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Veröffentlicht am 13.04.2009 | von Michael Boldhaus

Lucerne Festival im Sommer 2008

Lucerne Festival im Sommer 2008 (13. August – 21. September 2008)

Exzellente Klangkulturen in herrlicher Provinz

Insbesondere die Wochen des „Lucerne Festivals“ im Sommer stehen regelmäßig im Zeichen eines besonders umfang- und abwechslungsreichen Programms. Seit Ende der 1990er hat das traditionsreiche Festival durch das von Jean Nouvel erbaute KKL Luzern („Kultur- und Kongresszentrum Luzern“) ein völlig neues, besonders markantes Gesicht bekommen. Das direkt neben dem Bahnhof, unmittelbar am Vierwaldstättersee gelegene KKL ist infolge seiner eigenwilligen Architektur in geradezu traumhaft schöner Lage für den Besucher ein beeindruckender Blickfang. Dieses unübersehbare Flaggschiff bildet die Plattform für das größte Musik-Festival der Schweiz und zeigt darüber hinaus modernistische wie internationale Ausstrahlung. Im bereits 1998 in Betrieb genommenen Großen Konzertsaal besitzt es einen Ort mit ganz außerordentlicher Akustik, was für ein praktisch vollendetes Klangerlebnis auf wohl nahezu sämtlichen Plätzen steht.

Sicher ähnlich bedeutend wie der perfekte Ort für die akustischen Darbietungen ist für den derzeitigen Erfolg auch die seit 1999 in den Händen des Berliners Michael Haeflinger ruhende Intendanz. Haeflinger ist im September 2003 mit dem Europäischen Kulturinitiativ-Preis ausgezeichnet worden. Unter seiner Leitung wurde der Name nicht nur geändert, sondern auch internationalisiert: So wurde aus den „Internationalen Musikfestwochen Luzern“ fast punktgenau zum neuen Jahrtausend das „Lucerne Festival“. Dabei ist die Anzahl der Sinfoniekonzerte im Sommer von 18 auf 30 aufgestockt und sind die flankierenden kleineren Veranstaltungen, das Osterfestival und das Pianofestival, ebenfalls erweitert worden. Zwei neue, mit Klangkörpern verbundene Projekte sind ebenfalls hinzugekommen: Das zusammen mit Claudio Abbado 2003 begründete Lucerne Festival Orchestra — dessen Kern übrigens die ca. 50 Mitglieder des Mahler Chamber Orchestras bilden — und die Lucerne Festival Academy.

Das Lucerne Festival Orchestra ist nicht allein vor Ort sehr erfolgreich. Durch seine Gastauftritte im Ausland (z. B. Rom 2005, Tokio 2006 und New York 2007) hat es im Verbund mit Radio- und Fernsehausstrahlungen sowie CD/DVD-Produktionen die internationale Wahrnehmung des Festivals enorm gesteigert. Letztlich handelt es sich dabei in gewissem Sinne auch um ein Anknüpfen an die Tradition: an Arturo Toscanini, der im Geburtsjahr des Festivals 1938 aus Elitemusikern im „Concert de Gala“ einen einzigartigen Klangkörper bildete.

Die unter der künstlerischen Leitung von Pierre Boulez agierende Lucerne Festival Academy steht für das Einbeziehen und die Förderung der musikalischen Moderne und der zeitgenössischen Neuen Musik. Seit 2004 lädt Boulez dafür qualifizierte Nachwuchsmusiker (selbstverständlich beiderlei Geschlechts) aus aller Welt zu einem dreiwöchigen „Blitzkontakt“ (wie er es nennt) ein, um sich intensiv mit zeitgenössischen Werken auseinanderzusetzen. Da hat dann auch der Interessierte Gelegenheit, offene Proben, Workshops und Konzerte zu besuchen, um Neue Musik live „zum Anfassen“ und ebenso junge Talente zu erleben. In jeder Saison wird ein Klassiker der Moderne (zwischen 1890 und 1914) oder ein markantes Werk der Neuen Musik aufgeführt. In der Saison 2007 waren beispielsweise Stockhausens 1955—57 entstandene „Gruppen für drei Orchester“ (sogar in zwei unterschiedlichen Darbietungen unmittelbar nacheinander!) im Angebot. Strawinskys aus dem Jahr 1913 stammende „Bilder aus dem heidnischen Russland — Le Sacre du Printemps“, ein ehemaliges Skandalstück, ist mittlerweile fast schon zum beliebten Showpiece avanciert und ist sowohl 2007 als auch 2008 vertreten gewesen.

Darüber hinaus ist man auch bemüht, die kleinen Musikfreunde zu erreichen. „Children’s Corner“ heißt das dafür geeignete Segment — nach der bekannten Klaviersuite von Claude Debussy. Und dieses bedeutet in der Praxis: in der Regel kostenlose Angebote in Form geeigneter Veranstaltungen für Kinder und Heranwachsende, in denen lebendige Begegnungen mit Musik, mitunter auch unmittelbar zum Anfassen (z. B. „Schlagzeug-Workshop“), stattfinden.

Und selbst ein filmischer Zyklus fehlt nicht. 2008 standen entsprechend dem Jahres-Motto „TanzMusik“ so genannte „TanzFilme“ auf dem Programm. Darunter Rhythm Is It! (2004), Simon Rattles Experiment, mit Jugendlichen aus sozialen Problembereichen Strawinskys „Sacre“ in Szene zu setzen, aber auch Blicke in die Welt des klassischen US-Musicalkinos: in Schwarz-Weiß mit Top Hat (1935) oder in üppigem Technicolor in Singin’ in the Rain (1952).

Durch das bis hierher Beschriebene erhält der Leser einen Eindruck von der Vielfalt des zur Wahl Stehenden. Wer nicht das Glück hat, ortsansässig und damit „music lover in residence“ zu sein, der ist in besonderem Maße gezwungen, Schwerpunkte zu setzen und auszuwählen. Aus einer weiteren, bislang noch nicht genannten Facette des Lucerne Festivals im Sommer habe ich vier Konzerte herausgepickt, und zwar aus den Gastspielen internationaler Spitzenorchester. Beim für den Sommer 2008 ausgegebenen Motto „TanzMusik“ ging es freilich nicht um Tango auf der Straße (wie Intendant Michael Haeflinger dazu angemerkt hat), sondern um den musikalischen Ausdruck des Tanzes im weitesten Sinne.

[center]Sonntag, 31. August, The Cleveland Orchestra, Leitung: Franz Welser-Möst
Alban Berg, Drei Orchesterstücke Opus 6; Gustav Mahler, „Das Lied von der Erde“.

Mittwoch, 3. September, New York Philharmonic, Leitung: Lorin Maazel
Maurice Ravel, „Ma Mère L’Oye“; Béla Bartók, „Der wunderbare Mandarin“;
Peter Tschaikowsky, Sinfonie Nr. 4.

Sonntag, 7. September, Koninklijk Concertgebouworkest, Leitung: Mariss Jansons
Olivier Messiaen, „Turangalîla-Sinfonie“.

Mittwoch, 10. September, Wiener Philharmoniker, Leitung: Riccardo Muti
Giuseppe Verdi, Ouvertüre zur Oper „Die Jungfrau von Orleans“, Ballettmusik aus der Oper „Die sizilianische Vesper“; Nino Rota, Posaunenkonzert, Konzertsuite aus der Filmmusik zu „Der Leopard“.[/center]
Ob nun das ehedem von George Szell zum Ruhm gebrachte Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst, das New York Philharmonic auf seiner letztmaligen Tournee unter der Stabführung des mittlerweile auf die 80 zustrebenden Lorin Maazel, das Concertgebouworkest unter Mariss Jansons oder die Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti spielten, eines war schon zuvor garantiert: jeweils ein Konzerterlebnis der Topklasse und damit eine Revue exzellenter Klangkulturen. Wobei der bereits eingangs erwähnte Große Konzertsaal dafür einen Aufführungsort erster Güte bildet.

An diesen knapp unter dem Superlativ angesiedelten grundlegenden Feststellungen konnte der beim Konzert des Cleveland Orchestras aus gesundheitlichen Gründen vorgenommene Tausch der Tenöre (Jonas Kaufmann gegen Johan Botha) in Mahlers „Das Lied von der Erde“ nichts Entscheidendes ändern. Man kann Bothas Interpretation vielleicht eine Spur zuviel an Pathos attestieren. Aber selbst das bleibt unterm Strich eine Marginalie im Verhältnis zum insgesamt einfach packenden Gesamterlebnis des Abends. Etwas, das auch aus der sehr überzeugenden Kopplung von Mahler und Berg resultierte: die in ihrer Zerrissenheit sowie den Hammerschlägen an Mahlers 6. Sinfonie gemahnenden „Drei Orchesterstücke“ mit ihren im finalen Marsch apokalyptischen klanglichen Eruptionen und als Kontrast dazu das abgeklärte, eher intim gehaltene Spätwerk Mahlers „Das Lied von der Erde“.

Ebenfalls kontrastreich, aber völlig anders gelagert war das Konzert der New Yorker Philharmoniker. Bei Ravels „Ma Mère L’Oye“ (1910—1911) und Bartóks „Der wunderbare Mandarin“ (1918—1923) handelt es sich zwar in beiden Fällen um Ballettmusik, aber zwischen diesen liegt ein ganzer klanglicher Kosmos. Ravels melodisch-impressionistische Märchenlyrik und Bartóks schroffer, von harter Rhythmik geprägter, holzschnittartig geformter Entwurf erscheinen geradezu durch einen Abgrund voneinander getrennt, obwohl sie zeitlich nur etwa 10 Jahre auseinander liegen.

Der 1930 in Frankreich als Sohn amerikanischer Eltern geborene Lorin Maazel ließ Ravels tönende Märchenbilder in allen impressionistischen Farben der fantasievollen Instrumentierung schillern und so zum berückenden Erlebnis werden. Neben der Ravel’schen Zartheit bildete die Musik zum modernen Mandarin-Ballett einen ebenso präzise kantig und schroff ausgespielten Gegensatz. Hier durften die Bläser besonders überzeugend demonstrieren, über welche Power sie verfügen. Eine sicher nicht ganz einfache, aber in ihrer kraftvollen Vitalität beeindruckende, dem „Sacre“ Strawinskys nahestehende Musik. Auf versöhnlich sicherem Terrain steht dafür die in eleganter und blitzblanker Darstellung den Abschluss dieses Konzertabends bildende 4. Sinfonie von Peter Tschaikowsky. Damit vermochten die New Yorker Philharmoniker und ihr Maestro dann auch den letzten zuvor vielleicht doch etwas irritierten Besucher wieder für sich einzunehmen. Entsprechend üppig gestalteten sich die Ovationen. Maazel und seine Mannen bedankten sich (übrigens als einziges von den hier besprochenen Ensembles) mit einer Zugabe: mit der schmissigen Farandole aus „L’Arlesienne“ von Georges Bizet.

2008 trug auch das Lucerne Festival dem sich zum 100. Mal jährenden Geburtstag des Klangmystikers Olivier Messiaen (1908—1992) Rechnung. Dabei bildete die im Konzertsaal als eher seltener Gast zu bezeichnende „Turangalîla-Sinfonie“, aufgeführt vom Concertgebouworkest unter Mariss Jansons, zweifellos den Höhepunkt der Luzerner Hommage an den Komponisten. Dieser opulente, zwischen den Gattungen Sinfonie und Konzert pendelnde, leidenschaftliche orchestrale Hymnus zählt zu den eingängigsten Werken des Komponisten. Er erlebte eine prachtvolle Aufführung mit Cynthia Millar an den Ondes Martenot und Jean-Yves Thibaudet am Klavier.

Bemerkenswert ist auch die zu diesem Konzertevent eine Stunde vor Beginn angebotene Einführung. Im Rahmen eines Podiumgesprächs vermittelten der Schweizer Musikwissenschaftler und Messiaen-Kenner Theo Hirsbrunner und Roland Wächter (Musikredakteur von DRS 2) interessante Informationen zu Komponist und Werk. Dazu wurden nicht nur Klangbeispiele eingespielt, sondern ebenso die vielen Besuchern sicher wenig geläufigen Ondes Martenot vorgestellt. Die Interpretin Cynthia Millar demonstrierte die umfangreichen klanglichen Möglichkeiten dieses frühen Vorläufers der Synthesizer.

Auf überwiegend tänzerischem Terrain bewährten sich die Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti bei ihrem und auch meinem letzten Konzertabend 2008 in Luzern. Die im Outfit besonders fesch auftretenden Musiker dieses berühmten Klangkörpers fühlten sich dabei den tänzerischen Aspekten von Musik ganz besonders verbunden. Auf dem Programm stand zwar kein Strauß, aber trotzdem fast durchgehend Werke, zu denen man körperliche Bewegungen assoziieren mag. Hierbei handelte es sich sämtlich um eher selten gegebene Musik italienischer Komponisten.

Neben der Ouvertüre zur Verdi-Oper „Die Jungfrau von Orleans“ erklang seine für Paris komponierte, breit angelegte Ballettmusik „Die Jahreszeiten“ zur Oper „Die sizilianische Vesper“. Verdis weniger bekannte Opernballettmusiken (also abseits von „Aida“) sind sicherlich nicht das Produkt von Sternstunden. Da es sich bei diesen Stücken in erster Linie „nur“ um die für die Pariser Opéra seinerzeit unverzichtbaren Balletteinlagen handelt, die mit dem eigentlichen Opernwerk ansonsten kaum verbunden sind, begegnen viele Klassikfreunde diesen eher reserviert. Wer hier aber richtig zuhören mag, der merkt rasch, dass Maestro Verdi selbst beim geforderten Kompromiss nicht einfach geschludert, sondern vielmehr sorgfältig auskomponiert und farbig instrumentierte Musik, versehen mit so manch schönem thematischem Einfall, geschaffen hat.

Die zweite Hälfte des Abends bildete Musik von Nino Rota: sein lebendiges Posaunenkonzert (Solist: Ian Bousfield) und schließlich die gefühlvolle und partiell mit opernnahem Pathos aufwartende Konzertsuite aus der Filmmusik zu Luchino Viscontis Il Gattopardo • Der Leopard (1963). (Laut dem Gesamt-Programmheft war anscheinend ursprünglich die im verlinkten Artikel ebenfalls vorgestellte Suite mit den zur finalen großen Ballszene komponierten Tänzen vorgesehen.) Riccardo Muti und seine Wiener spielten insgesamt geschmeidig und überaus klangschön auf. Insgesamt war dieser Konzertabend von der Zusammenstellung sicher der am wenigsten mit musikalischen Klippen versehene. Aber das Bad in ungetrübtem, aber deswegen nicht einfach anspruchslosen orchestralen Wohlklang ist schließlich auch eine feine Sache.

Beim Applaus belegte das Messiaen-Konzert mit dem Concertgebouworkest unter Mariss Jansons eindeutig den Spitzenplatz, die Darbietung wurde mit geradezu frenetischem Jubel und Bravo-Rufen quittiert. Da konnten die freilich ebenfalls nicht sparsamen Beifallsbekundungen an den drei übrigen Abenden nicht voll mithalten. Nun, als wirklich messbar „schlechter“ haben weder meine Begleitung noch ich die besagten anderen Konzerte empfunden. Entsprechend hätten sie eigentlich ebenfalls dem Messiaen-Abend entsprechende Ovationen verdient gehabt.

Fazit: Wie in der Presse nachzulesen, schloss das Lucerne Festival im Sommer 2008 mit einer sehr erfreulichen, zufriedenstellenden Bilanz. Dieser generellen Feststellung kann ich mich auch individuell anschließen. Jedes der vier ausgewählten Konzerte war ein hochkarätiges, wahrlich internationales Erlebnis. Dass dabei neben der feinen Plattform KKL eben auch die Umgebung, also das idyllisch gelegene Luzern, einen dazu optimalen Gesamtrahmen liefert, ist bereits im Artikel zum Lucerne Festival 2007 zu lesen. Die anstehende Konzert-Saison 2009 steht übrigens unter dem Motto „Natur“.

Siehe dazu auch Kleine Klassikwanderung 45: Anhand dreier musikalisch vielfältiger, sehr sorgfältig aufgenommener CD-Alben wird neben interessanten musikalischen Impressionen auch ein Eindruck von der exzellenten Klangqualität des Großen Konzertsaals im KKL vermittelt.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zu Ostern 2009.

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