DVD

Veröffentlicht am 26.12.2009 | von Michael Boldhaus

Am grünen Strand der Spree

Am grünen Strand der Spree Michael Boldhaus
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Nach dem überwältigenden Erfolg des sich als Straßenfeger erweisenden TV-Mehrteilers So weit die Füße tragen (1959) nahm Regisseur Fritz Umgelter direkt das nächste vergleichbare Projekt in Angriff. Wieder war es ein Mehrteiler nach einer seriösen Buchvorlage. Dieses Mal nach dem 1955 erschienenen Roman „Am grünen Strand der Spree — So gut wie ein Roman“ des Berliner Autors Hans Scholz (1911–1988). Der Titel bezieht sich auf den Refrain eines Volklieds, gewidmet der damaligen „Frontstadt“ Berlin. Am grünen Strand der Spree wurde zur fünfteiligen Mini-Serie und ist von März bis Mai 1960 erstmals in der ARD ausgestrahlt worden. Wie bereits der o. g. Vorläufer wurde auch diese TV-Reihe zum Straßenfeger.

Im Berlin des Jahres 1956 trifft sich in der Jockey-Bar eine Herrenrunde alter Bekannter, die sich seit dem Krieg aus den Augen verloren haben. Der Anlass: Im Rahmen eines fröhlichen langen Abends soll einer der Runde, der schwer angeschlagene Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft, der Generalmajor a. D. Hans-Jörg Lepsius, aufgemuntert werden, um sich leichter in das Leben im aufstrebenden Wirtschaftswunderland Bundesrepublik zu integrieren. Man erzählt sich reihum kleinere und auch größere Geschichten aus der Vergangenheit. Doch das daraus Resultierende ist meist alles andere als nostalgisch und beschaulich, denn immer wieder spielen Ereignisse der jüngeren aber auch älteren Vergangenheit der Spree-Metropole hinein, in erster Linie aus der NS-Ära und dem Zweiten Weltkrieg.

So sind z. B. die vom Spätheimkehrer Lepsius in der ersten Folge, Das Tagebuch des Jürgen Wilms, vorgetragenen Einblicke in den Vernichtungskrieg im Osten erschütternd. Da ist nicht nur vom langwierigen, für die deutschen Angreifer verlustreichen Abwehrkampf eingeschlossener russischer Truppenteile die Rede. Etwas, das die auf Blitzkrieg und Sondermeldung abonnierte NS-Propaganda einfach unterschlug. Wilms berichtet auch von den Gräueltaten abseits der Schlachtfelder, den Massenerschießungen an den Juden.

Die zweite Folge, Der General, schildert eine Episode aus Norwegen im Sommer 1944. Während sich die Lage im vom Inferno der Luftangriffe heimgesuchten Reich fast täglich verschlimmert und Stauffenberg und seine Verschwörer den Staatsstreich versuchen, fühlen sich Offiziere und Mannschaften im Norwegen des fünften Kriegsjahres in den „polaren Ruhestand“ versetzt. Ein Hauptteil der Episode spielt im Offizierskasino, wo der Zuschauer interessante Charaktere bei Gesprächen belauschen kann, in denen z. B. geradezu philosophisch über den Krieg und seine Folgen diskutiert wird. Damit verbunden ist die Geschichte eines Widerständlers in den eigenen Reihen, dem der General, ein Vertreter der alten aristokratischen Schule, schließlich zur Flucht ins neutrale Schweden verhilft. Obwohl Action praktisch fehlt, kommt beim Anschauen keine Langeweile auf.

Die dritte Folge, Preußisches Märchen, wird zum Teil zur Kostümepisode, indem sie weit zurück in die Vergangenheit, ins 18. Jahrhundert, in die Zeit des Siebenjährigen Krieges führt. Infolge seines Engagements im Anschluss an die blutige Schlacht von Kunersdorf 1759 macht ein Grande, Ahnherr der von allen Teilnehmern der Herrenrunde bewunderten Barbara (Babsybi) Bibiena, zufällig eine Nebenlinie der Familie Bibiena ausfindig. Der aus dem heutigen Chile stammende Grande betätigt sich als Sanitäter und will der Bitte eines sterbenden Fähnrichs aus dem Geschlecht der Zehdenitz nachkommen, einer in Berlin lebenden Freundin einen letzten Gruß zu übermitteln. Aus der Begegnung mit der entfernten Verwandten wird Liebe und die beiden Linien werden schließlich durch Heirat vereint. Es geht aber auch um die tragische Romanze Barbara Bibienas, die sich im August 1939 wiederum in einen Sohn der Familie Zehdenitz verliebte, welcher in den letzten Kriegstagen, beim Kampf um Berlin, gefallen ist.

Die vierte Folge, Bastien und Bastienne 1953, verfolgt die Spur dieses Gefallenen, dessen Grab von einem Ziegen hütenden Mädchen vor den Recherchen Barbaras auf mysteriöse Weise geradezu beschützt wird.

Die fünfte und letzte Episode Capriccio Italien ist die harmloseste und auch schwächste des Quintetts. Sie präsentiert sich als eine etwas seichte amouröse Komödie, die immerhin mit ein paar humoristischen Seitenhieben auf ehemalige Nazis und ihre häufiger beachtlichen bundesdeutschen Karrieren aufwartet. So entsteht letztlich ein Mosaik aus Berliner Geschichten, in dem durch Krieg geprägte menschliche Schicksale den roten Faden bilden, der sämtliche Handlungsstränge miteinander verbindet.

Umgelter hat das Publikum des noch jungen deutschen Fernsehens gerade bei der Massenerschießung der Juden im ersten Filmteil mit für seine Zeit schonungslosen Bildern konfrontiert. Während Wehrmacht, SS- und örtliche Hilfsverbände ihr blutiges Werk verrichten, stellen spielende Kinder mit Holzgewehren das Geschehen nach. Zwar brauchte es bis zur die Nation in besonderem Maße für diese Thematik aufrüttelnden US-TV-Serie Holocaust — Die Geschichte der Familie Weiss noch weitere rund 20 Jahre, aber Umgelters Inszenierung erzeugte nicht nur Unmut bei denjenigen, die vergessen wollten, sondern hat bereits damals und auch in den danach erfolgten Wiederholungen so manchen Zuschauer tief beeindruckt. Dies belegt eben auch, dass die Verdrängung der NS-Vergangenheit in der Adenauer-Ära nur ein Teil derselben Medaille ist. Beim näheren Hinsehen erweist sich diese oftmals nur als spießig und mit angepassten Zeitgenossen bevölkert dargestellte Epoche in vielem von politischen Spannungen und Auseinandersetzungen (z. B. um die Wiederbewaffnung) erfüllt: Ereignisse, die das Vorspiel für die Studentenrevolte und die RAF geworden sind.

Am grünen Strand der Spree entstand wie auch So weit die Füße tragen als Produktion des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbandes NWRV. Dies war eine zwischen 1956 und 1961 existierende Vereinigung des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und des Westdeutschen Rundfunks (WDR) mit Sitz in Hamburg, zwecks Ausstrahlung eines gemeinsamen Fernsehprogramms. Ein Großteil der Produktion erfolgte auch dieses Mal in den Bavaria Studios. Eine Reihe von Außenaufnahmen für die zweite Folge, Der General, entstand sogar in Norwegen. Dafür wurde das Italien der fünften Episode ausschließlich in wenig überzeugenden, allzu künstlich wirkenden Studiokulissen realisiert. Recht beachtlich geraten ist dafür die in der Kostümepisode, Preußisches Märchen, integrierte Rekonstruktion der Schlacht von Kunersdorf. Sie besteht aus kleineren selbst inszenierten Kampfszenen, geschickt kombiniert mit Material aus Der große König (1942). Atmosphärisch sehr gelungen sind die anschließenden Szenen im friderizianischen Berlin. Und ebenso bemerkenswert ist die Art und Weise, wie geschickt man sich auch an die markant andere Sprechweise der Ära des Alten Fritz angenähert hat. Das ist etwas, was manch aufwändigere moderne Produktion leider komplett vermissen lässt.

Die Besetzung ist bis in kleinere Rollen sorgfältig gewählt. Günter Pfitzmann verkörpert hier seine erste große Fernsehrolle und Wolfgang Büttner, prädestiniert für Offiziersrollen (z. B. in Hunde, wollt ihr ewig leben), ist in der Rolle des Generals mit dem klangvollen Namen Johann Beatus Freiherr von Hach und zu Malsershaiden zu sehen.

In So weit die Füße tragen sind nur einzelne Szenen mit Archivmusik unterlegt. Am grünen Strand der Spree setzt dafür auf eine freilich ebenfalls recht sparsam agierende originale Musikuntermalung, komponiert von Peter Thomas.

Die DVD-Edition

ARD-Video hat Am grünen Strand der Spree im April 2009 in der Reihe „Große Geschichten“ als klappbares DVD-Box-Set herausgebracht. Jede der fünf Serienfolgen ist auf einer DVD untergebracht. Die Qualität ist beachtlich. Zwar erscheint das Bild nicht ganz so frisch wie in So weit die Füße tragen, aber auch bei Am grünen Strand der Spree wird überwiegend ein gut aufgelöstes, mit recht vielen Details aufwartendes Schwarz-Weiß geboten. Den Sound gibt’s dazu in einem für den Fernsehton der Zeit typischen, zwar unspektakulären, aber klaren Mono. Untertitel für Hörgeschädigte fehlen allerdings.

Auch dieser TV-Produktion ist eine mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geratene Hörspielfassung — produziert vom Südwestfunk 1956 — vorausgegangen. Erfreulicherweise liegt das Hörspiel der DVD-Edition auf einer CD im MP3-Format bei. Den General von Hach und zu Malsershaiden spricht hier übrigens Eduard Marks (1901–1981), dessen so markante Stimme so manchem, nicht nur meiner Generation, als Märchenerzähler unauslöschlich in Erinnerung sein dürfte. Die Hörspielfassung ist mit der Filmversion nicht völlig identisch. So sind hier auch verschiedene der Kurzgeschichten des Romans aufgenommen, die in der TV-Version nicht enthalten sind. Die Musik komponierte Hans-Martin Majewski. (Die Hörspielfassung von So weit die Füße tragen hingegen ist zumindest verschollen. Die bei Wikipedia zu lesende Behauptung, die Originalbänder seien in den 60ern versehentlich gelöscht worden, wurde auf Anfrage vom WDR nicht bestätigt.)

Fazit: Mit Am grünen Strand der Spree liegt auch die zweite große TV-Produktion Fritz Umgelters in einer soliden DVD-Edition vor, welche den Regisseur zusammen mit dem Vorläufer, So weit die Füße tragen, besonders populär machte. Damals lieferten sich Fernsehen und Kino noch einen erbitterten Konkurrenzkampf. Neben den beliebten Krimi-Mehrteilern nach Francis Durbridge vermochte das neue Medium „Pantoffelkino“ mit dieser Art von anspruchsvollen „Straßenfegern“ in besonderem Maße zu punkten. Und das, obwohl die Bilder noch geraume Zeit nur Schwarz-Weiß und auch ihre Abmessungen eher bescheiden blieben.

Inzwischen ist das längst Geschichte. Längst haben beide Medien die gemeinsamen Möglichkeiten erkannt und kooperieren gegenseitig gewinnbringend miteinander. Durch aufwändige TV-Produktionen in HD auf großem Flachbildschirm oder Beamerprojektion, versehen mit Kinosound, zuhause, werden auch die Grenzen zwischen Kino und Flimmerkiste immer fließender. Trotzdem besitzt manch unübersehbar bescheidener, aber ambitioniert und leidenschaftlich inszeniertes Produkt aus der Frühphase des Fernsehens seine Reize. So gestatten ältere Filme über die oftmals sehr gut erzählten Geschichten hinaus ja auch einen Blick auf die deutlich anders gelagerten Betrachtungsweisen in der Zeit, als sie entstanden. Daraus entsteht zwar mitunter Nostalgie pur. Gelegentlich resultieren beim Anschauen derartig alter Schätzchen aber eben auch richtig spannende, ja packende Begegnungen. Solche, die man gelegentlich oder sogar regelmäßig wiederholen mag. Derartiges hat dann eventuell das Zeug zum Klassiker, oder?

Zur Erläuterung der Wertungen lesen Sie bitte unseren Hinweis zum Thema „Blu-ray-Disc versus DVD“.

Weitere detaillierte Infos zur Serie finden sich im Wikipedia-Artikel[/url].

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2009.

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Titel: Am grünen Strand der Spree
Erschienen: 2009

Zusatzinformationen: D 1960

Medium: DVD
Verleih: ARD Video
Kennung: GG 22 (5 DVDs + 1 MP3-CD)

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