Emotionsakteure sind entsprechend zuversichtlich, dass nun nichts vergleichbar Schlimmes mehr passieren könne. Dabei zeichnet sich für den Zuschauer bereits eindeutig die nächste, bereits vor der Tür stehende Katastrophe ab: die Pubertät.

Alles steht Kopf auf 3D-Blu-ray

An den Verkaufsstart geht der neue Pixar in der 3D-Version in einer drei Discs umfassenden Ausgabe.

Homevideo macht’s möglich: Und so wird auf den zweiten, dritten oder gar vierten Blick noch zusätzlich so manch originelles Detail auffällig. So besitzen die völlig gegensätzlichen Emotionen Freude und Kummer visuell denn doch eine Gemeinsamkeit: die Haarfarbe. Ebenso wenig zufällig dürfte sein, dass die Figuren, welche bei Riley die Emotionen verkörpern – im Gegensatz zu denen bei Vater und Mutter – (noch) gemischtgeschlechtlich auftreten. Und die Lichtgestalt der Emotionen, „Freude“, strahlt derart, dass sie als einzige keinen Schatten wirft. Ein weiteres Merkmal, das an die Disney-Perfektion bereits seit Schneewittchen (1938) erinnert, ist, dass in der jeweiligen Sprachfassung sämtliche schriftlichen Hinweise im Film ebenfalls übersetzt sind.

Bild und Ton

Was die komplett am Computer generierte Optik angeht, enttäuscht Pixar natürlich nicht: Die bunte Gedankenwelt ist sowohl fantasievoll animiert als auch sehr farbenfreudig gehalten. Die Silberscheiben hinterlassen sowohl in 3D wie 2D optisch wie akustisch einen tadellosen, in ihrer Brillanz fast durchweg sogar referenzwürdigen Eindruck. Ein annähernd perfektes Kontrastverhältnis, ein knackiger Schwarzwert im Verbund mit exzellenter Schärfe sorgen beim Bild für eine Fülle an Details. Auch die häufig prallbunte Farbpalette erscheint in saubersten Abstufungen und Übergängen. Der Gesamteindruck ist entsprechend vorzüglich. Die 3D-Version verleiht den bereits in 2D sehr plastisch anmutenden Bildern zusätzlich noch einen sehr unaufdringlichen, natürlichen Raumeffekt mit vorzüglicher Tiefenstaffelung. Ghosting-Artefakte sind so gut wie nicht vorhanden.

Qualitativ ebenfalls sehr hochwertig sind dazu die sowohl in Deutsch (Dolby Digital Plus) wie auch in Englisch (dts-HD-Master) in 7.1-Abmischung vorliegenden Tonspuren. Ein wohl ausbalanciertes sehr weiträumiges Klangfeld, durchsetzt mit vielen direktionalen Effekten umgibt den Hörer. Auch feine akustische Details werden überzeugend abbildet.

Extras

Auf der 3D-Disc befindet sich auch der im Vorprogramm gezeigte Kurzfilm Lava, der trotz seiner ansprechenden Grundidee inklusive vorzüglicher technischer Umsetzung zu den etwas blasseren Mini-Produkten der Pixar-Schmiede zählt. Die Masse der recht umfangreichen Boni (sämtlich in HD) befindet sich auf der dritten Disc. Zusammen mit einem aufschlussreichen Audiokommentar (zur 2D-Version des Films auf Disc 2) werden unter „Hinter den Kulissen“ insgesamt wertvolle Einblicke in die Entstehung des Films und außerdem in die Arbeitsteilung sowie die Arbeitsabläufe bei Pixar vermittelt. Neben fünf „Zusätzlichen Szenen“ und drei Film-Werbe-Trailern gibt’s auch noch den amüsanten, wahrlich in die Zukunft weisenden Kurzfilm Rileys erstes Date zu schauen.

Fazit: Alles steht Kopf erklärt Neurologie ungezwungen, indem er sich so charmant wie gewitzt im Cartoonstil auf den Trip durch die Labyrinthe des Verstandes begibt. Das erfrischende Resultat ist für die Kleinen sicher „nur“ unterhaltsam. Für große Zuschauer wird es hingegen auf ganz besondere Art und Weise erleb- und fühlbar: nämlich geradezu unverwechselbar Pixar-typisch.

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema Blu-ray-Disc versus DVD.

Titel: Alles steht Kopf (3D)
Erschienen: 2016

Zusatzinformationen: USA 2015

Medium: Blu-ray, 3D
Verleih: Walt Disney Studios Home Entertainment; 3BD-Set (1x 3D-BD + 2x2D-BD)

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