CD Khartoum (OST)

Veröffentlicht am 31.05.2004 | von Michael Boldhaus

Khartoum/Mosquito Squadron

Khartoum (Cover, LP)

Khartoum (Cover, LP)

Khartoum

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde insbesondere in der Region, die heutzutage (grob betrachtet) als der „Nahe Osten“ geläufig ist, ein besonders blutiges Kapitel der Kolonialgeschichte aufgeschlagen. Gemeint sind die Auseinandersetzungen der europäischen Mächte um Einfluss in Ägypten, der so genannte „Mahdiaufstand“ und schließlich die 1898 abgeschlossene Rückeroberung des Sudans durch Lord Kitchener. Dies sind Ereignisse von großer historisch-politischer Tragweite, deren Auswirkungen weit ausstrahlen, noch bis in unsere Tage.

Ägypten war damals zwar noch Teil des (wenn auch schwächelnden) osmanischen Reichs, aber die europäischen Mächte, Frankreich und (besonders geschickt) die Engländer, mischten im Poker um Macht und Einfluss schon lange verdeckt mit — seit Napoleons Ägypten-Feldzug. Einer der Angelpunkte des Interesses war der von Franzosen gebaute Suez-Kanal, als kurzer Seeweg nach Indien. Und bereits in den 1870er Jahren hatte sich der britische General Charles Gordon (1833-1885) in einem besonders unruhigen Teil dieser Region im Kampf gegen den dort blühenden, grausamen Handel mit dem „schwarzen Elfenbein“ (Sklaven) verdient gemacht: im Sudan.

Zu Beginn der 1880er Jahre trat dann ein Derwisch namens Mohammed Ahmed auf den Plan: ein charismatischer islamischer Führer, der sich selbst als von Gott gesandter Prophet, „Der Mahdi“, bezeichnete. Es gelang ihm, die Bevölkerung am oberen und mittleren Nil mit Hilfe von religiösem Fanatismus gegen den starken europäischen Einfluss im Lande aufzuwiegeln.

Eine ägyptische Armee unter Führung des pensionierten britischen Oberst Hicks sollte dem ein Ende bereiten. Doch die Militäraktion geriet zum totalen Desaster und nicht einmal der Stab entging der Vernichtung. Die Armee des Mahdi war durch die Vielzahl erbeuteter Waffen und Munition erst recht zu einer Gefahr geworden. Jetzt schien (wieder einmal) General Gordon der richtige Mann zu sein, die Situation zu meistern. Er erhielt den Auftrag, einen (zumindest vorläufigen) geordneten ägyptischen Rückzug aus dem inneren Sudan zu leiten. Die Hauptstadt Khartoum wurde so zum Angelpunkt in der Chronik der nachfolgenden stürmischen Ereignisse und diese bilden zugleich den Hintergrund für den gleichnamigen Film. Khartoum schildert (natürlich in teilweise vereinfachter, idealisierter und auch romantisierter Form) den Ablauf der rund 320-tägigen Belagerung, das immer verzweifeltere Warten auf die britische Entsatzarmee und schließlich Gordons Tod beim Fall der Stadt — siehe dazu auch Die Vier Federn.

Ursprünglich wollte Produzent Julian Blaustein Burt Lancaster für die Rolle des britischen Generals, aber die Vorbereitungen für das Projekt zogen sich zu sehr in die Länge. In der Schlussphase der Dreharbeiten zu The War Lord bekam Charlton Heston Robert Adreys Drehbuch zu lesen und war direkt angetan. Er erwärmte anfänglich wohl sogar den britischen Meister-Regisseur Carol Reed für das Projekt. Schließlich erhielt aber Basil Dearden den Job. Dass „Chuck(s)“ (Hestons) umjubelter Einzug — in der Uniform Gordons — in Khartoum zufällig mit seinem 41. Geburtstag zusammenfiel, ist eines der originellen Ereignisse innerhalb eines zum Teil recht problembeladenen Drehs.

Hestons Darstellung des britischen Generals zählt zu den stärksten Leinwandauftritten seiner Karriere. Ralph Richardson als Premierminister Gladstone ist ebenfalls sehr überzeugend und Laurence Olivier setzt als Hestons Gegenspieler „Der Mahdi“ einen hervorragend-markanten Kontrapunkt. Und im Zusammenspiel mit einer eindrucksvollen Breitwandfotografie und prächtigen Massenszenen zählt Khartoum trotz einiger kleinerer Schwächen zu den sehr sehenswerten Kino-Epen. Neben Lawrence von Arabien (1962) gehört Khartoum zu den wenigen Kinofilmen, in denen packende Wüstenstimmungen eine entscheidende Rolle spielen.

Der Film ist außerdem ein Stück episches Breitwandkino vom Feinsten; produziert in einer Weiterentwicklung der 70-mm-Verfahren „Todd-AO“ und „Camera 65“: in „Ultrapanavision 70“. Hierbei wird das 70-mm-Filmbild ähnlich wie bei CinemaScope (wenn auch weniger stark) anamorphotisch komprimiert. Das so resultierende enorm breite Bild mit einem Seitenverhältnis von 1 : 2,76 überbietet sogar das aus drei einzeln projizierten Teilbildern bestehende „Cinerama“ — mit „nur“ 1 : 2,68.

Allerdings ist Khartoum wohl nur ganz vereinzelt in voller Breite gezeigt worden. Für die meisten der gehobenen Aufführungstheater kamen nur übliche 70-mm-Fassungen mit (auf Todd-AO-Standard) beschnittenem Bildseitenverhältnis von 1 : 2,21 und für die Masse der Abspielstätten allein eine auf 35-mm-Scope reduzierte und damit ebenfalls seitlich beschnittene Version in Frage.

Im auch musikalisch eindrucksvollen Film-Prolog mit Off-Erzähler werden der Nil und die an ihm gelegenen antiken Stätten vorgestellt und schließlich geht es (per an einem Hubschrauber montierter Kamera) hinein in die Wüste. In der Ferne wird eine riesige Staubwolke sichtbar, aus der in der Nähe die Konturen von Hicks’ vorrückender Armee sichtbar werden …

Die atemberaubende Wirkung des außergewöhnlich gestochen scharfen Filmbildes von Khartoum zählt im Kino im wahrsten Wortsinn zum „Schärfsten“, was man überhaupt auf der Leinwand sehen kann. Etwas, das (mit kleinen Abstrichen) auch noch für die 35-mm-Scope-Kopien gilt. Selbst auf dem Fernsehschirm wird mit Hilfe von High-Tech-Video (von Laser Disc und DVD) die hervorragende Brillanz noch unmittelbar augenfällig. Mit Khartoum hatte allerdings die Ära des Deluxe Breitwandkinos der 1950er und 1960er Jahre ihren Schlusspunkt erreicht.

FSM hat jetzt den (übrigens exzellenten) Schnitt der seinerzeit zum Film erschienenen United-Artists-LP erstmals legal wiederveröffentlicht. Als zusätzliches kleines Schmankerl ist noch die „Exit Music“ (abgenommen von Film-Magnet-Stereo-Ton) vertreten.

Der aus Sussex stammende britische Komponist Frank Cordell (1918-1980) war bereits in den 30er Jahren in den britischen Warner Studios beschäftigt. Während des zweiten Weltkriegs leistete er seinen Wehrdienst als „kriegswichtiger“ Orchestrator und Dirigent bei der RAF. Nach Kriegsende wurde er Musikdirektor für Forces Radio. Er vertonte Hörspiele der BBC und spielte ab 1955 viele Schallplatten mit „Light Music“ ein. Daneben erfolgten in den 50ern erste Spielfilmvertonungen für Warner und Anfang der 60er Jahre zog sich Cordell aus dem Plattengeschäft zurück und konzentrierte sich ausschließlich auf das Komponieren von Filmmusik. Er vertonte unter anderem Flight from Ashiya (1964), Ring of Bright Water (1969) und Cromwell (1970), für den er eine Oscarnominierung erhielt. Seine letzte Filmpartitur entstand 1976 für God Told Me To. Anschließend zog er sich in sein Landhaus in Sussex zurück und arbeitete an Konzert- und Kammermusik. Er verstarb dort nach kurzer Krankheit, am 6. Juli 1980.

Cordells Musik zu Khartoum zeigt die Handschrift eines versierten Sinfonikers. Das aus der eröffnenden Fanfare entstehende warm-heroische Thema für Gordon steht den Krönungsmärschen William Waltons sowie den Pomp-and-Circumstance-Märschen Edward Elgars sehr nahe. Der noble Gordon-Marsch symbolisiert (entsprechend den musikalischen Vorbildern) seinen britischen Protagonisten sinnfällig und überzeugend als Vertreter der viktorianischen Ära.

Die exotisch geheimnisvolle Aura des Sudan, die geheimnisvolle Welt des Orients und eben auch des Mahdi (in Form einer dissonanten Akkord-Folge) wird durch impressionistische und pentatonische Klangfärbungen versinnbildlicht. Etwas, das im Vergleich mit Goldsmiths Sand Pebbles zwar deutlich traditioneller, aber zugleich wiederum geschickt und sehr kraftvoll umgesetzt ist. Die Spannungs- und Aktionsmomente, in denen der Mahdi und seine Armee eine Rolle spielen, sind in deutlich modernistisch gefärbtem Tonfall gehalten. Dissonanzhäufungen und Tonpyramiden, die im Ausdruck an Alex North (Cleopatra) und auch Leonard Rosenman erinnern, sind hier prägend.

In diesen Teilen tritt dem exotischen Flair das Modernistische als schärfend wirkender und sperrig-wuchtiger Kontrast gegenüber. Ebenso, wenn das von einem schottischen Volkslied abgeleitete Marschthema für die britische Entsatzarmee auf die sich immer dissonanter steigernde Musik des Mahdi trifft — im Film trifft dabei eine Vorausabteilung auf Kamelen von Wolseleys Entsatzarmee auf Männer des Mahdi und liefert sich mit diesen ein Gefecht. Hierbei kann man fast schon vom musikalischen Crash sprechen.

Und wie der Film beginnt, so schließt er auch: Der Off-Erzähler fasst die Ereignisse nach dem Fall Khartoums kurz zusammen. Dazu erklingt das Gordon-Thema nochmals elegisch in hohen Streicherlagen und der Film endet musikalisch, ähnlich wie manch eigenständiges musikdramatisches Werk auch, auf einem lang gehaltenen und anschließend in höchsten Höhen himmelwärts verklingenden Ton der Streicher. Insgesamt präsentiert sich Cordells Musik zu Khartoum als klangprächtige, raffiniert breitsinfonisch gestaltete und sehr kraftvolle dramatische Abenteuerfilmmusik mit exotischen und modernistischen Einschüben (Wertung: 5 Sterne).

Die auf der United-Artists-LP vertretene Musik entstammt einer Nachspielung, die sowohl in der Original-Instrumentierung als auch in annähernd originalen Filmtempi gehalten ist. Diese verdiente schon damals das Prädikat „substanziell vollständig“. Zusammen mit der hier noch vom Film angefügten „Exit Music“ — die Wiederholung des besonders jubelnd-leuchtkräftigen Statements des Gordon-Themas zum Einzug in Khartoum — gilt dies in besonderem Maße. Gegenüber dem Film dürften maximal 10 Minuten eher weniger bedeutsames Musikmaterial fehlen. Die allein noch erhaltenen Master der LP-Einspielung befinden sich in hörbarem Top-Zustand. Sie erklingen von der CD jetzt sogar nochmals eine Spur klarer und auch dynamischer als vom in den 80ern schon hervorragend gefertigten japanischen LP-Reissue.

Als großzügige Zugabe präsentiert das FSM-Cordell-Album noch die Musik zum klischeehaften Weltkrieg-II-Abenteuer Mosquito Squadron • Moskito-Bomber greifen an (1968). Der Film gehört zur Reihe britischer Weltkrieg-II-Epen, wie 633 Squadron (1963), Operation Crossbow (1964), Where Eagles Dare (1968) und Battle of Britain (1969), die übrigens sämtlich von Ron Goodwin vertont wurden.

Überhaupt fällt bei Cordells Musik zu Mosquito Squadron die Nähe zu obigen Vertonungen Goodwins auf. Auch hier gibt es ein Elgar nahe stehendes Marschthema (man vergleiche mit Operation Crossbow) und ein streicherdominiertes, sehr schönes, eingängiges Love-Theme und dezent dissonant gehaltene Passagen für die militärischen Aktionen (diese Teile stehen Where Eagles Dare recht nahe). Der von der Unterhaltung herkommende Ron Goodwin komponierte für ein solch kriegerisches Kinosujet in einem erkennbar bemühten sinfonisch-dramatischen Stil und der eindeutig „seriöse“ Sinfoniker Frank Cordell näherte sich bei Mosquito Squadron dem Thema stärker light-sinfonisch (Wertung: 4 Sterne). Das Resultat ist dabei ähnlich, wobei die unterschiedliche „Abstammung“ beider Tonsetzer spürbar bleibt.

Auch bei Mosquito Squadron konnte allein auf die noch existierenden Tonmaster einer dieses Mal sogar bislang unveröffentlicht gebliebenen LP-Einspielung zugegriffen werden. Die Bandaufzeichnungen der Nachspielung von Mosquito Squadron sind wie die zu Khartoum technisch tadellos. Alles in allem ist die vorliegende FSM-Edition damit eine vorzügliche Pioniertat für den auf Tonträger bislang völlig unterrepräsentierten Komponisten Frank Cordell. Von ihm ist bislang neben Khartoum nur noch Cromwell (1970) auf LP erschienen — letztere enthält allerdings kaum Musik: es handelt sich vielmehr um eine Dialogplatte.

Für FSMs auch editorische Topleistung kommt keine nivellierende Mittelwertbildung zwischen beiden Musikwertungen in Betracht. Vielmehr sind hier als Album-Gesamtwertung volle fünf Sterne und damit ein „Sehr Gut“ angemessen.

Khartoum/Mosquito Squadron Michael Boldhaus
Bewertung

Titel: Khartoum/Mosquito Squadron
Erschienen: 2004

Laufzeit: 78:55 (41:46 + 37:08) Minuten

Medium: CD
Label: FSM
Kennung: Vol. 7 No. 2

Komponist(en):

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