Special

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 5


CD

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Misa Tango

Eine Klassikwanderung der etwas anderen Art. Dieses Mal geht es weniger um gewichtige Werke großer Komponisten, sondern primär um originelle Bearbeitungen bekannter Musik-Stücke, aber auch um ungewöhnliche Kompositionen. Und noch etwas: Melodie wird dieses Mal besonders groß geschrieben.

„Misa Tango“ und „Tango“

Den Reigen eröffnet die lateinamerikanisch eingefärbte „Misa Tango“ des in Rom lebenden Argentiniers Luis Bacalov (geb. 1933), der auch für das Kino komponiert. Der Tango ist für ihn nicht allein ein berühmter Gesellschaftstanz, sondern – als ein Amalgam verschiedener Einflüsse (dessen Wurzeln von Afrika über Spanien bis Kuba reichen) – vielmehr ein Symbol für Entwurzelung und Heimatlosigkeit. So ist auch das typische Instrument des Tangos, das Bandoneon (ein Verwandter der Ziehharmonika), ein Emigrant aus Deutschland und kann als ein Symbol für Heimweh und Entwurzelung europäischer Emigranten in Süd-Amerika stehen. Aus diesen eigenwilligen Gedanken heraus entstand Luis Bacalovs „tanzende Messe“ im Jahr 1997. Sie reflektiert das Gefühl der Heimatlosigkeit des in Rom lebenden argentinischen Komponisten jüdischen Ursprungs.

Auf den ersten Blick erscheint der Tanz im Zusammenhang mit einer liturgischen Funktion ungewöhnlich, aber diese Auffassung entspringt aus rein christlicher Tradition bestimmter Sichtweise. Bacalovs „Misa Tango“ steht musikalisch in der Tradition der überlieferten (barocken) Form, ist dabei allerdings ähnlich frei gestaltet wie z. B. Igor Strawinskis „Psalmensinfonie“, von deren Rhythmik sie nicht unbeeinflusst ist. Ein interessantes, frisches und ungewöhnliches Hörerlebnis, das in der Instrumentierung mitunter auch an Hollywood-Filmmusik erinnert.

Drei Tangos runden das Programm konsequent ab. Einer stammt von Bacalov, die beiden anderen komponierte Astor Piazzolla (1921- 1992). Sowohl das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung von Myung-Whun Chung als auch die Solisten Placido Domingo und Ana Maria Martinez sorgen für eine überzeugende Aufführung, die auch von Seiten der Technik gut aufgezeichnet worden ist.

Der „Tango“ steht ebenfalls im Zentrum der gleichnamig betitelten TELARC-Kompilation, die den Opfern der argentinischen Militär-Junta und dem Komponisten Astor Piazzolla gewidmet ist. Der Argentinier Piazzolla war ein klassisch ausgebildeter Komponist, der in seiner Musik, vergleichbar Aaron Copland, einen sehr persönlichen Weg eingeschlagen hat. Seine modernen Schöpfungen des in das 19te Jahrhundert zurückreichenden Tangos sind veredelte Produkte, die das Vorbild in der fantasievollen Verbindung verschiedener Traditionen – von Klassik bis Jazz – mit der Volksmusik von Buenos Aires neu belebt haben. Auch diese CD bietet ein ungewöhnliches Klangerlebnis, überzeugend dargeboten von der flandrischen Orchesterformation I Fiammighi und einer Gruppe argentinischer Musiker.

Titel: Misa Tango
Erschienen: 2001

Laufzeit: 53:48 Minuten

Medium: CD
Label: DG
Kennung: 463 471-2

Komponist(en):

Schlagworte:



CD

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Carmen Suite

„Carmen Suite“, „Beatles Go Baroque“, „Russian Romance“

Der russische Komponist Rodion Shchedrin (geboren 1932) adaptierte die Melodien-Fülle aus Georg Bizets berühmter Oper „Carmen“ – neben zwei Auszügen aus Bizets Schauspiel-Musik „Arlésienne“ und der Oper „Das schöne Mädchen von Perth“ – für seine Ballettmusik „Carmen Suite“ (1967). Der Komponist kleidete die bekannten mitreißenden Melodien in ein völlig neuartiges, raffiniertes Klanggewand, in dem Rhythmus und Schlagwerkeffekte eine wichtige Rolle spielen. Die für Streicher, Pauken und vielfältiges Schlagzeug eingerichtete überaus farbig und frisch klingende Musik ist einfallsreich und raffiniert gemacht – selbst der berühmte russische Komponist Dimitri Schostakowitsch war begeistert.

Die Vielseitigkeit des Komponisten und seine geschickte Instrumentationskunst belegen auch die beiden als Zugaben vertretenen Orchesterkonzerte. Während Nr. 1, „Freche Orchesterscherze“, sehr eingängig und frech als leicht jazziger Variationssatz daherkommt, ist Nr. 2, „Die Glocken“, von stärker modernistischen Klangschichtungen und einer großen Schlagzeug-Besetzung bestimmt (18 Röhrenglocken, 5 russische Glocken und diverses Schellengeläut). Die Werke sind beim Russian National Orchestra unter Mikhail Pletnev in besten Händen und werden mit Elan interpretiert. Die Aufnahmetechnik hat vorzüglich gearbeitet und erreicht Referenzqualität: kein Farbtupfer der Musik geht verloren.

Eine originelle und höchst vergnügliche Entdeckungs-Reise durch das Lennon- und McCartney-Songbook vollzog der Arrangeur Peter Breiner mit seinem Kammerorchester bereits im Jahr 1992. Jetzt ist das schöne und preiswerte Naxos-Album „Beatles Go Baroque“ wieder aufgelegt worden. Im Stile der „Concerti Grossi“ alter Meister (Händel, Vivaldi, Bach und Corelli) erklingen berühmte Beatles-Hits wie „Lady Madonna“, „A Hard Day’s Night“ und „Yellow Submarin“. Das Ganze ist mit Pfiff und Witz gemacht. Der Hörer wird mehr als nur einmal zum Schmunzeln genötigt z. B. wenn bei Vivaldi ein Zitat aus den berühmten „Vier Jahreszeiten“ eingeflochten ist. Ein empfehlenswertes und sehr unterhaltsames Album, nicht allein für Fans der Liverpooler Pilz-Köpfe.

Noch einmal Peter Breiner: dieses Mal mit dem Queensland Orchestra und der Geigerin Takako Nishizaki. Die ebenfalls kürzlich wieder erschienene CD „Russian Romance“ (erstmals aufgelegt 1995) bewahrt den Geist russischer Volksmusik in Form geschmackvoller Arrangements (überwiegend) sehr bekannter russischer Volksweisen wie „Schwarze Augen“ und „Moskauer Nächte“. Daneben sind einige vom russischen Volkslied inspirierte Orchesterstücke russischer Komponisten vertreten. Ein sehr gut fließendes Hör-Album, das die schönen Melodien dem Hörer in gelungen sinfonisierter Form präsentiert. Beide Breiner-CDs sind Beispiele für edles „easy listening“ mit besonderem Pfiff.

Titel: Carmen Suite
Erschienen: 2001

Laufzeit: 61:48 Minuten

Medium: CD
Label: DG
Kennung: 471 136-2

Komponist(en):

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Beatles Go Baroque

Titel: Beatles Go Baroque
Erschienen: 2000

Laufzeit: 56:41 Minuten

Medium: Sampler
Label: Naxos
Kennung: 8.555010

Schlagworte:



CD

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Gershwin Fantasy

„Gershwin Fantasy“, „West Side Story Suite“

Auf den Spuren berühmter amerikanischer Komponisten wandelt der renommierte amerikanische Geiger Joshua Bell (siehe auch Die rote Violine). Das 1998er Album „Gershwin Fantasy“ bietet die bekannten Themen aus „Porgy and Bess“ in einer Art von freiem Violinkonzert. Die „Three Preludes“ werden in einer vom berühmten Kollegen Jascha Heifetz eingerichteten Fassung für Violine und Klavier geboten – John Williams, der auf dem Album auch als Dirigent des London Symphony Orchestra fungiert, begleitet hier Joshua Bell. Eine Sammlung von geschickt gefertigten Arrangements bekannter Gershwin-Lieder in „Songs for Violin and Orchestra“ beschließt das Programm. Originellerweise kommt der Komponist im Mittelteil eines der Songs selbst zu Wort: Der Piano-Part erklingt von einer von Gershwin bespielten Klavier-Rolle. Das neu erschienene Album „West Side Story Suite“ knüpft beim Gershwin-Vorläufer an und ist dem Komponisten Leonard Bernstein gewidmet. Das titelgebende Stück ist die von William David Brohn neu komponierte 20-minütige „West Side Story Suite“, die alle wichtigen Themen des berühmten Musicals in neuem klanglichen Gewand enthält. Neben der „Serenade“ gibt es neue Arrangements von „Make Our Garden Grow“, „Lonely Town“ und dem berühmten Song „New York, New York“. Der Geiger wird hier vom Philharmonia Orchestra unter David Zinman begleitet.

Bei beiden Alben brilliert Joshua Bell mit sicherem Gespür für das in Teilen swing- und blueshafte der Musik, überzeugt mit feurig-raffiniertem und (wo benötigt) auch verführerischem Spiel seines Instrumentes. Die auf den beiden CD-Alben vertretenen Werke gehen zum Teil über reine Unterhaltung deutlich hinaus (z. B. Bernsteins „Serenade“ und „Make Our Garden Grow“) und können ohne weiteres zur sogenannten E-Musik gezählt werden. Neben sehr Eingängigem stehen Stücke, die ein gewisses Maß an Konzentration und dem entsprechend ein paar Hördurchgänge mehr erfordern. In jedem Fall handelt es sich um zwei klang-sinnliche CDs für Genießer.

Titel: Gershwin Fantasy
Erschienen: 1998

Laufzeit: 55:18 Minuten

Medium: CD
Label: Sony
Kennung: SK 60659

Komponist(en):

Schlagworte:



CD

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Mythodea

Der Grieche Vangelis (bekannt durch Filmkompositionen wie Chariots of Fire, Blade Runner und 1492 — Conquest of Paradise) komponierte die Musik für die NASA-Mission „2001 Mars Odyssey“. Das rund einstündige groß angelegte Werk setzt neben den Vangelis-üblichen Keyboards und Synthesizern auf großes Orchester (London Metropolitan Orchestra) mit üppigem Schlagwerk (20 zusätzliche Perkussionisten) und neben dem 120-köpfigen Chor der griechischen Oper auf die Sopranistinnen Kathleen Battle und Jessye Norman. Die Überzeugung des Komponisten, „dass sowohl die Geschichte der Menschheit als auch der Schlüssel zur Schöpfung und die Evolution in uns verwurzelt sind“, spiegelt sich in „Mythodea“. Das Resultat ist eine Choral-Symphonie, die am 28. Juni diesen Jahres im Tempel des Zeus in Athen uraufgeführt worden ist und auf der Sony-CD als Live-Mitschnitt vorliegt. Der Titel des Albums verschmilzt zwei alte Worte: „Mythos“ und „Ode“ zum neuen Begriff „Mythodea“.

Die Klang gewordenen Visionen von Vangelis in „Mythodea“ erinnern an archaische Zeremonien, aber auch an üppige chorale Hymnen, angerichtet mit einem Schuss Meditation. (übrigens, das International Astronomical Union’s Minor Planet Center am Smithsonian Astrophysical Observatory hat 1995 einen kleinen Planeten zwischen Jupiter und Mars nach dem Komponisten benannt.)

„Mythodea“ ist wohl kaum ein großes, geschweige denn ein Meisterwerk des neuen Jahrhunderts, aber ein nett gearbeitetes und auch unterhaltsames Stück, das in klanglichem Bombast und schöner Melodie schwelgt. Klanglich ist der Live-Mitschnitt gut gelungen, klingt aber zwangsläufig nicht ganz so voll wie eine Aufführung unter optimalen Bedingungen.

Titel: Mythodea
Erschienen: 2001

Laufzeit: 60:50 Minuten

Medium: CD
Label: Sony
Kennung: SK 89191

Komponist(en):

Schlagworte:


Sampler

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Flamenco Fantasy

Nochmals ein Tanz, dieses Mal der vital-feurige spanische Flamenco, der hier als originelle musikalische Form für 11 klassische Musikstücke von Albinoni, Bach, Beethoven, Mozart bis Vivaldi dient. Gustavo Montesano interpretiert zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra und einer Gruppe typischer Flamenco-Musiker die bekannten klassischen Stücke auf völlig ungewohnte Weise. Titel wie „Tango Adagio“ (Albinoni), „Moonlight Rumba“ und „Fandango für Elise“ (Beethoven) oder auch „Flamenco Bolero“ (Ravel) sprechen fast schon für sich selbst. Die CD ist ein weiteres, sehr vergnüglich und erfrischend anzuhörendes Album, das Bekanntes ungewöhnlich und zugleich mit Schmiss präsentiert.

Titel: Flamenco Fantasy
Erschienen: 2001

Laufzeit: 44:01 Minuten

Medium: Sampler
Label: EMI
Kennung: 5570472

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 23.10.2001 | von Michael Boldhaus

Treesong

John Williams gestaltete zusammen mit dem Geiger Gil Shaham sein aktuelles Album „Treesong“ auf dem Gelb-Label (Deutsche Grammophon), dem auch das Titel gebende Stück gewidmet ist. „Treesong“ ist keine Programmmusik, sondern eine musikalische Impression des Komponisten, inspiriert von dem gewaltigen und „weisen“ Urweltmammutbaum (Chinesisches Rotholz) im botanischen Garten von Boston. Das im Juli 2000 uraufgeführte klangschöne und träumerische Stück ist eine Art zweites Violinkonzert mit „Waldesstimmung“ und erlebt auf dieser CD seine Weltpremiere auf Tonträger. Des Weiteren sind vertreten: das dem Andenken an Williams Frau, der Schauspielerin Barbara Ruick Williams, gewidmete Violinkonzert sowie drei Stücke aus der bekannten Filmmusik zu Schindlers Liste, bei der die Solovioline ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt.

Eine John-Williams-CD der etwas anderen Art, die neben eingängiger Filmmusik zwei deutlich anders gelagerte Werke präsentiert und den aufgeschlossenen Hörer mit anderen Klangwelten des berühmten Film-Komponisten vertraut macht. Der Tonfall des Violinkonzerts und der verwandten „Treesongs“ ist gemäßigt modern, dabei überwiegend lyrisch zart, von sanft expressivem Ausdruck geprägt. Zwar sollte man dieser Musik etwas Zeit in Form einiger Hördurchgänge gönnen, als sperrig kann man sie jedoch nicht bezeichnen. Dieses Album bietet dem Hörer eine sehr schöne Ergänzung und ist zugleich ein Kontrastprogramm zu den beiden im Rahmen dieses Artikels vorgestellten CDs des Geigers Joshua Bell. Der Interessierte kann nachvollziehen, wie vielseitig die Ausdrucksmöglichkeiten der Geige sind, die eben nicht nur, aber auch, herrlich „singen“ kann. Ein sehr interessantes Album also, das sich nicht allein John-Williams-Fans zulegen sollten.

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Titel: Treesong
Erschienen: 2001

Laufzeit: 66:05 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: DG
Kennung: 471 326-2

Komponist(en):

Schlagworte:


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