CD

Veröffentlicht am 10.05.2008 | von Michael Boldhaus

Land of the Pharaohs

Land of the Pharaohs Michael Boldhaus
Bewertung

Einleitung: Das Sandalenepos vom Westernregisseur

Land of the Pharaohs • Land der Pharaonen (1955) ist ein Film des renommierten Regisseurs Howard Hawks (Red River) und — neben Harold Jack Bloom und Harra Kurnitz — eines ebenso hochkarätigen Drehbuchautors, des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers von 1949: William Faulkner. Allerdings ist dieser Film ein gutes Beispiel dafür, dass große Namen nicht zwangsläufig der Garant für ein exquisites Resultat sind.

Im Rahmen der CinemaScope-Rallye Mitte der 1950er Jahre ist Warners Land der Pharaonen zweifellos ein Film der Superlative. Allerdings ist der Streifen von der Dramaturgie her einigermaßen verkorkst: Bereits innerhalb der ersten Dreiviertelstunde hat er nämlich sein monumentales Pulver praktisch vollständig verschossen. Was auf den zu Beginn gezeigten Triumphzug des Pharaos Cheops (Jack Hawkins) nach gewonnener Schlacht sowie auf die sich anschließende prachtvolle, ausladende Pyramidenbau-Sequenz folgt, ist abgesehen vom Finale kaum noch erwähnenswert. Was sich nun über ebenfalls rund eine Dreiviertelstunde ereignet, ist schlichtweg banalste Seifenoper. Hier fehlt einfach ein überzeugendes Handlungskonstrukt, das auf zumindest einen weiteren überzeugenden Höhepunkt zusteuert. Des Pharaos amouröse Affäre mit der verführerischen, von fatalem Ehrgeiz besessenen zypriotischen Prinzessin Nellifer verdient hingegen allein wegen deren Darstellerin, Joan Collins in ihrer ersten Rolle, überhaupt erwähnt zu werden. Und auch das nur, weil die Collins beim TV-Publikum der 1980er als vergleichbar hinterhältiges Biest Alexis in der Serie Dynasty • Denver Clan populär war.

Recht ansehnlich ist dann immerhin noch das Finale. Die rücksichtslos nach der Herrschaft strebende, dabei vor Mord an Cheops (im angelsächsischen Khufu) nicht zurückschreckende Nellifer wird vom Oberpriester Hamar (Alexis Minotis) durchschaut und überlistet. Sie gehört schließlich mit zu denen, die bei Pharaos Beerdigung lebendig begraben und damit ebenfalls dem Tode geweiht sind. Dafür sorgt ein faszinierender Automatismus, der einmal aktiviert die Zugänge zur Grabkammer unwiderruflich verschließt.

Land der Pharaonen ist somit zwar kein ganz großer Film, aber schon einer, der den Zuschauer durch seine beachtlichen Schauwerte in Teilen durchaus zu fesseln vermag. Nachweislich hat er trotz seiner Schwächen und auch Unstimmigkeiten in historischen Details mehr als nur einen Zuschauer für die Geschichte des alten Ägyptens, aber eben auch für Dimitri Tiomkin nachhaltig begeistert.

Land of the Pharaohs ist zwar nicht Hollywoods einziger Ausflug in das alte Ägypten, aber schon der einzige, der sich derart eingehend und opulent inszeniert mit dem Bau der Pyramiden befasst. Da kann auch Cecil B. DeMilles keinesfalls kleinformatiger, allerdings ziemlich bibelkitschiger The Ten Commandments • Die 10 Gebote (1956, Musik: Elmer Bernstein) nicht mithalten, erst Recht nicht der allein bieder und einfältig wirkende ]The Egyptian • Sinuhe der Ägypter (1954, Musik: Alfred Newman und Bernard Herrmann). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang aber der polnische Pharao (1966) von Regisseur Jerzy Kawalerowicz. Der nach einem Roman von Boleslaw Prus entstande Streifen ist in den historischen Details besonders stimmig umgesetzt. Kawalerowiczs Film ist allerdings kein Historienspektakel im üblichen Sinne. Es handelt sich vielmehr um eine ins Genre des Sandalen-Epos raffiniert gespiegelte Politparabel um die Macht im Staate.

Was damals noch mit einem riesigen Heer Statisten in Szene gesetzt werden musste, lässt sich mittlerweile mit Hilfe der Computeranimation vergleichbar imposant machen — siehe dazu die BBC-Dokumentation Die Pyramide.

2687Die Filmmusik: Dimitri Tiomkin versus Alfred Newman und Miklós Rózsa

Komponist Dimitri Tiomkin — biografische Infos im Artikel zu Red River (s. o.) — hat zu Land of the Pharaohs eine seiner opulentesten und auch eine seiner ausgefeiltesten Filmmusiken geschaffen. Wie der Film ist auch die begleitende Musik eine der Superlative: Das auf rund 90 Mann verstärkte Warner-Orchester erhielt Unterstützung von einem mit ca. 80 Mitgliedern fast ebenso groß besetzten gemischten Chor.

Dabei sind die vom Komponisten für einen derartigen Stoff zum Einsatz kommenden kompositorischen Mittel im Verhältnis erstaunlich modern. Letzteres gilt unterm Strich zwar ebenfalls für vergleichbare Vertonungen von Miklós Rózsa, denn beide Komponisten sind in den Stilismen der Spätromantik ähnlich verwurzelt. Allerdings wird bei Rózsa dem spätromantisch-üppigen Klangfundament durch eine eingearbeitete, gehörige Portion so genannter Musikarchäologie der so überzeugend historisierend wirkende Touch verliehen — zum Thema „römischer“ Kino-Sound siehe Gladiator. Miklós Rózsa hat auf diese Weise den bei ihm geradezu zum Markenzeichen gewordenen Historienfilmvertonungen sogar meist ein ganz besonders individuelles Flair verliehen — siehe dazu auch Ivanhoe und Diane. Ansatzweise findet sich das Bestreben zu historischer Authentizität beim Klang auch in Alfred Newmans The Robe • Das Gewand (1953) und in The Egyptian (1954). In ihrer besonderen Ausprägung sind jedoch Rózsas Vertonungen derartiger Sujets in Hollywood einzigartig geblieben.

Von derartigen Bezügen zu Musikstilen zurückliegender Epochen ist im Land der Pharaonen Tiomkins überhaupt nichts zu spüren. Die intonierten Gesangstexte sind ein rein pseudohistorisierendes Kauderwelsch und die Musik ist bei aller mitreißender Wirkung letztlich „nur“ reinrassiger Tiomkin, wobei der Komponist, wie immer, aus verschiedenen Quellen der Spätromantik schöpft. Tiomkins Klangpalette speist sich aus dem Impressionismus und besitzt spürbare Vorbilder in der Musik seiner russischen Kollegen Alexander Borodin, Peter Tschaikowsky, Alexander Glasunow, Nikolai Rimsky-Korsakoff und Sergej Rachmaninoff. In den oftmals schroffen Klangausbrüchen und, damit verbunden, der sich zwischendurch Bahn brechenden „russischen Wildheit“ fühlt man sich z. B. an die Urfassung von Modest Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ erinnert. Pate für die klangliche Exotik stand besonders Rimksy-Korsakoffs „Scheherazade“. Entfernt ist in dieser Musik aber auch noch die Klangwelt der Oper „Aida“ von Giuseppe Verdi zu spüren. Von den Vorbildern westlicher Provenienz ist in erster Linie Richard Strauss zu nennen.

Trotz des Fehlens eines ausgeprägteren Maßes an Individualität ist der Eindruck insbesondere in den kraftvoll-archaisierenden Musik-Passagen der ersten ca. 45 Filmminuten zweifellos vergleichbar faszinierend wie bei einer der großen musikalischen Epenvertonungen Rózsas. Wie wenig spezifisch, im Sinne von „pseudoägyptisch“ das hier zu Hörende allerdings ist, zeigt sich beispielsweise in der Komposition zu The Big Sky • Der weite Himmel: So erweisen sich die Barbarismen in den Tänzen der Rothäute als geradezu erstaunlich verwandt mit der Musik, welche die Arbeiten der Pyramidenbauer begleitet.

Besonders charakteristisch sind die auch in dieser Tiomkin-Musik infolge des ausgiebigen Gebrauchs von Flatterzungen häufig auftretenden rauen, ja schrillen Klangfärbungen der Bläsersätze. Dieses Charakteristikum sowie die in seinen Kompositionen ausgeprägte Neigung zum kraftvollen Orchesterfortissimo trugen Tiomkin übrigens den häufiger zu lesenden Vorbehalt ein, seine Musik sei eher laut denn subtil.

Land der Pharaonen: Der Score

Das Hörerlebnis bei Land der Pharaonen ist unmittelbar beeindruckend und mitreißend. Nach einem eröffnenden Fanfaren-Motiv wird das fortlaufend vielfältig abgewandelt wieder erscheinende, zweiteilige Hauptthema exponiert. Es wird vorgetragen durch eine bereits wie aus dem Nebel der Geschichte herüberwehend anmutende Männerstimme. Dabei sticht in der orchestralen Begleitung das Cimbalom, ein Hackbrett, besonders hervor. Hier fühlt sich der Hörer geradezu sogartig in die weit zurückliegende Epoche der Filmhandlung, rund 2500 Jahre vor Christi Geburt, in die Zeit des Baus der großen Pyramide von Gizeh zurückversetzt. Besagtes Hauptthema tritt anschließend in ausgeprägter Form in Erscheinung, im monumentalen Triumphzug, „Pharaoh’s Procession“, sowie der durch massiven Einsatz von Orchester, Chor sowie reichhaltigem Schlagwerk ebenso packenden Musik zur gewaltigen Pyramidenbau-Montage. Ebenfalls sehr überzeugend ist, wenn sich bei den späteren Szenen im Innern der Pyramide, im Labyrinth, die Musik zur Pyramidenbausequenz fahl, quasi gespenstisch widerspiegelt.

Weitere (Neben-)Themen sind im Score auszumachen, so z. B. eines für Pharaos Eroberungen im den Film eröffnenden Triumphzug oder auch das sehr einprägsame, zuerst im Englischhorn erklingende, für den Pyramiden-Baumeister Vashtar (James Robertson Justice). Tiomkin, der immer ein Gespür für die melodische und damit auch Song-Qualität seiner Themen besaß, hat übrigens aus dem etwas melancholischen Vashtar-Thema eine kommerzielle Songversion (Text von Ned Washington) gemacht: „This Too Shall Pass“.

Abseits der mit beeindruckend archaisierender Monumentalität vertonten Szenen zu Beginn und im Finale gleitet die Musik im soapigen Mittelteil des Films auf das vom Komponisten sattsam bekannte und gewohnte lyrische Klangbild zurück. Angesichts der insgesamt betont schwelgerischen und besonders farbig gehaltenen Klänge kann man hier aber schon von einer Art (Strauss’schen) „Salome“ à la Tiomkin sprechen (z. B. in „Nellifer“), wobei auch das bei einem solchen Sujet eher unerwartete Saxophon beteiligt wird. Derartiges findet sich in ähnlicher Form allerdings in Tiomkins Filmkompositionen x-fach. Mit dieser zweifellos punktuell nivellierenden Feststellung ist aber gerade im vorliegenden Fall gewiss kein pauschalierender Vorwurf im Sinne von musikalischer Einheitssoße beabsichtigt. Dafür schafft der souveräne Umgang mit dem fortwährend geschickt variierten thematischen Material im Zusammenwirken mit einer versiert ausgeführten Instrumentierung denn doch Abwechslung genug. Land der Pharaonen zählt zu den fast durchgängig mit Musik unterlegten Produkten Hollywoods. In der Breite betrachtet erweist sich allerdings das für das Golden Age vielfach als generell üblich proklamierte „Wall-to-Wall-Scoring“ eher als ein Klischee.

Zu den rund 104 Minuten Film (Länge der US-Laserdisc-Fassung) finden sich auf dem FSM-Doppel-CD-Album sogar rund 109 Minuten Filmmusik plus rund 10 Minuten Bonustracks. Zwangsläufig taucht nicht alles davon im Film auf. So ist z. B. „Pharaoh’s Procession“ im Film mit drei Minuten 15 Sekunden etwa halb so lang wie auf der CD. Die rund 10-minütige Sektion mit Bonustracks unterstreicht — vielleicht unfreiwillig augenzwinkernd — auch nochmals Maestro Tiomkins Händchen für den Kommerz: durch eine durchaus merklich auf poppiges Easy-Listening getrimmte Version des Main Titles — ein durchaus solide gefertigtes Stück Unterhaltung, wiederum mit leichtem Salome-Touch, ein wenig an den „Tanz der sieben Schleier“ erinnernd.

Land der Pharaonen auf Tonträger

Mit der vollständig vorliegenden Musik zu Warners Ägypten-Antik-Epos ist Film-Score-Monthly erneut ein editorisches Prachtstück gelungen. Außerdem eines, mit dem derzeit wohl kaum jemand gerechnet hat. Immerhin sind seit den 90er Jahren auf dem Grau- und Schwarzmarkt insgesamt drei Bootlegs verfügbar — Cover, Labelangaben sowie Tracklistings sind auf Soundtrack Collector abrufbar. Auf die 1995 zuerst erschienene Doppel-CD von Pantheon folgte im selben Jahr eine Einzel-CD-Version von Tsunami (TCI 0608), und seit Ende der 90er ist noch eine zweite Doppel-CD-Ausgabe von Soundtrack Library verfügbar. Musikalisch sind die beiden Doppel-CD-Bootlegs mit der neuen FSM-Edition (abgesehen von den Boni bei FSM) zwar praktisch identisch. Alle drei nicht lizensierten Ausgaben der Filmmusik weisen jedoch markante Probleme auf, die Zweifel daran nährten, dass die Bandmaterialien dieses komplexen Scores überhaupt noch vollständig erhalten sind.

2688Sämtliche Ausgaben der Filmmusik, auch die aktuelle FSM-Version, sind nur in Mono erschienen. Die Original-Stereo-Tonmaster fielen einer heutzutage eher kurios anmutenden Sparentscheidung zum Opfer. So haben von den ehedem stereophonen Magnettonmastern der in CinemaScope aufgenommenen Warner-Filme aus den 1950ern bis etwa Mitte der 60er Jahre wohl nahezu ausschließlich Mono-Mixdowns überlebt. Die drei Bootlegs sind der FSM-Edition aber nicht allein klangtechnisch eindeutig unterlegen. Im vorliegenden Fall sind die Unterschiede zwischen den CD-Alben besonders ausgeprägt.

Bei den Recording-Sessions wurde nämlich zusätzlich zur obligaten Stereo-Technik mit verschiedenen separat aufgenommenen Tonspuren (Overlays) für bestimmte Sektionen des Klangkörpers (Chöre, Soli, Schlagwerk etc.) gearbeitet, die mit den übrigen Orchester-Parts zusammen abgemischt werden müssen. Der Vorteil dieser Methode ist, dass man die Klangbalance nachträglich stärker individuell beeinflussen kann. So können beispielsweise bei der Herstellung der kompletten Tonspur — dem wahren „Soundtrack“ — wo geboten, bestimmte Instrumente, Instrumentengruppen bzw. Solisten bildsynchron prominenter abgemischt werden.

In diesem Punkt liegt bei sämtlichen Bootlegs allerdings das entscheidende Manko. Die Overlays waren wohl nur teilweise vorhanden und die für eine korrekte Abmischung unbedingt erforderlichen, die Aufnahmesitzungen dokumentierenden Unterlagen (!) wohl überhaupt nicht. Entsprechend sind die bisherigen Abmischungen schlichtweg unvollständig und/oder auch fehlerhaft. Teilen der Musik fehlt somit zumindest eine kräftige, ja oftmals entscheidende Prise an Farbigkeit. Auch ohne Vergleich mit den entsprechenden Teilen der FSM-Ausgabe bemerkte man schon seinerzeit das Fehlende gelegentlich unmittelbar. Dieses ist nämlich mitunter in Form sehr leiser, eher echoartiger Restanteile vorhanden, wenn auch mehr spür- als eindeutig hörbar. Extrem negativ fällt allerdings auf der Tsunami-CD gleich zu Beginn die im Main Title fehlende männliche Gesangsstimme ins Gewicht. Dadurch ist dem Stück praktisch das Genick gebrochen, die Wirkung geradezu dramatisch beeinträchtigt. Etwas, das natürlich die Freude beim Hören merklich trübt. Und dieser natürlich auch psychologisch ungünstige, da direkt negative Einstieg ins Land der Pharaonen wird bei den übrigen, häufig ebenfalls merklich unvollständig gemixten Tracks kaum wieder wett gemacht. Bei der Ausgabe von Pantheon ist übrigens die bei Tsunami fehlende — vermerkt als nicht rekonstruierbare — Singstimme im Main Title wiederum vertreten. Dafür fehlen jedoch sämtliche Choreinlagen in der Musik beim Bau der Pyramide. Insgesamt bietet Tsunami dagegen einige Chorpassagen mehr (jedoch längst nicht alle!), während bei Pantheon wiederum an einigen Stellen Chor zu hören ist, wo er wiederum bei Tsunami fehlt. Das ist schon recht erstaunlich, da beide offenbar aus Deutschland stammenden Editionen Zugriff auf dasselbe Ausgangsmaterial gehabt haben dürften.

Zu den fehlenden Overlays kommt noch die insgesamt ordentliche, jedoch merklich schwankende Tonqualität als Negativposten hinzu. Offenbar stammen die verwendeten Materialien aus mehreren, qualitativ unterschiedlichen Quellen, Kopien x-ter Generation etc. Ob das häufiger recht kompakte, mitunter etwas schwammige Klangbild der Tsunami-CD zudem auf zu massive Eingriffe mit Hilfe des CEDAR-Verfahrens zur Rauschverminderung zurückzuführen ist, kann an dieser Stelle zwar nicht bewiesen, darf jedoch überzeugend gemutmaßt werden.

Die wenig später auf dem Markt auftauchende Soundtrack Library-Doppel-CD wartet auf dem Cover nämlich mit dem vollmundigen Hinweis auf „Land of the Pharaohs is now presented for the first time complete, properly edited with all the choral overdubs in place and with the best sound possible — no filtering of the high end has taken place.“ In der Tat sind hier zumindest die Chorpassagen zum Großteil vollständig enthalten, die auf den Ausgaben von Tsunami bzw. Pantheon zuvor fehlten. Allerdings ist deren Abmischung mit den Instrumental-Parts nicht immer korrekt gelungen (s. o.). Dafür ist die Soundtrack Library-Doppel-CD klanglich ihren beiden Bootleg-Schwestern dank des nicht exzessiv betriebenen Entrauschens ein Stückchen überlegen.

2689Dagegen ist die lizensierte FSM-Ausgabe über jeden Zweifel erhaben. Sie überzeugt unmittelbar durch ihr praktisch konstant gutes, allem bisher Dagewesenen klar überlegenes Klangniveau. Natürlich ist es schon etwas schade, dass man diese in Teilen wahrhaft monströse Monumental-Filmmusik nicht in Stereo präsentieren konnte. FSM hat jedoch, wie auch im Falle von Waxmans The Silver Chalice, das Bestmögliche aus den allein noch vorhandenen monoralen Tonmaterialien gemacht. Und das kann sich im vorliegenden Falle besonders hören lassen. Der Zustand der Mono-Mixdowns sowie der komplett (!) zur Verfügung stehenden Overlays ist offenbar sehr gut gewesen. Und da man als Einziger Zugang zu sämtlichen Paperworks aus dem Warnerarchiv erhielt, hat FSM nicht nur fehlerfreie Abmischungen erstellt: Vielmehr hat man mit Hilfe der Overlays den meisten Tracks einen merklichen, durchaus überzeugenden Hauch von Stereo verliehen. Zusätzlich sind die orchestralen Mono-Teile im Sinne eines „Electronic Stereo“ dezent verräumlicht worden, damit klanglich alles sauber zueinander passt. Der Gesamteindruck ist in Betracht der zwangsläufig beschränkten Ausgangslage besonders beachtlich geraten. Der aufgepeppte, rudimentäre „Stereo-Klang“ ist durchweg sehr frisch und klar, recht transparent und nur minimal angerauscht. Die mal mehr, mal weniger deutlichen stereophonen Effekte werden beim Hören als weiterer Pluspunkt wahrgenommen. Hinzu kommt, der Cinemusic.de-FSM-erfahrene Leser dürfte es schon erahnen, das nebst Filmbildern mit sorgfältig aufbereiteten Informationen zu Film und Filmmusik versehene Begleitheft. Auch in diesem Punkt ist nicht nur die Tsunami-Edition zwangsläufig um Längen blasser, auch wenn der optische Eindruck des Tsunami-Begleithefts durch die relative Fülle farbiger Filmfotos auf den ersten Blick recht ansprechend ist. Die eher grobe Trackunterteilung und Zuordnung der Musikteile im mauen Begleithefttext sind weitere Schwachpunkte des Albums.

Dafür enthält die Tsunami-CD als einziges Bootleg in der Bonussektion sowohl das instrumentale Poparrangement des Main Titles als auch insgesamt knapp drei Minuten Material, das selbst auf der FSM-Edition nicht vertreten ist: So kann man in „Dimitri Tiomkin at work“ den Komponisten während der Proben zur den Main Title eröffnenden Fanfare belauschen. Und eine kleine Überraschung gibt es auch nur bei Tsunami: Die ersten 22 Sekunden vom Finalstück, „The Tomb“, präsentieren nämlich ein ausschließlich auf dieser CD zu findendes Fragment; eine Variante vom B-Teil des Hauptthemas, vorgetragen allein vom Glockenspiel. Dieser kaum chronologisch exakt platzierte, eher unbedeutende Schnipsel kommt im fertigen Film nicht vor. Dass dieses Musikpartikel auf der neuen FSM-Ausgabe nicht im Bonusmaterial auftaucht, ist zwar etwas verwunderlich. Ein dramatischer Verlust ist das allerdings nicht wirklich.

(Nach Rücksprache mit dem Produzenten, Lukas Kendall, handelt es sich bei besagtem Musikpartikel offenbar um ein Overlay, das vermutlich Teil von „Pharaohs Procession“ ist.)

Im Jahr 1978 erschien aus Land of the Pharaohs eine rund 23-minütige Suite, neueingespielt im Rahmen von „Elmer Bernstein’s Filmmusic-Collection“ — ebenfalls erhältlich als FSM-Box, zu beziehen über SAE. Bernsteins Nachspielung mit dem Royal Philharmonic Orchestra nebst Chor war seinerzeit ein Knüller und ist auch heutzutage nicht ausschließlich wegen der guten Stereo-Technik hörenswert. Gegenüber dem Original sind allerdings eine Reihe von Abweichungen auszumachen, die schon damals die anfängliche Begeisterung etwas dämpften. Ein echtes Wermutströpfchen ist die im Main Title zum Einsatz kommende weibliche Interpretin, deren Gesang praktisch völlig der archaisierenden Wirkung ihres männlichen Pendants im Original entbehrt.

Die recht knappe, ausschließlich auf die absoluten Highlights setzende Musikauswahl ist aus der Zeit der Entstehung der Aufnahme und der begrenzten LP-Kapazität betrachtet akzeptabel. Allerdings wäre dieser feine Tiomkin-Score schon damals auch als gesamte LP (Laufzeit 40 bis 50 Minuten) vertretbar gewesen. Und schließlich hat sich Christopher Palmer — federführend beim Vorbereiten der Orchestermaterialien — hörbare Freiheiten genommen, die besonders merklich zu Lasten des so typischen rauen Tiomkinsounds gehen (s. o.). Die Barbarismen in der Musik wirken dadurch recht gezähmt. Insgesamt besitzt die Nachspielung damit mehr den Charakter einer soliden Konzertversion, denn den einer dem Original besonders nahe stehenden Neueinspielung. Trotz dieser Einschränkungen muss klar gesagt werden: Insgesamt ist die ambitioniert und kraftvoll interpretierte Bernstein-Suite eine durchaus respektable Angelegenheit, eine, die eine Reihe sehr gelungener Momente besitzt.

Fazit: Nach der brillanten Edition zu Kapers Meuterei auf der Bounty hat FSM mit Land of the Pharaohs jetzt doch noch einen der letzten, von vielen Sammlern seit langem besonders heiß begehrten musikalischen Schätze aus den Archiven Hollywoods zutage gefördert. Was der Käufer für den günstigen Preis von 25$ erhält, verdient die Bezeichnung: Klasse. In der relativen filmmusikalischen Diaspora Mitte der 90er Jahre waren die ein recht diffuses Gesamtbild abgebenden drei Bootleg-Ausgaben natürlich willkommen, wenn auch zwangsläufig nur sehr bedingt befriedigend. Jetzt können diese sämtlich getrost in Pension geschickt werden.

Dank an Stefan Schlegel, der zu den Bootleg-Editionen von Pantheon und Soundtrack Library freundlicherweise eine Reihe wertvoller Informationen zur Verfügung stellte.

Dieser Artikel ist Teil unseres kleinen Spezialprogramms zu Pfingsten 2008.

© der Abbildungen auf dieser Seite bei Film Score Monthly und Warner Brothers.

Titel: Land of the Pharaohs
Erschienen: 2008

Laufzeit: 118:10 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 10 No. 17

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