CD

Veröffentlicht am 01.01.2008 | von Michael Boldhaus

The Silver Chalice

The Silver Chalice Michael Boldhaus
Bewertung

The Silver Chalice • Der silberne Kelch (1954) ist ein komplexes, aber inhaltlich schwaches Drama um aufstrebendes Christentum und heidnische Magie. Dass dieses Warner-CinemaScope-Opus heutzutage praktisch völlig in der Mottenkiste verschwunden ist, liegt — zu Recht (!) — an seinem insgesamt arg bescheidenen Ruf. Primär die Tatsache, dass der Film Paul Newmans Leinwanddebüt ist, macht ihn überhaupt erwähnenswert. Selbst das Handbuch der katholischen Filmkritik vermerkt zum Film, es handle sich um langatmigen Bibelkitsch. Daran hat neben dem schwachen Drehbuch auch der eigenwillige Inszenierungsstil von Regisseur Victor Saville beträchtlichen Anteil. Betont stilisiert, in theatermäßig gehaltenen, unrealistisch wirkenden Kulissen spielt sich das Gezeigte ab — etwas, das die Akzeptanz der dürftigen Filmhandlung nicht gerade erleichtert. Hinzu kommt noch das völlige Fehlen der für die Sandalen-Produktionen der Ära, wie Quo Vadis (1951), The Robe (1953) oder Ben Hur (1959), so bezeichnenden monumental inszenierten Szenen. In den 1960ern ist der Streifen hierzulande kurzzeitig dann nochmals unter dem kuriosen Titel Basilius — Held von Rom gezeigt worden.

Alles in allem handelt es sich um einen schlichtweg flauen, wenig ansehnlichen Film, sicher nicht um ein vergessenes Meisterwerk. Das gilt jedoch keineswegs für Franz Waxmans Musik, deren Originaleinspielung jetzt erstmals in einer offiziellen Veröffentlichung auf CD vorliegt. Der Komponist hatte übrigens kurz zuvor mit Demetrius and the Gladiators • Die Gladiatoren (1954) — das Sequel zu The Robe • Das Gewand (1953), komponiert von Alfred Newman — sein musikalisches Debüt im Bibel- und Sandalenfilmgenre abgeliefert.

In seiner Musik zu The Silver Chalice bleibt Waxman dem durchaus individuellen, sowohl vom Rózsa- wie Newman-Sound abgesetzten, klanglich eher kühl und auf Alex North vorausweisenden dezent modernistisch orientierten Stil treu, den er nach Demetrius nochmals für The Story of Ruth • Das Buch Ruth (1960) wählte. Für die Story um den Kelch des letzten Abendmahls des christlichen Erlösers setzte er aber auch auf die sakrale und zugleich altertümliche Wirkung der Kirchentonarten und überhaupt auf die Kirchenmusik des Barock. Ganz konkret zitiert er ein Beispiel aus der Bach’schen Johannes-Passion. Die Nähe zur barocken Liturgie zeigt sich unmittelbar besonders auffällig im ursprünglich vorgesehenen Prolog, dessen Musik erfreulicherweise im Anhang („Bonus Tracks“) auf der zweiten CD zu hören ist: Streicher und Cembalo begleiten den religiösen rezitativen Gesang eines Knabensoprans.

Außerdem greift er auf ein traditionelles, religiöses Fünfnoten-Motiv zurück, das als musikalische Gebetsformel ursprünglich aus dem katholischen Gottesdienst stammt: das so genannte „Dresdner Amen“. In der Musik des 19. Jahrhunderts spielt es eine wichtige Rolle und wird interessanterweise sogar konfessionsübergreifend verwendet. Felix Mendelssohn Bartholdy zitiert es beispielsweise im ersten Satz seiner Fünften, der „Reformations-Sinfonie“. Die sakrale Aura dieser aufsteigenden Klangfigur inspirierte aber auch Richard Wagner, der es als feierliche Charakterisierung für den Gral in seinem Bühnenweihefestspiel „Parsifal“ aufgriff und damit zum zentralen Leitmotiv dieser Oper machte. Franz Waxman hat sich dies in der Komposition zu Der silberne Kelch zum Vorbild genommen: Das Hauptthema basiert auf dem „Dresdner Amen“.

Waxmans Score ist nicht nur überreich an Themen: insgesamt 20! Der Komponist verleiht vielen Musikpassagen bemerkenswerte archaisierend und zugleich exotisch anmutende Färbungen, indem er zum einen wenig gebräuchliches Instrumentarium wie die Viola d’amore, aber auch das eine frühe Form der Synthesizer repräsentierende Novachord einsetzt — siehe dazu auch E. W. Korngolds The Sea Wolf. Geläufige Klangerzeuger wie Saxophon, Cembalo und Glocken kommen hingegen eher auf außergewöhnliche Art und Weise zum Zuge. Darüber hinaus ist dieser musikalische Ausflug in die Antike abseits einiger Fanfaren sowie abgesehen von wenigen Einsätzen des Tuttis völlig unmartialisch. Die Musik ist vielmehr besonders sparsam und durchsichtig, über weite Strecken geradezu kammermusikalisch instrumentiert.

Waxmans vorzügliche Musik offenbart ihre Reichhaltigkeit, ja ihren Reichtum nicht unbedingt und erst recht nicht in Gänze beim ersten Hören. Die in Teilen anfänglich spröde und gar akademisch wirkende Komposition offenbart erst dem Geduldigen ihre vielen Reize und Finessen.

Eine editorische Topleistung von FSM! Anders kann man diese im 40. Todesjahr des Komponisten erschienene Waxman-Edition nicht bezeichnen. Die Platz sparende Doppel-CD-Slimline-Box präsentiert die nahezu komplette Filmmusik, abgenommen von den einzig noch vorhandenen, aus den ursprünglich dreikanalig stereophon eingespielten Tonmastern Ende der 1950er angefertigten Mono-Abmischungen. Der Mono-Klang ist dabei überwiegend frisch und recht durchsichtig. Einzelne Tracks sind etwas stärker angerauscht. Einzelne, nicht vom Dialog-Geräuschmix der Filmtonspur beeinträchtigte Musikteile sind von einer Magnetton-Stereo-Kopie abgenommen. Die wenigen fehlenden Musik-Stücke sind in dem rund 20-minütigen Anhang mit Bonus-Tracks, von einem Music-&-Effects-Master überspielt, enthalten. (In diesen allerdings weniger als vier Minuten Material sind daher neben der Musik auch Geräusche zu vernehmen.)

Wie gewohnt finden sich zu sämtlichen gelisteten Musikstücken detaillierte Erläuterungen sowie Infos zum (kruden) Film. Last but not least ist auch dieses Begleitheft natürlich ansprechend bebildert.

Elmer Bernstein hat in den 1970ern im Rahmen seiner LP-Albenreihe für die hauseigene „Elmer Bernstein’s Filmmusic Collection“ zu The Silver Chalice eine insgesamt rund 37 Minuten Material umfassende Suite vorgelegt — ebenfalls erhältlich als FSM-Box, zu beziehen über SAE. Die von einem im Tutti (leider) merklich dünner als im Original besetzten Studioensemble ausgeführte Einspielung ist ansonsten durchaus passabel. Dank ihres klaren Stereo-Sounds besitzt sie natürlich schon einigen Reiz. Infolge ihrer Knappheit ist die Suitenzusammenstellung jedoch gegenüber den rund 110 Minuten der kompletten Filmmusik schlichtweg nicht ausreichend repräsentativ. Das macht die vorliegende FSM-Edition der Original-Einspielung so hoch willkommen. Wenn auch technisch zwangsläufig nicht vollkommen, macht sie diese weniger geläufige, absolut hochkarätige Filmvertonung Waxmans erstmals vollständig und in bestmöglicher Tonqualität zugänglich. Ein edler Platzhalter und auch Referenz für eine eventuelle spätere Neueinspielung des kompletten Scores zu sein, ist das Mindeste, was man dieser mittlerweile 159. Veröffentlichung des rührigen FSM-Teams attestieren kann und muss.

Dieser Artikel ist Teil unseres Spezialprogramms zum Jahresausklang 2007.

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Titel: The Silver Chalice
Erschienen: 2007

Laufzeit: 127:01 Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 10 No. 11

Komponist(en):

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