DVD

Veröffentlicht am 14.05.2005 | von Michael Boldhaus

Die Unglaublichen

Die Unglaublichen Michael Boldhaus
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Die Unglaublichen

Was wäre, wenn Superhelden verpönt wären? Schon mal etwas vom Superheldenschutzprogramm gehört? Bob Parr, einst als Mr. Incredible ein gefeierter Superheld, fristet ausgestattet mit neuer Identität ein eher fades Dasein. Tagsüber ist er als Schadensregulierer einer Versicherung tätig, wobei ihn sein kleinkarierter Chef fortwährend fürchterlich nervt. Doch schon bald steht turbulente Action ins Haus. Bobs ehedem größter Fan, Incrediboy, hat sich vorgenommen, alle Superhelden zu beseitigen: weil dann jeder super sei, was heißt, dass es keiner mehr ist …

1556Das ist der Ausgangspunkt des jüngsten und wohl auch vorletzten Produkts aus der Kooperation zwischen Disney und der CGI-Schmiede Pixar — Die Unglaublichen. Was sich über knapp zwei Stunden vor den Augen des Zuschauers ereignet, ist wiederum in Sachen Animation ein tricktechnisches Prachtstück, aber vor allem ein großer Spaß geworden. Der (Haupt-)Macher dieses wiederum beispielhaften computergenerierten Films heißt Brad Bird und zeichnet sowohl für die TV-Zeichentrickserie Die Simpsons als auch für The Iron Giant • Der Gigant aus dem All (1999) verantwortlich. Bird knüpft bei den Comic-(Super-)Helden wie „Superman“ und „Batman“ an. Durch eine gehörige Portion vom Geheimagent ihrer Majestät James Bond (und auch von Spider-Man) verlieren seine Figuren die artifizielle Kühle der alten Comicfiguren, werden stärker zu Menschen wie Du und ich, zu Superhelden zum Anfassen.

Es ist allein schon ein gehöriger Spaß, die Anleihen an die Ästhetik der Kulissen der frühen Bond-Filme (ganz besonders in Thunderball) aufzuspüren. Wobei die Rettung der Hochbahn sowie der im finalen Kampf zur Strecke gebrachte Riesenroboter an („Doc Ock“ aus) Spider-Man 2 erinnern. Ebenso finden sich aber auch Reflexionen der so genannten „Moderne“, wie sie die Vertreter der verschiedensten Kunstrichtungen in den 60er Jahren sahen. Dafür stehen nicht ausschließlich die protzigen Heckflossen der Straßenkreuzer und die auf zierlichen Stelzen balancierenden Möbel, sondern auch die Gebäude-Designs sind zugleich vom Stil des futuristisch-visionären Blick gekennzeichnet, der in jener Zeit typisch war.

1554Bird und seine Pixar-Crew treiben es in den rasanten Verfolgungsjagden und atemberaubenden Stunts soweit, dass in den USA die Kleinen nur in Begleitung ihrer Eltern ins Kino durften. Ob allerdings die deutsche Freigabe ab sechs Jahren der jüngsten Pixar-Produktion gerecht wird, wage ich doch etwas zu bezweifeln; ich vermute vielmehr, dass Kids unterhalb von 14 Jahren mit dem Gezeigten eher wenig werden anfangen können. Im Gegensatz zum ebenfalls reizenden Findet Nemo, der im Disney-typischen Sinne zweifellos eine Unterhaltung für die ganze Familie ist, benötigt der Zuschauer, um Die Unglaublichen entsprechend genießen zu können, doch schon ein gewisses Maß an Hintergrundwissen; auch damit ihm nicht zuviel vom köstlichen und zugleich vielschichtigen Humor verloren geht.

Wer bereits im Kino seinen Spaß an der Begegnung mit der insgesamt mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Familie Unglaublich hatte, der dürfte sich auch für die jetzt erschienene Doppel-DVD-Edition begeistern können. DVD-1 bietet den Film in makelloser Bild- und Tonqualität. Regisseur Brad Bird wirbt dabei im Rahmen einer nett gemachten Einführung ausdrücklich dafür, sich den Streifen im originalen Scope-Format anzuschauen und nicht auf Kosten arg beschnittener Seiten (Bildschirm-)formatfüllend aufzuzoomen. Im opulenten und druckvollen Surround-Tonmix (in AC3-5.1) ist auch Michael Giachinos raffinierte und zugleich liebevolle Hommage an die Musik für die Umtriebe diverser Superhelden der Sixties ein wichtiger Part. Ein rund fünfminütiges Segment zur Filmmusik ist übrigens im Making Of zu finden. (Wer diese originelle Musik noch nicht auf CD besitzt und mehr darüber erfahren möchte, klicke hier.) Ebenso liebevoll und witzig wie bei den anderen Disney-Pixar-Produktionen ist auch dieses Mal die deutsche Synchronisation geraten, bei der neben anderen Kai Pflaume, Markus Maria Profitlich, Herbert Feuerstein und Barbara Schöneberger beteiligt sind. Zum Film können übrigens Audiokommentare gewählt werden: wahlweise mit Regisseur Brad Bird und Produzent John Walker oder mit den Hauptanimatoren Tony Fucile und Steven Hunter.

Dem klassischen Disney’schen Erfolgsrezept, bei jeder neuen großen Produktion den Zuschauer mit etwas bislang noch nicht Gebotenen zu überraschen, bleiben auch Die Unglaublichen treu. Erstmalig musste fast ausschließlich menschlichen Figuren tricktechnisch überzeugend Leben eingehaucht werden. Zwei ausführliche Sektionen (insgesamt rund 90 Minuten) zum Thema „Making Of“ finden sich auf DVD-2 und halten Aufschlussreiches bereit. Wer z. B. etwas darüber erfahren möchte, was im Laufe der Entstehung des Films verändert worden ist oder wie ursprüngliche szenische Einfälle aussahen, die letztlich doch wieder entfielen, für den ist das Segment „Zusätzliche Szenen und alternativer Anfang“ bestimmt. Anhand von Storyboards und einer Vorstufe des aufwändigen 3-D-Animationsprozesses, der so genannten „Animatics“ wird hier zugleich ein Eindruck von der Komplexität des Entstehungsprozesses einer derartigen Produktion vermittelt. Bedeutend sind bei der Gestaltung auch die von Kamerafrau Janet Lucroy sorgfältig erarbeiten Ausleuchtungsstrategien. Hierbei sind die für einen Animationsfilm oftmals ungewöhnlich ausgeprägten Kontraste, die dem Bild mit seinen oftmals besonders satten, ja knalligen Farben einen quasi Noir-Touch verleihen, besonders bemerkenswert. Auf der anderen Seite stehen überaus subtile Beleuchtungseffekte, die in den ruhigen Momenten den gewollten Fotorealismus charmant begünstigen, dem Gezeigten in Teilen fast schon einen poetischen Hauch verleihen. Im lockereren, mitunter selbstironischen Plauderton der Macher erscheint dabei das, was zweifellos mit viel mühevoller Arbeit verbunden war, oftmals fast (schon allzu) spielerisch.

Sehr nett ist auch das Segment „Werbematerialien“, das einen, den Film bereits mittelfristig vorankündigenden Teaser sowie zwei Trailer enthält, die kurz vor dem Filmstart zur Werbung eingesetzt wurden. Dabei lässt schmunzeln, dass im Teaser (und auch im Trailer Nr. 2) teilweise sogar originale Bondmusik — aus On her Majesty’’s Secret Service — erklingt.

1555Es fällt aber auch auf, dass es in den Werbematerialien mindestens zwei lustige Szenen mit dem arg beleibt gewordenen Bob Parr gibt, die im fertigen Film (leider) nicht mehr auftauchen. Da ist die im Teaser zu sehende Szene, in der Bob sich verzweifelt bemüht, sich in sein zu eng gewordenes Superman-Outfit zu zwängen; diese ist in kürzerer Form übrigens auch im zweiten Trailer zu sehen. Sie scheint damit nicht (was ansonsten denkbar wäre) allein für den Teaser gemacht worden zu sein. Als Parodie ist diese Szene übrigens noch ein drittes Mal in den Bonusmaterialien zu finden, im Segment „Die unglaublichsten und witzigsten Pannen vom Dreh“. (Dieses fast schon traditionelle, normalerweise im Abspann auftauchende Anhängsel der Disney-Pixar-Filme fehlt bei Die Unglaublichen übrigens.) Eine zweite lustige, im fertigen Film ebenfalls fehlende, Szene findet sich in Trailer Nr. 2: hier führt Bobs Fettleibigkeit dazu, dass er kaum durch eine Röhre passt. Diese witzigen szenischen Einschübe machen die Notwendigkeit für Bobs im Film zu sehendes Trainings- und Fitnessprogramm überhaupt erst richtig deutlich. Leider finden sich aber keinerlei Erläuterungen, warum man sie weggelassen hat.

Ein weiteres Kuriosum ist der Kurzfilm „Mr. Incredible und Freunde“: In der Einführung zu den auf DVD-2 enthaltenen Bonusmaterialien weist Brad Bird ausdrücklich auf den Film als seltene, historische Fundsache hin. Der in der Sektion „streng geheim“ zu findende rund vierminütige Farbfilm wirkt wie ein Cartoon aus den 50er Jahren. Über seine Bedeutung und Herkunft erhält man allerdings keinerlei Infos, auch nicht im anwählbaren Kommentar. Letzterer erweist sich als reine Ulknummer, bei der sich die Protagonisten der Filmhandlung spöttisch über das Gezeigte äußern. (Möglicherweise handelt es sich beim „historischen Fund“ aber auch um einen reinen Gag.)

Das sind aber auch die einzigen minimalen Schwachpunkte in einer überaus sorgfältig zusammengestellten Sammlung üppiger und zugleich informativer Boni. Der Käufer erhält damit eine Kollektion wertvoller Extras, die als praktisch perfekt bezeichnet werden darf; eine, die über das hier Erwähnte hinaus noch einiges mehr an „coolen“ Dingen bereithält. Dies alles hilft letztlich dabei, auf so manches wichtige Detail überhaupt erst aufmerksam zu werden und den Film beim erneuten Anschauen doch mit geschärftem Blick zu sehen.

Alles in allem ist damit die neueste Disney-Pixar-Produktion in der vorliegenden Doppel-DVD-Edition eine perfekt rundlaufende, in höchstem Maße amüsante Angelegenheit. Die Unglaublichen sind dabei eindeutig mehr als eine vordergründige Leistungsschau der Tricktechnik. Letztere ist hier eben nicht reiner Selbstzweck, sondern vielmehr elegant, die rasante Handlung unterstützend integriert. Plot und Figuren wirken keineswegs oberflächlich, besitzen vielmehr Seele: das ist es, was das besagte Tüpfelchen auf dem „i“ ausmacht.

„Die finden immer neue Wege, die Mittelmäßigkeit zu feiern“ schimpft Bob Parr, der zugleich einige Mühe damit hat, seine ebenso außergewöhnlich begabten Sprösslinge davon abzuhalten, in der stinklangweiligen Normalität des Alltages unnötiges Aufsehen zu erregen. Sind Die Unglaublichen damit nun ein flammendes Plädoyer gegen Gleichmacherei und Mittelmaß, vielleicht gar behaftet mit einem Hauch von Sozialdarwinismus? Derartiges könnte man zwar sicherlich hineininterpretieren. Aber Vorsicht! Wie sagt Mr. Incredible doch verschiedentlich: It’s „Showtime!“ Drum nicht alles bierernst sondern augenzwinkernd nehmen, sich vielmehr köstlich amüsieren.

(Super-)Helden auf Cinemusic.de

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2005.

Titel: Die Unglaublichen
Erschienen: 2005

Zusatzinformationen: USA, 2004 (2-DVD-Special-Edition)

Medium: DVD
Verleih: Buena Vista
Kennung: DVD 102424

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