CD

Veröffentlicht am 10.08.2004 | von Michael Boldhaus

i, Robot

i, Robot Michael Boldhaus
Bewertung

I. Ein Roboter darf einem Menschen keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem Menschen Schaden zugefügt wird.
II. Ein Roboter muss die Befehle eines Menschen befolgen, es sei denn, diese Befehle verletzen das erste Gesetz.
III. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, es sei denn, dies würde das erste oder das zweite Gesetz verletzen.

Dies sind die drei berühmten Gesetze der Robotik, die der berühmte Wissenschaftler und Schriftsteller Isaac Asimov, einer der Pioniere der modernen Sciencefiction, bereits in den 1950er Jahren seiner Sammlung Kurzgeschichten „i, Robot“ zugrunde legte. Der gleichnamige Film von Regisseur Alex Proyas verschmilzt Figuren und Ideen aus Asimovs Robotergeschichten mit der Kriminalstory eines bereits vor rund 10 Jahren verfassten Drehbuchs von Jeff Vintar, das den Titel „Hardwired“ trägt. Darin geht es um die Aufklärung eines Mordes, der möglicherweise von einem Roboter begangen wurde.

Im Film soll Detective Del Spooner (Will Smith) einen Todesfall im Chicago des Jahres 2035 aufklären, zu einer Zeit und in einer relativ nahen Zukunft, in der Roboter jeglicher Art wie selbstverständlich zum menschlichen Alltag gehören und glaubwürdig modernisierte, futuristische Landschaften und Skylines das Bild bestimmen. Das Mordopfer ist Dr. Alfred Lanning, Systementwickler bei U.S. Robotics.

Die entscheidende Rolle bei der Lösung des Kriminalfalles spielt Sonny, ein NS-5, ein Prototyp des neuesten Modells der U.S. Robotics. Er gehört einer Generation von Robotern an, deren Fähigkeiten im Vergleich mit den besten Vorgängermodellen geradezu revolutionär verbessert sind. Durch den Tod von Lanning ist die Markteinführung des NS-5 allerdings gefährdet, steht Sonny doch unter dringendem Tatverdacht. Lanning entdeckte nämlich einen „Geist im System“, der die von den drei Robotikgesetzen suggerierte Sicherheit gefährdet. Vor seinem rätselhaften Tod, der auch ein Selbstmord sein kann, konnte er immerhin noch eine holografische Aufzeichnung anfertigen, die Detective Spooner wichtige Hinweise für seine Ermittlungsarbeit gibt.

Im Zentrum der Filmhandlung steht damit ein Roboter: Sonny ist eine aufwändig mit Hilfe von modernsten Computeranimationstechniken faszinierend dreidimensional und fotorealistisch entwickelte CGI-Figur, verkörpert von Alan Tudyk — auch wenn man diesen im Film natürlich nicht wirklich sieht.

Mit der Roboter-Psychologin Dr. Susan Calvin (Bridget Moynahan) kommt eine Figur ins Spiel, die dem Charakter von Del Spooner völlig entgegengesetzt ist: Während der eher hightech-feindliche Spooner, der vor allem Roboter ablehnt, durch seine Liebe zu altertümlicher Kleidung und „alter“ Musik überhaupt ein eher altmodischer Typ ist, sind Susan Calvin Roboter sogar lieber als Menschen. Beide Protagonisten sehen den Fall also aus völlig gegensätzlicher Perspektive und werden im Verlauf der Handlung jeweils in eine tiefe Sinnkrise gestürzt.

In i, Robot prallen künstliche und menschliche Intelligenz aufeinander, wird die Frage nach dem Grenzbereich zwischen artifiziellem und organischem Denken aufgeworfen. Herausgekommen ist dabei zumindest ein rasanter und zugleich interessanter, möglicherweise auch intelligenter Genre-Mix: High-Tech-Action, romantisches Drama und Thriller durchdringen einander und werden mit erstklassigen Special-Effects garniert.

Für die Vertonung wurde Marco Beltrami verpflichtet, dem bei diesem Auftrag nur rund 14 Tage Zeit zur Verfügung standen. Das Resultat ist nicht allein unter dem Aspekt der knappen Zeit bemerkenswert. Nach dem sehr beachtlichen Hellboy ist Beltrami auch bei i, Robot ein überaus hörenswerter Wurf gelungen. Die Komposition verwendet neben groß besetztem Orchester (Hollywood Studio Symphony) gemischten Chor (Hollywood Film Chorale) und vielseitig eingesetzte Klangsynthetik.

Alles in allem hat sich Marco Beltrami für eine geschickt gefertigte Herrmann-Hommage entschieden. Atmosphärisch erinnert seine über weite Strecken düstere Musik an Minority Report mit einem Hauch von Basic Instinct. In den kraftvoll auskomponierten Actionmomenten kommen als weitere Stilvorbilder neben einer Prise Danny Elfman, Elliot Goldenthal und besonders Jerry Goldsmith in den Sinn. Die futuristischen Panoramen des „Chicago 2035“ (Track 8) sind dabei mit Klängen unterlegt, die kurzzeitig stark an Goldenthals Final Fantasy gemahnen. Über allem aber steht die typische Arbeitsweise Bernard Herrmanns, die Marco Beltrami versiert aufgreift. Ein absteigendes Viernotenmotiv, das im Main Title nur bruchstückhaft aufscheint, erst quasi vorbereitet wird, bildet die Basis der Musik. Auf der CD erscheint es erstmalig im zweiten Track „Gangs of Chicago“. Besagtes Motiv dient als Keimzelle für x-fache Varianten und auch für zum melodischen Thema tendierende Erweiterungen, so in „i, Robot Theme“ (Track 3) und „Round Up“ (Track 15). Es durchläuft dabei in vielfältigen Schattierungen sämtliche Gruppen des Klangapparates. Durch die besonders betonten, zugleich stark besetzten Streicher wird immer wieder (wie in Minority Report) Nähe zu Psycho spürbar.

Wobei mit diesen Vergleichen fast ausschließlich Stilvorbilder gemeint sind, an denen sich der Komponist orientiert, diese aber nicht plagiiert. Abgesehen von den (nur knappen) Final Fantasy ähnelnden Passagen und ebenso den Bläsereinsätzen in einigen Actionmomenten muss man ihm attestieren, die stilistischen Vorbilder elegant und mit klar erkennbarer eigener Handschrift integriert zu haben. Sicherlich hat die extrem kurze Zeitvorgabe ihren Tribut gefordert, was sich auch in der Liga der 11 ausgewiesenen Orchestratoren zeigt. Etwas, das sich letztlich nur beim Hören der vollständigen Musik sauber festmachen lässt. Für den sicher repräsentativen Schnitt des Varèse-Albums gilt schon so, dass sich auch diese neueste Musik Marco Beltramis deutlich und wohltuend von der jüngsten Schöpfung Brian Tylers zu Godsend abhebt, bei der man die ausgeprägte Nähe zu Klangvorbildern doch eher als lastend bezeichnen muss.

Ebenfalls bemerkenswert ist in i, Robot die Klangsynthetik eingesetzt. Synthesizer-Sounds machen in einem derartigen Stoff natürlich besonders viel Sinn und auch im Hellboy sind Synthesizer — ebenfalls gut gelöst — verschiedentlich anzutreffen. In i, Robot sind die synthetischen Anteile deutlich größer, wobei mit der Elektronik insgesamt ein sehr feinsinnig durchwirktes, zum Teil metallisch-geräuschhaftes Klangdesign erzeugt wird, das überzeugende Atmosphäre vermittelt. Überdrehte Gags und damit schnell penetrant wirkende Effekte werden vermieden. Das Resultat überzeugt umso mehr. Auch die bei vielen Scores von Hans Zimmer fast schon obligatorische synthetisch verstärkte Basslinie (ge-)braucht Beltrami erfreulicherweise nicht. Bei ihm wirken geschickt eingesetzte synthetische Klangelemente und ebenso überzeugend gearbeitete orchestrale Sounds überaus raffiniert zusammen, ohne Tricks zur Erzeugung von klanglichem (oftmals allein hohlem) Bombast. So harmoniert beispielsweise das fremdartig klingende Solo der elektrischen Violine in „i, Robot Theme“ nicht allein sehr gut mit den synthetischen Klangdesigns, sondern wirkt geradezu als Brücke zwischen synthetischen und akustischen Lösungen.

Ein Schnitt von rund 45 Album-Minuten mag manch einem vielleicht als etwas knapp geraten erscheinen. Unterm Strich liegt aber in jedem Fall ein auch abseits der Filmbilder sehr gut (allerdings unchronologisch) geschnittenes und damit entsprechend prima funktionierendes Höralbum vor. i, Robot ist eine Musik, deren Qualitäten sich besonders mit mehrfachem Hören entwickeln. Es handelt sich um ein CD-Album, das auch klanglich überzeugt und für das fette vier Sterne in der Wertung sicher nicht zu viel des Guten sind.

Der Amerikaner Marco Beltrami, ausgebildet von Luigi Nono und an der Yale School of Music, ist seit 1994 im Filmgeschäft. Daneben arbeitet er auch für den Konzertsaal. Bereits mit früheren Arbeiten, wie zu The Minus Man, Blade II und Terminator 3, hat der Komponist einen überzeugenden Eindruck hinterlassen, auch wenn beispielsweise seine Musiken zur Scream-Filmtrilogie, The Watcher und Joy Ride (zwar gut gemacht), als reine Höralben nur mit Einschränkungen funktionieren. Mit Hellboy und i, Robot sind jetzt in rascher Folge zwei vorzügliche (Hör-)Alben auf dem Markt erschienen, die Beltrami als besonders talentierten Hoffnungsträger erscheinen lassen. Als einen, der das Zeug haben könnte, in die oberste Komponistenliga vorzustoßen.

Titel: i, Robot
Erschienen: 2004

Laufzeit: 45:06 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-6591

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