Special

Veröffentlicht am 26.12.2008 | von Marko Ikonić

Konzert: Fluch der Karibik in Graz, 19. Juli 2008

Ein Konzept fällt ins Wasser …

„Alles fließt“ lautete das Motto der diesjährigen „sommerlichen Musikfestspiele der Steiermark“, besser bekannt unter dem Titel „Styriarte“ (www.styriarte.com). Seit 1985 steht diese Zusammensetzung aus „Styria“ (Lateinisch/Englisch für „Steiermark“) und „ars“ für besonders hochkarätige frühsommerliche Kulturdarbietungen im Südosten Österreichs. Das Festival wurde seinerzeit ins Leben gerufen, um dem zu Weltruhm gelangten Dirigenten Nikolaus Harnoncourt einen würdigen Rahmen für jährliche Auftritte in seiner Geburtsstadt Graz zu verschaffen. Der für seine oft revolutionären Neubetrachtungen des gängigen Repertoires bekannte Orchesterleiter ist zwar nach wie vor ein Fixstern am Styriarte-Himmel; als alleinigen „Star“ jedoch kann man ihn mittlerweile nicht mehr verbuchen. Neben und teils in direkter Zusammenarbeit mit dem Hauptakteur Harnoncourt bestreiten langjährige Stammgäste wie der Alte-Musik-Experte Jordi Savall, der französische Klaviermagier Pierre-Laurent Aimard und viele weitere Künstler von lokalem und internationalem Renommee jeweils vielseitige, um Weltoffenheit bemühte Programme mit Konzerten, Opernaufführungen und musikalischen Lesungen.

5187Der musikalische Schwerpunkt liegt traditionell auf Wiener Klassik und insbesondere Barock, im Sinne des offiziellen Veranstalter-Leitsatzes „vom Mittelalter bis zur Romantik“ sind aber auch andere Epochen in wechselndem Ausmaß vertreten. Selbst dieser Rahmen stellt kein sklavisch befolgtes Dogma dar, wie die häufige Ausdehnung bis hin zu neuester Gegenwartsmusik zeigt. Wenn es das übergeordnete Motto zulässt, hat erfreulicherweise sogar Filmmusik eine Chance. Gerne denke ich etwa an ein Konzert mit pfiffigen Kammermusik-Bearbeitungen von Filmmusik-Klassikern zurück, welches das fünfköpfige Streicherensemble „Die salonfähigen Saitenspringer“ (www.saitenspringer.at) 2001 unter dem Leitthema „… in eine beßre Welt entrückt“ präsentieren durfte.

Im diesjährigen Programm sollte nun wie erwähnt „alles fließen“, und so las sich die Werbeankündigung für das Filmmusik-Konzert „Fluch der Karibik“ am 19.7.2008 im Grazer Stephaniensaal denn auch wie folgt: „Blutrünstige Monster aus der Tiefe, Riesenschiffe, die Menschen in den Abgrund ziehen, englische Meuterer und karibische Piraten — das Personal der großen Kinofilme zum Thema ‚Meer’ ist so vielgestaltig wie die Filmmusik, die dazu geschrieben wurde. Nur die Besten waren hier am Werk — von Korngold bis zu John Williams.“

Wollte man das schlussendlich Gebotene an diesem vollmundigen Versprechen messen, wäre wohl ein herber Verriss angebracht. Die durchaus interessante Idee, meeresbezogene Filmvertonungen in all ihrer Vielfalt vorzustellen, ist nämlich aus verschiedenen Gründen ins sprichwörtliche Wasser gefallen. Übrig blieb am Ende folgendes Konzertprogramm — quasi direkt beim Dirigenten des Abends, Wolfgang Hattinger, „eingekauft“, der mit sehr ähnlichem Repertoire u. a. schon Konzerte in anderen österreichischen Städten bestritten hat:

Newman: 20th-Century-Fox-Fanfare
Korngold: The Sea Hawk (Suite)
Nino-Rota-Suite: La Strada, I Vitelloni, Amarcord
Jarre: Lawrence of Arabia (Ouvertüre)
Morricone: The Mission („Medley“ und „Gabriel’s Oboe“)

3020Bart: From Russia with Love (Main Title)
Williams: Jaws (Thema)
Williams: Jurassic Park (Suite)
Williams: Schindler’s List (Thema)
Morricone: Once Upon a Time in the West („Man with a Harmonica“)
Bernstein: The Magnificent Seven (Suite)
Badelt: Pirates of the Caribbean (Suite)

Zugabe: James-Bond-Thema (Barry/Norman)

Wenn auch das Motto „von Korngold bis zu John Williams“ eingehalten wurde, lässt sich von 13 individuellen Filmen nur bei vieren der Meeresbezug herstellen. In der Schulzeit hätte es hierzu ganz klar geheißen: Thema verfehlt! Pauschalurteile sind nicht im Sinne der Cinemusic.de-„Blattlinie“, weshalb die verunglückte Konzeption des Konzertabends zwar in einer kritischen Präambel angesprochen werden soll, hernach bei der Bewertung des dargebotenen Programms jedoch keine Rolle mehr spielen wird. Es geht nun einfach darum, als Kritiker das Beste aus der gegebenen Situation zu machen — etwas, womit höchstwahrscheinlich auch die Veranstalter konfrontiert waren.

Woran ist dieses ambitionierte Konzertprojekt gescheitert? Mangelnde Repertoire-Kenntnis mag ein Grund dafür gewesen sein. Auch abseits der ganz offensichtlichen Kandidaten (wo war etwa James Horners sicher auch marketingtechnisch höchst zugkräftige Titanic?) bietet die europäisch-amerikanische Filmmusik-Geschichte eine fast unüberschaubare Vielzahl an thematisch passenden und zudem kompositorisch hochwertigen Beispielen. Ohne zu sehr in müßige Tagträumereien abgleiten zu wollen: Gleich zwei grandiose „Moby-Dick“-Vertonungen (vom Briten Philip Sainton und vom Australier Christopher Gordon) wären zur Auswahl gestanden, Scores zu Golden-Age-Swashbucklern und -Seefahrer-Filmen in beliebiger Anzahl, darunter weitere Korngold-Musiken zu so verschiedenen Sujets wie Captain Blood und The Sea Wolf, mehrere der großen Herrmann-Fantasy-Partituren (oder vom selben Schöpfer, aus völlig anderem Genre, aber nicht minder fesselnd: The Ghost and Mrs. Muir) und herrliche Rózsa-Arbeiten wie A Plymouth Adventure, von unzähligen maritimen Musiken jüngerer Dekaden und aus verschiedenen Subsparten ganz zu schweigen — vom U-Boot-Actioner bis zur quotenträchtigen Natur-Doku (Fentons The Blue Planet) und zum x-ten Seeungeheuer-Plot. Ein weiterer interessanter Aspekt, nämlich jener handwerklich blendender Epigonie, hätte anhand von John Debneys Cutthroat Island vorgeführt werden können. Und mit Islands in the Stream hätte man zugleich einen kleinen Beitrag zur Behebung eines der großen Missstände im zeitgenössischen (Filmmusik)-Konzertbetrieb geleistet: der eklatanten Vernachlässigung Jerry Goldsmiths.

3018Die obige Auflistung ist nur scheinbar willkürlich. Die Titel sind bewusst gewählt, um einem weiteren möglichen Gegenargument den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mit etwas Ausdauer, Organisationswillen und natürlich moderaten Finanzmitteln sind zu all den genannten Filmmusiken Aufführungsmaterialien zu beschaffen. Nicht immer — aber erstaunlich oft — würde schon ein Anruf bei John W. Waxmans Notenverleih „Themes & Variations“ ausreichen. In den restlichen Fällen zeugen zahlreiche Nachspielungen, angefangen bei Charles Gerhardt bis hin zu neueren Bemühungen von Labels wie Tribute Film Classics, Marco Polo/Naxos, Chandos, Varèse Sarabande u. a., indirekt von der Verfügbarkeit erstklassigen Notenmaterials. Hier hätte etwas mehr Kenntnis des „Marktes“ vielleicht dazu verholfen, die Suche nach geeigneten Noten nicht sofort aufzugeben und gewissermaßen gleich alles „hinzuschmeißen“. Überhaupt hätte man sich vom Tonträger-Markt gleich so manche programmatische Anregung holen können: Es existieren ja sogar themenspezifische Sampler (z. B. relativ aktuell: Erich Kunzels „Masters and Commanders“).

Wie gesagt ist überzogene Kritik nicht Ziel dieses Artikels, aber ein klein wenig mehr Kreativität bei Auswahl und Beschaffung passender Musiken durfte man sich schon erwarten. In diesem Zusammenhang muss fairerweise erwähnt werden, dass in frühen Versionen der Programmübersicht Miklós Rózsas Golden Voyage of Sinbad angekündigt war — eine durchaus interessante Wahl abseits der ausgetretenen Pfade, die auf ursprünglich deutlich mutigere Pläne der Veranstalter schließen lässt. Möglicherweise war es am Ende wieder einmal ausschließlich ein allzu mageres Budget, das hier Besseres verhindert hat? Die Wahrheit dürfte wie so oft irgendwo in der Mitte, in der Schnittmenge aller vorgebrachten Kritikpunkte, zu finden sein.

Eine Bemerkung hierzu sei mir noch gestattet, bevor das virtuelle Kriegsbeil begraben wird und endlich die eigentliche Konzertbeschreibung folgen kann: Es ist zwar grundsätzlich erfreulich, dass der Erklärungsbedarf gegenüber dem Publikum erkannt wurde, doch eine abstrusere Entschuldigung als die Dirigent Wolfgang Hattinger in den Mund gelegte (?) ist ehrlich gesagt kaum vorstellbar. Da war sinngemäß vom „wasserartigen Mäandern der Filmmusik durch die Zeit und durch die Musikrichtungen“ die Rede, demzufolge die disparate Musikauswahl dann doch wieder zum „Alles fließt“-Motto passen würde, und außerdem wäre ein Konzert mit reinen Meeres-Filmmusiken ohnehin zu einseitig und langweilig. Nein — dann schon lieber „Schwamm drüber!“ und gar keine Erklärung, denn der Schwamm ist ja auch ein Meeresbewohner und hätte somit wunderbar zum Styriarte-Jahresthema gepasst ….

… und trotzdem war’s ein schöner Abend

Den ausdauernden Leser wird die nachstehende Eröffnung vielleicht überraschen: In Summe handelte es sich beim Styriarte-„Fluch der Karibik“ um einen sehr erfreulichen, auf seine Art gelungenen Konzertabend! Wenn ein hervorragendes Orchester wie die „recreation — GROSSES ORCHESTER GRAZ“ (www.recre.at) hörbar mit Spaß bei der Sache ist, und der Dirigent neben solider Technik auch noch ein Händchen für charmante Zwischenmoderationen besitzt, kann selbst ein derartiges Mainstream-Menü sich als sehr schmackhaft erweisen.

Schon zu Beginn des gut besuchten Konzertes kam Hollywood-Atmosphäre auf, als Maestro Wolfgang Hattinger zu den Klängen von Alfred Newmans berühmter 20th-Century-Fox-Fanfare (natürlich mit Cinemascope-Erweiterung) das Podium betrat. Wie in den Proben vereinbart, hatte das noch führerlose Orchester diese wohl bekannteste aller Studio-Signations bereits in den Begrüßungsapplaus hinein angestimmt. Dass dabei ein nicht ganz originalgetreues Arrangement mit minimalen Änderungen in Rhythmik und Harmonik Verwendung fand, tat der einstimmenden Wirkung keinen Abbruch. (Laut eines befreundeten Spions in der ersten Geige wiesen die Notenblätter den Dirigenten selbst als „Arrangeur“ der Fanfare aus.)

Die erste Moderation nutzte der schlaksige Mittvierziger Hattinger (www.szene-instrumental.com) für die mehr als unscharfe Bemerkung, die Newman-Fanfare habe „alle Fox-Filme“ eingeleitet. Für aufmerksame Zuhörer deutete sich bereits hier an, dass Hattinger kein ausgewiesener Film- und Filmmusik-Experte sein konnte — eine Vermutung, die sich durch mehrere vergleichbare Lapsus im Verlauf des Abends bestätigte. Dafür, dass er seine filmmusikalischen Fakten und Anekdoten wohl selbst recherchiert hat, schlug er sich dennoch sehr respektabel. Der sympathisch-humorvolle und dazu freie Vortrag war ein weiterer Pluspunkt, der über manchen kleinen Fehler umso wohlwollender hinwegsehen ließ. Und noch etwas stimmte mich versöhnlich: Bevor er so richtig in das Programm einstieg, erklärte der Maestro den Verzicht auf begleitende Bildprojektionen damit, dass diese nur von der Musik ablenken würden. (In Wirklichkeit war wohl einfach nicht genug Geld für diesen beliebten visuellen Aufputz vorhanden.) Bravo, endlich ein Musiker mit Hausverstand!

3019Filmmusik-Konzertveranstalter dieser Welt, nehmt euch daran ein Beispiel: Filmmusik aus ihrem originären Wirkungszusammenhang zu lösen, das heißt, sie für voll zu nehmen, ihr zuzugestehen, dass sie auch als „absolute“ — also wörtlich: losgelöste! — Musik tragfähig sein kann. Also, hinfort mit über die Leinwand kreisenden Filmpostern, mit zusammenhanglosen Standbildern oder gar ganzen Filmszenen ohne Ton! Ein solcher Schritt mag zwar mindestens einen bemühten Mitarbeiter mit Laptop, Beamer und Google-Bildsuche den Job kosten, wäre jedoch vor allem eines: ein wahrer Dienst an der Musik.

Auf das musikalische Motto von 20th Century Fox folgte — wie könnte es anders sein? — mit The Sea Hawk der Inbegriff eines Warner-Bros.-Films. Doch genug der Sticheleien. Die gängige 7-Minuten-Suite aus der prachtvollen Korngold-Partitur wusste in der Grazer Darbietung nämlich ausnehmend zu gefallen. Freilich, die aus Platzgründen eingesparten, Korngold-typischen Instrumente Marimba (ersetzt vom Xylophon) und Celesta (Klavier) hätten für noch mehr klangliche Nähe zum Original gesorgt; insgesamt führte Hattinger das Orchester recreation durch eine schmissige Interpretation nahe am Filmtempo, wobei sich gerade die Blechbläsersektion in den schwierigen Stellen durch präzises Zusammenspiel auszeichnete. Das Streicher-Tutti agierte mit dem nötigen Schmelz, wirkte nur hier und eigentlich über den ganzen Abend hinweg zuweilen dynamisch einen Hauch unterbelichtet, was jedoch auch der eher trockenen Akustik des Stephaniensaals geschuldet sein dürfte, die naturgemäß die weiter hinten und höher gelegenen Instrumentalisten-Reihen (Holz- und Blechbläser sowie Perkussion) deutlich lauter wirken lässt. Im Übrigen hätte ein wenig mehr Mut zum Portamento auch nicht geschadet.

Es steht außer Zweifel, Erich Wolfgang Korngold war einer der Begründer des so genannten „Hollywood-Sounds“. Der alleinige „Vater der Filmmusik“, wie Wolfgang Hattinger im anschließenden Moderationsblock meinte, war er jedoch sicher nicht. An dieser Stelle hätte man zumindest noch das zweite Wiener Original Max Steiner und Franz Waxman erwähnen müssen. Doch wer weiß, welche Quellen Hattinger konsultiert hat: womöglich vorwiegend Texte von Brendan G. Carroll?

Die darauf folgende Fellini-Rota-Suite, bestehend aus La Strada (1954), I Vitelloni (1953) und Amarcord (1973), entpuppte sich für mich unerwartet als ein Highlight des Abends: Ein Potpourri aus leichter, jazzig-beschwingter, schrulliger und nostalgischer Musik, perfekt für einen lauen Sommerabend. Neben der von Hattinger gut getroffenen klanglichen Balance aus Orchester- und Band-Elementen (E-Gitarre, E-Orgel, Schlagzeug) muss vor allem das edle Trompeten-Solo im La-Strada-Teil hervorgehoben werden. Wie gefühlvoll der kaum 20-jährige Stefan Hausleber hier intonierte, das war schlichtweg herzerwärmend und machte die nach mehreren makellosen vormittäglichen Probeläufen just am Konzertabend beim Anblasen nicht sauber getroffene erste Note schnell vergessen.

Wolfgang Hattinger wusste schon, wieso er in der Ankündigung des nächsten Stückes Maurice Jarres erste Karriere als Solopauker in verschiedenen Pariser Orchestern ansprach. Nicht allein die ersten Takte der Lawrence-of-Arabia-Ouvertüre mit ihren Fortissimo-Paukenhieben ließen Jarres Vorliebe für brachiale Perkussions-Einlagen deutlich werden. Auch in den kraftvoll-mitreißend dargebotenen, zusätzlich um einige instrumentatorische Nuancen (2 Piccoli, Bassklarinette) bereicherten arabischen Folklore-Passagen war die letzte Reihe des Orchesters ordentlich beschäftigt. Da geriet das ebenso enthaltene berühmte, vielfach abgekupferte Wüsten-Hauptthema fast zur Nebensache.

Kein überblicksartiges Filmmusik-Konzert ohne Ennio Morricone. Getreu diesem Grundsatz präsentierte Hattinger als letzten Programmpunkt vor der Pause Auszüge aus The Mission (1986). Die dabei verwendete, vom Dirigenten persönlich arrangierte Suite suchte Eindrücke beider Klangwelten des Scores zu vermitteln. Neben abstrakten Klangformationen mit gestrichenem Gong, tiefstem Kontrafagott-Grummeln und durch Dämpfer extrem verfremdeten Trompetenklängen durfte natürlich der wunderschöne lyrische Höhepunkt der Komposition nicht fehlen: „Gabriel’s Oboe“, hier berührend vorgetragen vom russischen Solisten Andrej Skorobogatko.

Nach der Unterbrechung entbot das Orchester furiose Liebesgrüße aus Moskau. Im Vergleich zur speziell vor dem Konzertabend noch mehrfach konsumierten Original-Einspielung preschte Hattinger mit ziemlich erhöhtem Tempo durch die spritzige Lionel-Bart-Nummer. Dies ging in Teilen zu Lasten bestimmter Details des ausgefeilten Arrangements, die man sich noch etwas plastischer herausgearbeitet hätte vorstellen können. Der pfiffige Effekt der „stoßhaft ausatmenden“ Posaunen etwa ging beim allzu zügigen Grundtempo beinahe unter — hier blieb schlichtweg nicht genug Zeit zum klangvollen Atmen. Doch das änderte nichts am vorzüglichen, fesselnden Gesamteindruck: Pausentratsch und Sektbar waren spontan vergessen, die Musik stand wieder voll im Mittelpunkt des Interesses.

3016Wenn auf einem Konzertprogramm der Name des europäischen Filmmusik-Gottes Ennio Morricone zu lesen ist, darf die vergleichbare Lichtgestalt „made in USA“ freilich erst recht nicht fehlen. Bevor er sich drei klingenden Programmpunkten des Erfolgsteams Steven Spielberg/John Williams widmete, spielte Wolfgang Hattinger erneut seine Entertainer-Qualitäten aus. Noch auf den vorangegangenen Barry-Bond Bezug nehmend, erwähnte er das 40 Jahre andauernde Rechtsgeplänkel um die Urheberschaft des weltberühmten Hauptthemas, aus dem der „zähe Hund Monty Norman“ schlussendlich als Sieger hervorgegangen sei. Schon diese flapsige Titulierung des Bond-Themen-Schöpfers (oder war das doch John Barry?) sorgte für vereinzeltes Kichern im Saal. Regelrechte Lacherfolge feierte der in Graz ausgebildete Dirigent dann aber mit seiner sehr eigenwilligen Inhaltsangabe zu Spielbergs Jaws, in der er an die diversen „Jausentouren“ des weißen Hais und an dessen „Abfrühstücken der Bucht“ erinnerte. Bei so viel österreichischem Charme verzeiht man gerne, dass sich in die Nennung einiger wichtiger Spielberg-Williams-Filme ausgerechnet auch der nicht von Williams vertonte Die Farbe Lila verirrte.

Bei Der weiße Hai trat der sonderbare Fall ein, dass die Anmoderation im Grunde unterhaltsamer war als die zu Gehör gebrachte Musikauswahl. Anstelle der erhofften — und bewährten — Kombination aus Hauptthema, „Out to Sea“ und „Shark Cage Fugue“, die die weit über den simplen Zwei-Noten-Einfall hinausgehende Größe des Scores hätte veranschaulichen können, wurde ein mir bis dato nicht geläufiges Konzertarrangement von John Cacavas gegeben, welches fast ausschließlich auf das Hai-Motiv fokussiert. Minutenlang stumpfe Wiederholungen des Motivs, am Ende gar auf jedem Schlag mit kleiner Trommel gedoppelt, aber kein einziges Mal das Hauptthema unverfälscht vom Solo-Horn? Nein, diese Aufbereitung wird der grandiosen Musik nicht gerecht, auch wenn sie von Williams autorisiert sein mag.

Weitaus besser stand es da um Schindlers Liste. Das Hauptthema aus den „Drei Stücken“ erklang in einer technisch makellosen Fassung, der es lediglich an einer nicht ganz unerheblichen Stelle, nämlich hinter dem Pult des Konzertmeisters, ein wenig an Emphase mangelte. Harald Martin Winkler verfügt über einen lupenreinen, hellen Ton, mit dem er sich jedoch — aus Angst vor triefigem Kitsch? — nicht so recht in die emotionalen Abgründe der Musik vorzudringen getraute. Diese Solopartie hat man, sogar in Graz, schon ergreifender gehört. Derlei emotionale Vorbehalte mögen im klassischen Standardrepertoire eine sinnvolle Schutzvorrichtung sein; bei Filmmusik, die oft von ohne Umschweife auf den Punkt gebrachten, auf Überlebensgröße gesteigerten Emotionen lebt, sind sie fehl am Platz. Doch wie gesagt: Die Gesamtleistung des Orchesters konnte sich hören lassen.
Gesonderte Erwähnung verdienen hier noch die feinen Einlagen des Englischhorns. Die junge Oboistin Susanne Rosmann vermochte sowohl solistisch als auch passagenweise im Verbund mit zwei Altflöten (im zweiten Themen-Teil) zu begeistern — übrigens eine betörende Klangkombination! Hattinger dürfte das bezaubernde Spiel auch ein wenig zu Kopf gestiegen sein, denn bisweilen ließ er das Englischhorn überdeutlich aus der Orchesterbegleitung hervortreten, mitunter drohte es gar die Solovioline zu übertrumpfen.

Aus Jurassic Park erklang eine gekürzte Konzertsuite, bestehend aus Hauptthema, „Journey to the Island“, Triceratops-Szene (auf der CD im Track „My Friend, the Brachiosaurus“ enthalten) und einer gegenüber der Filmversion nochmals perkussiv aufgepeppten Reprise von „Journey to the Island“. Auch hier gab es spieltechnisch kaum etwas zu beanstanden. Die ob des hohen Registers bekannt heikle Introduktion für zwei Hörner gelang nicht ganz wackelfrei, wofür aber später das herrliche Horn-Solo in der von lichten Americana-Stimmungen getragenen Triceratops-Musik mehr als entschädigte. Die Soundtrack-CD zu Jurassic Park zählt zu meinen ersten, mittels unzähliger Hördurchgänge tief ins Gedächtnis eingebrannten Filmmusik-Erlebnissen, was wohl auch eine besondere Sensibilität in Tempo-Fragen mit sich bringt. Während Hattinger bei der vormittäglichen Generalprobe das Hauptthema in zu straffem Tempo nahm und die „Journey to the Island“-Teile erfreulich nahe an der Filmeinspielung hielt, war es am Abend genau umgekehrt. Wenn nicht gerade aus einem Adagio ein Presto gemacht wird, sind schlüssige Tempo-Modifikationen natürlich zulässig und liegen im Ermessen des kundigen Interpreten. Insofern war die sinnbildliche Annäherung an Isla Nublar mit einem Learjet anstatt des Helikopters durchaus noch vertretbar. Wie schon bei From Russia With Love gilt jedoch, dass bei erhöhter Schlagzahl mitunter wichtige Details untergehen können. Die über sehnenden Streicherphrasen emporsegelnden Flötenläufe in „Journey to the Island“ erfüllen denselben tonmalerischen Zweck wie bei The Sea Hawk, können mit Windböen auf offener See und/oder aufbrandender Gischt assoziiert werden. Wie hatte John Mauceri es bei der Probenarbeit für ein Wiener Konzert 2007, in dem der Korngold-Swashbuckler ebenso gespielt wurde, so witzig auf den Punkt gebracht: „Es zieht!“ Dieses musikalisch-illustrative Bindeglied zwischen Korngold und Williams hätte besser herausmodelliert werden müssen, zumal das gesamte Williams-Stück mit seinen majestätischen Fanfaren und klangvollen Streicherinterludien ohnehin den Geist des Golden-Age-Meisters aus Wien zu atmen scheint.

3022War die Reaktion des Publikums bis zu diesem Zeitpunkt freundlich interessiert, so konnte Hattinger mit dem folgenden Programmpunkt die Herzen der Besucher endgültig erobern. Man staunte nicht schlecht, als der Maestro zur Mundorgel griff und sich bei Spiel mir das Lied vom Tod gleich selbst zu Ennio Morricones „Man with a Harmonica“ machte. Glücklicherweise war das mehr als nur ein visueller Gag — Hattinger entlockte dem Instrument nämlich bis hinein in die wohldosierten Glissandi absolut stimmige Klänge, und dank der ebenso untadeligen Arbeit von E-Gitarren-Solist Reinhold Kogler und Orchester gelang eine weitere Filmmusik-Performance auf hohem Niveau.

Spätestens jetzt war also das Eis gebrochen, was auch den im Anschluss zu hörenden, mit geradezu stürmischen Akklamationen aufgenommenen Glorreichen Sieben zugute kam. Der Applaus war verdient: Auch bei diesem populären Klassiker musizierten die Grazer mit ausgesprochener Verve. Die Streicher brachten Elmer Bernsteins wohl bekanntesten thematischen Einfall zum Leuchten, während die Blechbläser ihre vielfältigen Einsätze druckvoll in den Saal projizierten. Nette klangliche — und für den Zuseher zugleich optische — Akzente hielt die Perkussionssektion bereit, in der u. a. Claves (lateinamerikanische Holzstäbe) und Kokosnusshälften zum Einsatz kamen.

Zu guter Letzt kam das Unvermeidliche: Den stärksten Eindruck beim Publikum hinterließ das kompositorisch schwächste Stück. Wer immer die Konzertversion von Klaus Badelts titelgebendem Fluch der Karibik orchestriert (oder sollte man passenderweise sagen: „overproduced“?) hat — er hat seine Sache sehr gut gemacht. Effektvoller kann man geringe Substanz, bestehend aus abgestandener Melodik und treibenden Ostinati, wirklich nicht verpacken. Vielleicht ist es nur eine Frage der Erwartungshaltung und man sollte die gewohnten Bewertungskriterien für Orchestermusik über Bord werfen. Hier sind offenbar andere Werte gefragt, es zählen vor allem fetzige Rhythmik und rohe Kraftentfaltung, umgesetzt in Fortissimo-Dauerbombardements von Blech und Schlagwerk. Ja — diese Musik lässt die Sau raus, sie rockt regelrecht und vermag auf ihre eigene Art durchaus mitzureißen.

Ein solch derben Zimmer’schen Genüssen nicht abgeneigter Filmmusik-Freund beschrieb die Qualitäten des Stückes einst so: „Das musst du unbedingt live gehört haben, das bläst dir die Schädeldecke weg!“ Nun denn, wer beim Musikhören in erster Linie auf derart explosive Erlebnisse aus ist, kommt hier tatsächlich voll auf seine Kosten. Nach der Publikumsreaktion in Graz zu urteilen, müssen annähernd 100 Prozent der Hörer diesem „Schädeldeckenmasochismus“ verfallen sein. Anders ließen sich die mehr als nur vereinzelten Standing Ovations nicht erklären — enthusiastischer Applaus, wohin das entsetzte Auge auch blickte, sogar in den Reihen jener in Würde ergrauten Konzertbesucher, die sich bei regulären Styriarte-Klassik-Konzerten sonst unendlich elitärerer Kost hinzugeben pflegen. Da muss selbst der kritischste Geist die Segel streichen und zugestehen: Möge jeder nach seiner Fasson — ob mit oder ohne Schädeldach — glücklich werden. Eine letzte Frage sei dennoch gestattet: Wo, außer bei einigen bei Brittens „Peter-Grimes“-Interludien abgelauschten rauen Posaunen-Akkorden, kam hier bitte Meeresstimmung auf?

Als Zugabe hatte Wolfgang Hattinger schließlich noch eine Portion James Bond auf Lager, diesmal in Gestalt des unverwüstlichen Themas von John Barry und Monty Norman. Sichtlich vom großen Erfolg der beiden vorigen Stücke getragen, lieferte das Orchester hier eine umwerfende Performance. Der E-Gitarrist und einer der Schlagwerker an den Vibes gaben den weltbekannten Rhythmus vor, Pianist Michael Wasserfaller steuerte ein phänomenal improvisiertes Keyboard-Solo bei. Es gibt eben auch in der Pop-Sinfonik gute und schlechte Arbeiten. Die beiden Bonds dieses Abends jedenfalls klingen heute noch genauso frisch wie vor 40 Jahren: Das sollte man einmal live gehört haben. Ob die Spatzen in weiteren 40 Jahren Badelts, Zimmers und der 17 Ko-Programmierer karibische Flüche von den Dächern pfeifen werden? Die Zukunft wird’s weisen.

Nach minutenlangem tosendem Applaus und mehreren Ab- und Auftritten des Dirigenten sah es kurzzeitig so aus, als würde eine zweite Zugabe folgen. Ein letztes Mal machte Wolfgang Hattinger gekonnt den Clown: Er bat die Zuschauer, sich ihn mit schwarz umrandeten Augen und langen Haaren vorzustellen, verwandelte sich vor dem geistigen Auge in Captain Jack Sparrow. Zur spürbaren Enttäuschung im Saal schloss sich daran jedoch keine Reprise von Fluch der Karibik. Stattdessen verabschiedete sich der sympathische Maestro mit einem herzlichen „Bleiben Sie im Fluss!“ und entließ das zufriedene Publikum in den milden Grazer Sommerabend.

Auch wenn das Meer an diesem Konzertabend nur eine Nebenrolle spielte, so bot er alles in allem doch einen vergnüglichen Streifzug durch besonders populäre und eingängige Filmmusiken aus sieben Jahrzehnten. Was die wichtige Frage angeht, wie es wohl um die Zukunft der sinfonischen Filmmusik vom Schlage eines Erich Wolfgang Korngold und John Williams bestellt sein mag, stimmt folgender Wortwechsel zweier vielleicht sechsjähriger Jungen, aufgeschnappt im allgemeinen Gedränge beim Hinausgehen, zumindest nachdenklich:

A: „Was hat dir am besten g’fall’n?“
B: (ganz selbstverständlich, wie aus der Pistole geschossen) „James Bond und Fluch der Karibik.“
A: „Ja, mir auch.“

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Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2008.

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