Special 5034

Veröffentlicht am 30.05.2004 | von Michael Boldhaus

BBC-TV-Dokumentarserien, 2. Folge

Unser blauer Planet — Die Naturgeschichte der Meere

Die achtteilige BBC-Dokumentarreihe Unser blauer Planet — Die Naturgeschichte der Meere wurde hierzulande erstmalig ab 8. Juli 2003 in der ARD gezeigt und ist kürzlich im WDR wiederholt worden. Der renommierte britische Naturfilmer Alastair Fothergill ist über rund 5 Jahre zu Werke gegangen, hat die Serie mit enormem Aufwand und Kosten von mehr als 11 Mio. € produziert. Etwa 40 Kameraleute arbeiteten in bis zu 12 Teams gleichzeitig an über 200 verschiedenen Plätzen des blauen Planeten Erde. Die zum Großteil faszinierenden Aufnahmen entstanden mithilfe neuartiger, zum Teil bahnbrechender Techniken. Das ehrgeizige Projekt erforderte zugleich eine national übergreifende Bündelung von Kräften und Ressourcen: So waren neben der BBC sowohl die Anstalten WDR als auch BR beteiligt.


DVD 2261

Veröffentlicht am 30.05.2004 | von Michael Boldhaus

Unser blauer Planet

Dass die Erdoberfläche zu rund 70 % aus Wasser besteht, weiß fast jeder Heranwachsende, aber die wahren (Tiefen-)Dimensionen der Ozeane und was sich in ihnen verbirgt, das ist trotz ambitionierter früherer Arbeiten, wie denen von Jacques Costeau, bislang nur ansatzweise überhaupt erforscht worden. Verblüffende Tatsache ist: Wir wissen über die Meere unseres aus dem All betrachtet so unverwechselbar blau bis türkis funkelnden Planeten weniger als über die Oberfläche des Mondes. Wer macht sich schon bewusst, dass der tiefste Punkt im Ozean rund 11 Kilometer unter dem Meeresspiegel liegt — so tief wie der Mount Everest und der Mont Blanc zusammen hoch sind? Und dass rund 60 % der Weltmeere Tiefen größer als 1500 Meter aufweisen, Zonen, in denen völlige Dunkelheit herrscht? Wer ahnt schon, dass beispielsweise das auf Fischmärkten angebotene weiße Fleisch des aus diesen tiefen Regionen stammenden Granatbarsches von einem Tier stammt, das vermutlich 150 Jahre alt werden kann; und wer hat zuvor die wie eine exotische farbige Blüte anmutenden Röhrenwürmer zu Gesicht bekommen?

1236Das Wasser ist nicht allein die Wiege des Lebens, die Ozeane unseres Raumschiffs Erde beherbergen insbesondere in den dunklen Regionen der Tiefsee Geheimnisse, die niemals zuvor je ein Mensch gesehen hat. Die Erforschung dieser im wahrsten Wortsinn düsteren Welten der Meere steht immer noch am Anfang, hat aber bereits zu faszinierenden Erkenntnissen geführt. Der Zuschauer begegnet im finsteren Abgrund durchscheinenden, außergewöhnlichen Lebewesen. Diese sind von mitunter grotesker Häßlichkeit, wirken wie nicht von dieser Welt und sind zum Teil mit rasiermesserscharfen Zähnen ausgerüstet. Andere wiederum zeigen, wenn in der Dunkelheit Licht auf sie fällt, beeindruckende Farben und/oder erzeugen Licht durch biochemische Reaktionen.

Eine Voraussetzung, in großen Wassertiefen von über 4000 Metern überhaupt derartige Aufnahmen machen zu können, ist modernste Technik. Immerhin bedeuten jeweils 10 Meter Wassertiefe eine Druckzunahme von einer Atmosphäre — was einer zusätzlichen Belastung von 1 kg pro Quadratzentimeter entspricht. So kommen gewaltige Drücke und entsprechend große auf die Fläche wirkende Kräfte zusammen, für die ein normaler menschlicher Taucher einfach nicht mehr geschaffen ist.

In der Serie werden neben der Tiefsee und dem weiten offenen Ozean, die Meere der gemäßigten (Temperatur-)Zonen und ebenso die Polarmeere charakterisiert. Und außerdem gibt es Einblicke in das Leben an Felsküsten, auf Korallenriffen und in die Vielfalt der tropischen Mangrovensümpfe und Seegraswiesen — wichtige Puffer zwischen zerstörerischem Ozean und Land. Insgesamt entsteht ein beeindruckendes Gesamtbild, bei dem urwüchsige Pracht und Schönheit und ebenso gnadenloser Überlebenskampf sowie Naturgewalt dicht nebeneinander stehen.

Unter den ehrgeizigen und teuren Naturfilmprojekten der BBC markiert Unser blauer Planet zusammen mit dem eng verwandten und ebenfalls von Alastair Fothergill realisierten Kino-Event Deep Blue derzeit zweifellos die Topliga. Das Gezeigte kommt in Form einer lehrreichen und zugleich unterhaltsamen High-Tech-Wissenschaftsshow daher: die zum Teil sehr aktuellen Erkenntnisse sind sorgfältig populärwissenschaftlich aufbereitet und werden keineswegs betulich, sondern vielmehr sehr lebendig und damit packend präsentiert. Bekanntes, wenig Geläufiges und Unbekanntes passiert Revue. Kaum etwas davon erscheint einem als Déjà-vu. Das gilt selbst für die die TV-Serie eröffnenden Bilder der Meeresbrandung — ein toller Moment dieser Bilderfolge ist links neben dem Titelblatt zum ersten Kapitel des Begleitbuchs abgebildet. Hier schaut die Kamera aus ungewöhnlicher Perspektive, nämlich von der Seite in die sich brechende Welle hinein: der verblüffte Zuschauer ist (natürlich besonders im Film) förmlich mit dabei, wie der Wellenkamm überschlägt und das Objektiv kurzzeitig im Brecher und damit unter Wasser verschwindet.

Unser blauer Planet Michael Boldhaus
Film
Bild
Ton
Extras

Titel: Unser blauer Planet
Erschienen: 2004


Medium: DVD
Verleih: polyband
Kennung: DVD 47022-7 (3 DVDs)

Regisseur(e):

Schlagworte:


Lesen 2262

Veröffentlicht am 30.05.2004 | von Michael Boldhaus

Unser blauer Planet

Aber auch der reichhaltige Bildband besticht nicht allein durch die Fülle an vergleichbar fantastischen und ungewöhnlichen Aufnahmen. Er wartet darüber hinaus mit einer Menge sorgfältig aufbereiteter Informationen auf. Übersichtlichkeit ist hierbei Trumpf. Das wahrlich gewichtige Buch besticht durch seine überzeugende optische Gliederung im Aufbau der Seiten. Sowohl die Strukturierung der Kapiteltexte als auch die zusätzlich zur Fülle der Bilder eingestreuten, durch Grafiken gelungen veranschaulichten wichtigen Sachverhalte sind vorbildlich. Verschiedene typografische Gestaltungsmöglichkeiten (Schriftarten, -größen und Setzweisen) helfen dem Leser, sich zu orientieren und die verschiedenen Textstücke leicht zuzuordnen. Jedes Kapitel-Deckblatt weist eindeutig nummeriert die zugehörigen Unterkapitel aus und ist darüber hinaus in einem eigenen Meeresfarbton (blau bis türkis) gehalten. Optisch auffällig angeordnete Querverweise zu wichtigen Themen sind dabei behilflich, bereits zuvor Gelesenes aufzufrischen. Ein Glossar fasst die wichtigen Begriffe erläuternd zusammen und ein gutes Register hilft beim Wiederauffinden und Stöbern in der Fülle des gebotenen Materials.

1237Die hier in Form eines Prachtbandes aufbereitete TV-Serie präsentiert eine umfassende Naturgeschichte der Meere. Der Band ist nicht nur (eine teilweise erweiterte) hervorragende Ergänzung sowohl zur TV-Serie auf DVD als auch zum Kino-Event Deep Blue, sondern zugleich ein eigenständiges Lesebuch, das mit zusätzlichen reichhaltigen Details aufwartet. Eine Publikation, die sowohl als unabhängiges Lesebuch als auch zur Nachbereitung der einzelnen Folgen der Serie optimal geeignet ist und natürlich ebenso (wie auch umgekehrt) auf diese neugierig macht.

Das im geschmackvollen Digipack daherkommende 3-DVD-Set ist mit einer Gesamtspielzeit von rund 450 Minuten, allein schon vom Umfang, der bisherige König unter den BBC-Dokumentar-Editionen auf DVD. Neben den acht jeweils rund 45-minütigen TV-Folgen, verteilt auf zwei DVDs, ist der dritte Datenträger mit wertvollem Bonusmaterial bestückt. Das Herzstück bilden zwei jeweils rund 45-minütige Dokumentationen. Einblicke in die Produktion der Serie gibt „Aus der Werkstatt der Filmemacher“. Hier kann man erahnen, wie viel Mühe, unendliche Geduld und Ausdauer es die Beteiligten gekostet hat, das, was in der Endfassung fast wie ein Non-Stop-Feuerwerk visueller Brillanz erscheint, auf Film festzuhalten. Ebenso wenig darf man dabei die viele Arbeit übersehen, die unter ungemütlichen, oftmals risikoreichen Bedingungen erfolgte. Man ist beeindruckt, wie fesselnd es beispielsweise gelungen ist, den täglichen Überlebenskampf, das Fressen und Gefressen-Werden, zu visualisieren.

„Die Jagd nach dem Fisch“ hat ein wenig (notwendige) Werbung zum Schutz der Weltmeere im Gepäck. Beleuchtet werden die Probleme der vom Menschen verursachten Überfischung und die Bedrohung ganzer Lebensräume, beispielsweise durch hemmungslose Tiefseefischerei. Hierbei werden durch das mechanische „Abräumen“ nicht allein die Korallen stark geschädigt. Zurzeit können übrigens überhaupt nur etwa 0,33 % (!) der Weltmeere als (zumindest in Teilen) geschützte Regionen gelten.

Im Kurzfilm Blue sind in Form eines rund 5-minütigen (Kino-)Trailers bildgewaltige Serienhöhepunkte montiert. Dazu führen zwei Jungen eine lustige Konversation im Stile von „Mein Vater hat gesagt, …“. Eine augenzwinkernde Werbepräsentation, in welcher der jüngere von beiden beispielsweise staunend erfährt, dass der gestreifte Marlin — ein haiähnlicher Jäger aus tropischen Gewässern — sich mit mehr als 100 Stundenkilometern durch die Fluten bewegen kann.

1238Etwas blass hingegen ist die mit George Fentons Filmmusik unterlegte „große“ Fotogalerie geraten: Hier erscheinen die Bildmotive nämlich leider nicht formatfüllend, sondern eher als etwas mickriger, (zu) klein eingerahmter Teilausschnitt in der Bildmitte.

Dank nahezu makelloser Bildqualität (noch einen signifikanten Tick besser als in der guten TV-Ausstrahlung!) werden die hier gelüfteten Geheimnisse der Ozeane nicht verschleiert, sondern durch saubere Kontraste, Schärfe und wenig Korn durchweg scharf präsentiert. Und sowohl George Fentons stimmungsvolle musikalische Untermalung als auch der sauber atmosphärische 4-kanalige Dolby-Surround-Ton (AC3-2.0) geben keinen Anlass zur Klage.

Fazit: Die britisch-deutsche TV-Serie Unser blauer Planet ist dank ihrer visuellen Brillanz eine emotional packende Studie über die Dynamik und mitunter im wahrsten Wortsinn farbige Vielfalt des Lebens in den Weltmeeren. Das hier zu Sehende, mitunter an ein grandios choreographiertes (Unterwasser-)Ballett erinnernd, konnte nur mit modernsten Techniken realisiert werden. Im Zusammenwirken von elegantem Schnitt, Montage und auch George Fentons Musik entsteht vor den Augen des Zuschauers ein lehrreicher und zugleich faszinierend unterhaltsamer Bilderbogen durch die marinen Lebensräume unseres Planeten.

Dieses derzeit sicherlich besonders populäre TV-Produkt taugt natürlich sowohl zum gelungenen Einstimmen als auch zur Ergänzung des eng verwandten Deep Blue, aber nicht nur: Der Begeisterte sollte seine Aufmerksamkeit zusätzlich nicht allein auf die Filmmusiken, sondern zugleich auf die nicht minder liebevoll gemachten weiteren BBC-Dokus und natürlich ebenso auf die jeweils zugehörigen, erstklassigen Begleitbücher richten.

Siehe auch: BBC-Dokumentar-Serien, 1. Folge
Siehe auch: BBC-Dokumentar-Serien, 3. Folge

Dieser Artikel ist Teil unseres umfangreichen Programms zu Pfingsten 2004.

Titel: Unser blauer Planet
Erschienen: 2002

Zusatzinformationen: € 39,90 (D)
Laufzeit: 384 Seiten

Medium: Buch

Schlagworte:


Nach oben ↑

Pin It on Pinterest