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Veröffentlicht am 11.04.2004 | von Michael Boldhaus

Alles über Huckleberry Finn

Nochmals ist ein Klassiker der angelsächsischen Kinder/Jugendbuch-Literatur in liebevoller, aufwändig gestalteter Ausgabe im Europa Verlag erschienen. Nach den vergleichbar üppig ausgestatteten Bänden „Alles über Alice“ (2002) und „Alles über den Zauberer von Oz“ (2003) ist im Spätherbst 2003 „Alles über Huckleberry Finn“ veröffentlicht worden. Die landläufigen Jugendbuchausgaben des Romans sind vereinfacht und gekürzt. Dem vorliegenden Band liegt eine bereits zuvor erhältliche Neuübersetzung von Friedhelm Rathjen zugrunde, die sich weitgehend an den Originaltext der Vorlage hält. Rathjen gelingt es, die Figuren deutlich in ihrer Sprache zu markieren. Seine eigene „Dialektlösung“ ist dabei zwar anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber anschließend doch überzeugend.

„Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, erschienen 1884, ist nicht allein der berühmteste Roman Mark Twains, es handelt sich zugleich um dasjenige seiner Bücher, das — nicht nur im positiven Sinne — am meisten Aufsehen erregt hat. Für die einen war es ein Meilenstein der Weltliteratur, für die anderen war es eine Brutstätte des Rassismus. Nicht allein der Gebrauch des Wortes „Nigger“ erregte manche puristischen Gemüter. Es gab sogar Versuche, die Lektüre des Buches in Schulen als Verstoß gegen das Bürgerrechtsgesetz von 1964 juristisch verbieten zu lassen.

Bei dem 1835 in Florida, Missouri geborenen Mark Twain (gestorben 1910) handelt es sich in Wirklichkeit um Samuel Langhorne Clemens. Twain wird in einem einführenden Kapitel eingehend vorgestellt. Darin findet sich ebenso Ausführliches zur Entstehungsgeschichte des Romans. Wobei zu den bekannteren Fakten zählt, dass „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ die Fortsetzung von „Tom Sawyer“ ist. Eher wenig geläufig dürfte hingegen sein, dass der Huckleberry-Finn-Roman gewissermaßen als „Abfallprodukt“ aus einem Schlusskapitel des „Tom Sawyer“ entstand, das der Autor auf Anraten seines literarischen Vertrauten, des Romanciers William Dean Howells, gestrichen hatte. Entsprechendes gilt für sein ursprüngliches Vorhaben, Huckleberry Finns gesamtes Leben literarisch zu gestalten – ein Gedanke, den Twain aber rasch wieder verwarf.

Der Literaturwissenschaftler und Journalist Michael Patrick Hearn, der schon mit „Alles über den Zauberer von Oz“ überzeugte, hat auch Mark Twains berühmten Jugendbuch-Klassiker fachkundig begleitet. In seinen parallel zum Text angeordneten Randbemerkungen findet sich unzähliges Wissens- und auch Lesenswertes amüsant wieder. Der renommierte Twain-Kenner und Spezialist für Jugendliteratur hat dazu alle greifbaren Quellen zurate gezogen: Briefe, Manuskripte, zeitgenössische Presseberichte. Ebenso hat er sich mit Twains zahlreichen Textretuschen auseinander gesetzt und dabei neben kritischen Stimmen zum Roman überhaupt eine Fülle bislang unzugänglichen Materials ausgewertet.

Hearn führt den Leser auf besonders reizvolle Weise durch die bekannte Geschichte von den Abenteuern Hucks und Jims bei ihrer Floßfahrt den mächtigen Mississippi hinab. Aber das ist noch nicht alles: durch die breit angelegte, etwa ein sattes Viertel des Buches ausmachende „Einleitung“ wird er geradezu zum Lotsen des Floßes der aus dem Nest Hannibal in Missouri stammenden beiden kindlichen Abenteurer. Besonders der etwas reifere Leser dürfte bereits hier beim Stöbern ins Schwärmen geraten. Wobei sich, nicht allein hier, auch beim Lesen in den lehrreichen Randbemerkungen zwischendrin immer wieder mal ein amüsiertes Schmunzeln einstellen dürfte. Man lernt nicht nur, was ein „Gemsenknäuel“ ist, sondern findet ebenso wahrlich „Explosives“ über die alten New-Orleans-Dampfer: „ … und in jeder Saison fliegen eins, zwei davon in die Luft und schleudern ein, zwei Dutzend halbgar gekochter Passagiere in eine unangenehme Höhe der Erdatmosphäre empor.“ Ebenso faszinierend ist der sich dem Lesenden eröffnende zeitgeschichtliche Spannungsbogen.

Und für diejenigen, welche eben nie genug bekommen können, gibt’s als Bonus in zwei Kapiteln (im Anhang) noch bislang unveröffentlichte Textteile. Dass die in Anhang B von John J. Harley beigesteuerten Illustrationen von gleich edler Gestaltung sind wie die wunderschönen, aus der Originalausgabe übernommenen Zeichnungen E. W. Kembles, ist dabei fast schon selbstverständlich.

Durch die Fülle der zusätzlich gelieferten Infos bekommt nicht allein die klassische Story, sondern ebenso das zeitliche Umfeld der Entstehung des Romans zusätzliche Tiefenschärfe und Breitenwirkung. Manchem vom Kino begeisterten Leser dürfte damit das Buch geradezu wie ein Hollywoodfilm in CinemaScope und leuchtkräftigen Technicolorfarben erscheinen. Besonders dann, wenn beim Lesen für eine passende filmmusikalische Untermalung gesorgt wird: beispielsweise mit der komödiantischen Vertonung zu The Adventures of Huckleberry Finn (1960) von Jerome Moross oder Max Steiners romantisch-schwelgerischem Kostüm-Score zu The Adventures of Mark Twain (1944).

Der Leser wird gekonnt und ironisch, auf geradezu schelmische Weise in die Welt des „Alten Südens“ vor dem Bürgerkrieg entführt. Er sollte aber beim Stöbern in diesem faszinierend und zugleich köstlichen Buch unbedingt die dem Romantext vorangestellte Einleitung Twains beachten: „Personen, die’s unternehmen, ein Motiv in dieser Erzählung zu entdecken, werden gerichtlich belangt; Personen, die’s unternehmen, eine Moral darin zu entdecken, werden des Landes verwiesen; Personen, die’s unternehmen, einen Plan darin zu entdecken, werden erschossen.“

Wenden sich die vergleichbar aufgemachten Bücher „Alles über Alice“ und „Alles über den Zauberer von Oz“ in erster Linie an spezialisierte erwachsene Leser, dürfte „Alles über Huckleberry Finn“ auch für lesefreudige Heranwachsende ab etwa dem 14. Lebensjahr geeignet sein.

Titel: Alles über Huckleberry Finn
Erschienen: 2003

Zusatzinformationen: € 39,90 (D)
Laufzeit: 460 Seiten

Medium: Buch
Verlag: Europa Verlag, Hamburg
Kennung: 3-203-83535-5

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