Sampler

Veröffentlicht am 25.05.2002 | von Michael Boldhaus

Goldsmith conducts Goldsmith

Goldsmith conducts Goldsmith Michael Boldhaus
Bewertung

Nach dem bereits an anderer Stelle vorgestellten Telarc-Sampler, gibt’s nun nochmals Jerry Goldsmith in Concert. Dieses Mal handelt es sich um ein Reissue der im März 1987 im Anschluss an ein Live-Konzert im Studio entstandenen Aufnahmen, die 1989 zuerst als teure Edition von „Masters Film Music Special Release Series“ und später auch (mit anderem Cover) auf dem Decca-Label erschienen sind. Diese CD ist nicht in erster Linie besonders interessant, weil es sich hier um die erste Einspielung von Konzertarrangements aus Goldsmith-Scores überhaupt handelt, sondern vielmehr weil nur auf dieser Zusammenstellung eine besondere musikalische Perle zu finden ist: eine rund 16-minütige Suite aus The Blue Max (1965). Die Suiten-Kompilation fasst geschickt eine Reihe von Highlights des Scores zusammen.

1656The Blue Max • Der blaue Max schildert ein Fliegerdrama vor dem Hintergrund der großen deutschen Sommeroffensive an der Westfront im Kriegsjahr 1918. Interessanterweise spielt der Film allein auf deutscher Seite, wobei sowohl seine Story um Ehrgeiz und Ehre (beim „blauen Max“ handelt es sich um einen hohen Orden) als auch die kinematografische Umsetzung keineswegs als schlecht bezeichnet werden können, die Herz-Schmerz-Einlagen allerdings etwas platt geraten sind und auch das allzu dublinesk geratene Berlin nicht richtig überzeugt. Die Kameraarbeit ist herrlich, die Flug- und Luftkampfszenen sogar einfach grandios. Dass optisch gelungene Kampf-Szenen auch die Gefahr einer Ästhetisierung von Gewalt mit sich bringen, ist etwas, das immer wieder aufs Neue Diskussionen hervorrufen wird …

Musikalisch kann man The Blue Max als Meisterwerk bezeichnen. Was Goldsmith aus dem breit ausschwingenden romantisch-heroischen Basis-Thema (der Score ist monothematisch) herausholt, wie der Komponist damit arbeitet, welche Vielseitigkeit er erreicht, das ist einfach perfekt. Da reflektiert die Musik die Freude und das Majestätische der Fliegerei, indem sie zuerst ganz dezent mit einem Flötenmotiv beginnt, das von Trompete und Horn übernommen, anschließend in das kraftvolle, breite Thema mündet, das zuerst in den hohen Streichern aufblüht und schließlich vom großbesetzten Orchester voll ausgespielt wird.

Schon ohne Bild ist das Eröffnungsstück von mitreißender Wirkung, und erst recht im Zusammenwirken mit den Filmbildern: Soldaten suchen unter Infanteriebeschuss im Schützengraben Deckung. Der Protagonist der Filmhandlung, Bruno Stachel (George Peppard), nimmt Motorengeräusch wahr, er blickt nach oben und beobachtet zwei am Himmel kämpfende Doppeldecker, die Musik setzt ein und die Kamera zoomt hinauf in die Wolken. Die Panoramabilder in CinemaScope verschmelzen mit der Musik zu einer Einheit voller Grandeur.

Hier und überhaupt in den Flugszenen („Overture“, „First Flight“ und „The Bridge“) ist die Tondichtung „Eine Alpensinfonie“ von Richard Strauss das Stilvorbild, von dem aber nicht einfallslos abgekupfert, sondern dessen rauschhaft-sinnlicher Klang durch entsprechende Umsetzung angestrebt wird – auch die Windmaschine kommt zum Einsatz („The Bridge“). Aber Goldsmith kann das erhabene Thema auch zum dezent einsamen und melancholischen Love-Theme sowie zur Walzerparodie formen, mit ihm aber ebenso die grimmigen Kriegsszenen eindrucksvoll und wuchtig gestalten: An diesen Stellen greift der Komponist zu barocken Formschemata, die der Musik auch klanglich einen strengen, herben Charakter verleihen. Der Höhepunkt ist eine groß angelegte Passacaglia, die den Rückzug der deutschen Armee dramatisch, packend untermalt („The Attack“). Goldsmith dirigiert die Suite aus The Blue Max straff und zupackend, dicht am Original, wobei der volle klare Sound sein übriges zur optimalen Wirkung beiträgt. In den Ballon-Szenen von Night Crossing • Mit dem Wind nach Westen (1981) griff Goldsmith nochmals auf die in The Blue Max erprobten Klangschemata zurück.

Ansonsten bietet der Sampler weitgehend Bekanntes: das epische Hauptthema aus Masada, eine charmante von Synthie-Sounds befreite sinfonische Suite aus Gremlins, die bekannte pfiffige Kopplung der Märsche aus Patton und MacArthur in „The General’s Suite“, das ritterlich-heroische Lionheart-Thema und die bekannten Medleys aus „TV- und Motion-Picture-Themes“. Im Television-Themes-Medley (knapp 10 Minuten) sind die Hauptthemen aus Man from U.N.C.L.E, Doctor Kildare, Room 222, The Waltons und Barnaby Jones von der im Original kleinen Besetzung effektvoll auf ein großes Sinfonieorchester übertragen – die spätere Fassung dieser Kompilation ist noch um das Thema aus Star Trek: Voyager erweitert. Im rund 15-minütigen Motion-Picture-Themes-Medley gibt es die Hauptthemen aus The Sand Pebbles, Chinatown, A Patch of Blue, Poltergeist, Papillon und als effektvoller Abschluss The Wind and the Lion kombiniert – die spätere Version dieser Zusammenstellung enthält zusätzlich die Themen aus [url id=1011]Air Force One[/url] und Basic Instinct.

Was diese beiden Medleys angeht, scheiden sich daran vielleicht ein wenig die Geister, da sich Goldsmith gegenüber den Originalen schon einige Freiheiten nimmt. Hier ist also der individuelle Geschmack besonders entscheidend; wobei mir gerade diese beiden Interpretationen als Konzertarrangements durchaus zusagen. Die Medleys und die übrigen Stücke werden vergleichbar energisch interpretiert wie die Blue-Max-Suite und auch die Veränderungen in der Instrumentierung wirken angemessen, da sie dem Geist der Originale nicht zuwider laufen – z.B. die maßvolle Verstärkung der Streicher in A Patch of Blue zerstört nicht die Intimität der Musik.

Dem ursprünglich rund 64-minütigen Programm hat Silva noch als Bonus-Track eine geschickte Kopplung von Feentanz und Schlussmusik aus dem Score zu Legend zugegeben. Ein schöner romantisch-warmer Abschluss der CD, den derjenige wegprogrammieren kann, welcher ihn – da nicht zum Konzertprogramm zugehörig – als Fremdkörper empfindet. Das recht liebevoll ausgestattete Booklet wartet mit Plakatmotiven auf und reproduziert – neben einem neuen Einführungstext – den Booklettext zur 1989er Originalausgabe. Die Klangqualität der neu abgemischten CD ist tadellos, die Dolby-Surround-Kodierung hingegen macht das voluminöse Klanggeschehen hallig und verschwommen – ob man das mag, ist reine Geschmacksache.

Die Bewertung bezieht sich hier weniger auf die kompositorische Qualität, sondern zielt mehr auf die Gesamtwirkung, und da ist diese Konzert-Fassung dem vergleichbaren Telarc-Sampler klar und eindeutig überlegen.

Titel: Goldsmith conducts Goldsmith
Erschienen: 2002

Laufzeit: 71:06 Minuten

Medium: Sampler
Label: Silva
Kennung: FILMCD336

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