Special

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Kleine Klassikwanderung 03: Keine Angst vor der Musik des 20. Jahrhunderts!

Die Musik des 20. Jahrhunderts wird von vielen Klassik-Liebhabern schnell mit Attributen wie schräg und kaum genießbar gleichgesetzt. Einige der Komponisten besaßen zeitweise geradezu Bürgerschreck-Qualität. Wie reichhaltig, dabei stilistisch vielfältig und zum Teil auch unmittelbar mitreißend, manche Werke aus dieser Epoche besonders großer Umwälzungen sind, dafür will diese musikalische Wanderung (zumindest) einige Beispiele liefern.


CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Schostakowitsch: Das neue Babylon

Schostakowitsch: Das neue Babylon Michael Boldhaus
Bewertung

Dmitri Schostakowitsch

Am Anfang steht eine Schöpfung des berühmten Russen Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) zum Stumm-Film Das neue Babylon aus dem Jahr 1929. Es handelt sich hier um die erste Kino-Komposition des Komponisten überhaupt. Der avantgardistische und zugleich idealisierende Film entstammt der Phase der revolutionären Romantik der jungen Sowjetunion. Als Hintergrund für seine Filmhandlung nutzt er die Niederschlagung der Pariser Kommune nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen (1870/71). Der Film unterstreicht die Kluft zwischen Bourgeoisie und „gesunder“ Arbeiterklasse, was sich natürlich auch in der Musik des jungen, noch unbekannten Komponisten widerspiegelt. Zur Charakterisierung der dekadenten Oberschicht greift er ausgiebig auf Musik-Material der französischen Operette der „Belle Epoque“ und damit auch auf (berühmte) Musik Jacques Offenbachs zurück. Für die Kommunarden erklingen revolutionäre Lieder und auch die Marseillaise. Letztgenannte geht dann in eine Paraphrase des Cancans aus „Orpheus in der Unterwelt“ über – auch Walzerseliges fehlt nicht. Die rhythmisch sehr bewegte, teilweise ironisch und grotesk wirkende Komposition ist äußerst geschickt gemacht und dabei harmonisch kühn gehalten. (Die besonders repressive Phase der Stalin-Ära, die Zeit des verordneten „Sozialistischen Realismus“ und der berüchtigten Säuberungen, hatte noch nicht begonnen und in dieser frühen Phase der Sowjetunion waren Experimente noch an der Tagesordnung).

Hier wird kaum eine Vorform der Kinosinfonik à la Hollywood geboten, sondern in vielem Ungewöhnliches. Die bekannten Melodien erklingen zum Teil grell verfremdet und grimassenhaft verzerrt, aber auch heldenhaft, melancholisch und dann wieder grotesk. Eine moderne experimentelle, raffiniert instrumentierte Musik, die den Bläsern besonderes Gewicht gibt und auch das metallisch-flirrend klingende Flexaton als Effekt-Instrument verwendet. Keineswegs trocken und spröde, sondern eine – nach etwas Eingewöhnen – mitreißende Filmmusik und fast schon ein Geniestreich eines jungen aufstrebenden Komponisten, der sich zu einem der Großen des 20sten Jahrhunderts entwickeln sollte. Die nicht gerade unkomplizierte Partitur überforderte nicht nur die Kino-Orchester ihrer Zeit eindeutig, sie irritierte auch die Hörgewohnheiten des Publikums. Bei der Premiere kam es zu einem Skandal, es hieß: „Der Dirigent ist betrunken“.

Die auf der Chandos-CD eingespielte Suite wurde in den 1970er Jahren vom Dirigenten Gennadi Roschdeswenski eingerichtet und fasst die wichtigsten Teile der Filmmusik in rund 45 Minuten optimal zusammen. Die Musik ist beim Russischen Staatssinfonieorchester unter Valeri Polyanski in besten Händen: eine effektvoll interpretierte und auch tontechnisch sehr gelungene Aufnahme. Der auf der CD ebenfalls vertretene Liederzyklus „Aus der hebräischen Volkspoesie“ entstand 1948 als der Komponist (wiederholt) unter starkem politischen Druck stand. Das Werk spiegelt zwar die offiziell verordnete „Volkstümlichkeit“ wider, enthält aber viele verklausulierte Anspielungen grimmigen Protestes und bildet damit ein interessantes Pendant zum filmmusikalischen Jugendwerk des Komponisten.

Titel: Schostakowitsch: Das neue Babylon
Erschienen: 1998

Laufzeit: 69:37 Minuten

Medium: CD
Label: Chandos
Kennung: 9600

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Who Is Afraid of 20th Century Music?

Die Silvester-Konzerte Ingo Metzmachers: Who Is Afraid of 20th Century Music?

Der Dirigent Ingo Metzmacher zelebrierte an der Alster zwei Silvester-Konzerte (1999 und 2000) der etwas anderen Art, nämlich ausschließlich mit Werken des 20sten Jahrhunderts. In Form von zwei Live-Mitschnitten präsentieren die beiden randvoll bestückten EMI-CDs das jeweilige Programm.

Natürlich sind bei einem derartigen Anlass primär leichter zugängliche Stücke angesagt, deren Modernität sich weniger in radikaler Atonalität, sondern eher rhythmisch äußert. In Teilen des ersten Konzertes geht es schon recht experimentell zu: Bernd Alois Zimmermanns „Stille und Umkehr“ sowie Anton Plates „You must finish your way alone“ und auch Hans Werner Henzes Mänadentanz aus der Oper „Die Basseriden“ erfordern ein gewisses Maß an Konzentration. Daneben steht Publikumswirksames wie Gershwins zündende „Cuban Overtüre“, Leonard Bernsteins dynamisch-melodisches Pendant zur Opern-Parodie „Candide“, Coplands populäres Hoe-Down aus dem „Rodeo-Ballett“, die reizvolle Gavotte aus Prokofjews Ballett „Cinderella“, Honeggers berühmte Maschinen-Musik für die Fahrt einer „modernen“ Dampflokomotive „Pacific 231“ und der selten gebotene forsche „Militärmarsch“ von Korngold. Melodisch Schmissiges wird ebenfalls geboten: z.B. die lustige „Circus Polka“ (für einen jungen Elefanten) von Strawinsky steht neben der humorvollen Polka aus „Das goldene Zeitalter“ von Schostakowitsch, und der unverwüstliche, berühmte Säbeltanz aus „Gayaneh“ von Chatschaturjan fehlt ebenfalls nicht. Farbige Werke, wie John Adams „Short Ride in a Fast Machine“, George Antheils „Archipelago“, die beiden Märsche aus Mauricio Kagels „10 Märsche den Sieg zu verfehlen“, Toru Takemitsus „Green“ und „Desi“ von Michael Daugherty, halten mit einer etwas größeren Portion Modernität im Ausdruck dagegen, freilich ohne den Zuhörer zu überanstrengen. Wobei auch Besinnliches wie Ravels „Pavane“ nicht fehlt.

Das 2000er Silvester-Konzert bietet unter dem Strich zwar ein etwas konventionelleres, aber keinesfalls flaueres Programm als der Vorläufer aus dem Jahr 1999. Dem Spaß an der Sache und der Spielfreude des Augenblicks tut das keinen Abbruch. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ist in beiden Fällen gut bei der Sache. Dass moderne Musik eben nicht nur sperrig ist, sondern vergleichbar gute Stimmung erzeugen kann, wie z. B. Musik von Johann Strauß, Josef Lanner und Jacques Offenbach, wird vom Publikum hörbar begeistert quittiert. Die beiden Silberlinge legen darüber klingendes Zeugnis ab und sind originelle, willkommene Ergänzungen zum Gewohnten aus Wien und haben nicht ausschließlich Souvenir-Qualität.

Titel: Who Is Afraid of 20th Century Music?
Erschienen: 2000

Laufzeit: 76:52 Minuten

Medium: CD
Label: EMI Classics
Kennung: 5 56970 28

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Who Is Afraid of 20th Century Music? # 2

Titel: Who Is Afraid of 20th Century Music? # 2
Erschienen: 2001

Laufzeit: 78:33 Minuten

Medium: CD
Label: EMI Classics
Kennung: 5 57129 29

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Zemlinsky: Die Seejungfrau

Alexander von Zemlinsky

Alexander von Zemlinsky (1871-1942) war ein österreichischer Komponist zwischen so genannter Spätromantik (besser Moderne) und Neuer Musik, ein wichtiges Bindeglied zwischen Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Letzterer hat ihn zeitlebens als Lehrer und Freund sehr verehrt: „… Alexander von Zemlinsky ist derjenige, dem ich all mein Wissen um die Technik und die Probleme des Komponierens verdanke …“ Der Komponist war also der Lehrer des Begründers (und der späteren wichtigsten Repräsentanten Alban Berg und Anton Webern) der bedeutenden „Neuen Wiener Schule“. Alexander von Zemlinsky vermittelte Arnold Schönberg die Tradition, auf die dieser später als Lehrer so großen Wert legte. Zemlinsky lernte dabei aber auch, manches mit den Augen seines Schülers zu sehen und er erkannte neue Ausdrucksmöglichkeiten im musikalischen Terrain, das jener erschlossen hatte. Er nutzte diese Möglichkeiten; und indem er half, das in kühnem Zugriff Eroberte, aber nicht Bebaute abzusichern, begründete er neue Tradition – freilich ohne dabei den letzten Schritt zur Atonalität und Zwölfton-Technik zu vollziehen.

Unglücklicherweise ist die Musik-Rezeption dieses – lange Zeit übersehenen und fast vergessenen – Komponisten auch heute noch beeinträchtigt vom Vorurteil, ein bloßer Nachahmer (Eklektiker) großer Vorbilder gewesen zu sein: von Johannes Brahms, Richard Wagner über Gustav Mahler und Franz Schreker bis Richard Strauss. Bei näherem Hinsehen erweist sich dies allerdings rasch als eine zu einfache Sichtweise: Alexander von Zemlinsky ist vielmehr eine markante Figur zwischen Jugendstil und Fin-de-siècle, ein musikalisches Multitalent, bei dem es viel Hörenswertes gibt.

Der Kölner Generalmusikdirektor James Conlon bezeichnet Zemlinsky, der auch Lehrer Erich Wolfgang Korngolds war, sogar als den Großvater Hollywoods. Hierfür steht besonders die farbige und facettenreiche Tondichtung nach Andersens Märchen „Die Seejungfrau“, welche ihre Uraufführung 1905 erlebte. Diese bietet in der Tat sehr bildhafte und dabei quasi filmisch wirkende Passagen. Einflüsse von Wagner und Strauss sind spürbar, daneben tritt aber ebenfalls der für Zemlinskys Tonsprache charakteristische ungemein lyrisch-zarte und tiefe Ausdruck der Empfindung klar hervor. Das in rauschend-sinnliche Orchesterfarben gekleidete Märchen der unglücklichen Meerjungfrau ist nicht nur eine Bereicherung für jeden aufgeschlossenen Hörer, sondern überhaupt ein idealer Einstieg in das reizvolle Œuvre dieses entdeckenswerten Komponisten.

Die „Der Seejungfrau“ als zweites Werk beigegebene „Sinfonietta op. 23“ entstand 1934. Diese bildet zur romantisch geprägten Tondichtung einen deutlich herberen, kantigen Kontrast. Das Stück ist kühler, sparsamer und weniger ausladend. Trotzdem, auch wenn kein unmittelbarer Ohrwurm, präsentiert sich auch hier wichtige und hörenswerte Musik; geprägt vom Stil ihrer Zeit, zugleich aber auch von der Abgrenzung zur Neuen Wiener Schule: Hier erforscht und „bebaut“ Alexander von Zemlinsky mit viel Phantasie und Individualität das Gebiet der erweiterten Tonalität. Mit etwas Geduld gibt es auch hier Schönes und Meisterhaftes zu erschließen.

Die Alexander von Zemlinsky angeborene, schon schamhaft zu nennende Zurückhaltung im Promoten seiner Werke, führte durch weitere unglückliche Umstände dazu, dass „Die Seejungfrau“ (fast) vergessen worden ist – und lange als verloren galt. James Conlon entdeckte diese Tondichtung zufällig. Eine Begegnung mit Folgen: Der Dirigent ist seit 1996 im Rahmen einer ausgiebigen Retrospektive dabei, einen Zemlinsky-Zyklus auf Tonträger bei EMI zu veröffentlichen.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, sollte sich den beiden Opern „Der Zwerg“ (nach Oscar Wildes Märchen „Der Geburtstag der Infantin“) und „Der Traumgörge“ zuwenden. Beide zählen für mich zum Schönsten und auch Eingängigsten in Zemlinskys Opernschaffen. Die Werke zeichnen sich über weite Strecken durch wundervolle Poesie und Lyrik aus. Es gibt darin viele Momente, die vom wärmsten, zärtlichsten und innigsten Ausdruck, und dazu von irisierend-schillernden Klängen außerordentlich großer Schönheit geprägt sind.

„Der Zwerg“ ist ein packendes Musikdrama – die Tragödie des hässlichen Menschen versinnbildlichend – in märchenhaft stilisiertem Gewand. Es geht um einen Außenseiter, der, von seiner Umgebung verspottet und um ehrliche Zuneigung betrogen, schließlich an gebrochenem Herzen stirbt. Auch bei „Der Traumgörge“ handelt es sich um eine Märchenoper – und damit um ein typisches Produkt des beginnenden 20sten Jahrhunderts -, in der eine spezifische Form eines Künstler-Dramas des Jugendstils, eine Geschichte aus Traum und Wirklichkeit, thematisiert wird. In die Vorbereitungen der Uraufführung von „Der Traumgörge“ platzte Schicksalhaftes. Gustav Mahler, bis dahin Leiter der Wiener Hofoper, demissionierte (infolge von Intrigen), und sein Nachfolger, Felix Weingartner, setzte die Oper ab, ohne sich den Klavierauszug überhaupt angesehen zu haben. Anschließend verschwand das Werk im wahren Wortsinn förmlich aus der Musikgeschichte: Zemlinsky hat nie einen weiteren Versuch unternommen, das Stück dem Publikum vorzustellen.

Erst 1980, rund 73 Jahre nach Fertigstellung der Partitur, wurde dieses Versäumnis am Nürnberger Musiktheater nachgeholt: den Beteiligten wurde rasch bewusst, dass es sich hier um ein Schlüsselwerk im Schaffen des österreichischen Komponisten handelt. Nicht ausschließlich für diese beiden Opernwerke gilt das, was Arnold Schönberg 1949 in seinem Nachruf auf den Freund formuliert hat: „… ich kenne keinen nach-wagnerischen Komponisten, der das, was das Theater verlangt, mit edlerer musikalischer Substanz erfüllen konnte, als er …“.

Bereits in den frühen 80er Jahren wurde für diese so lange übersehene Musik verdienst- und wertvolle Pionierarbeit geleistet. Gerd Albrecht realisierte in Hamburg eine – allerdings textlich bearbeitete – gekürzte Fassung von „Der Zwerg“ unter dem Titel „Der Geburtstag der Infantin“. 1987 erlebte dann auch „Der Traumgörge“ ebenfalls unter Gerd Albrecht (in Frankfurt) weitere Aufführungen – allerdings ebenfalls unvollständig. Die jeweilige Fassung wurde seinerzeit auch auf CD (auf CAPRICCIO) veröffentlicht. Dank sorgfältiger Recherchen liegen jetzt beide Opern erstmals komplett und auch ohne Text-Retuschen auf Tonträger vor. Wer vielleicht nur unwesentliche Ergänzungen vermutet, irrt: geht es bei „Der Zwerg“ (nur) um knapp 15 Minuten, so zeigt sich „Der Traumgörge“ jetzt sogar um rund 45 Minuten verlängert!

James Conlon ist hörbar ein guter Sachwalter von Zemlinskys Musik. Die vorliegenden Einspielungen sind sowohl aufnahmetechnisch als auch interpretatorisch auf sehr gutem bis ausgezeichnetem Niveau. Sowohl das Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker als auch die Solisten der Opern-Einspielungen befinden sich in Bestform. Da erfreulicherweise auch die Live-Atmosphäre dieser Einspielungen nicht durch übermäßige Bühnen- und Publikumsgeräusche getrübt wird, steht anregenden musikalischen Entdeckungen nichts im Wege.

Titel: Zemlinsky: Die Seejungfrau
Erschienen: 1996

Laufzeit: 67:07 Minuten

Medium: CD
Label: EMI Classics
Kennung: 5 55515 28

Komponist(en):

Schlagworte:




CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Corigliano: Creations

John Corigliano

Der 1938 geborene amerikanische Gegenwarts-Komponist gehört zu den führenden Vertretern seiner Generation. Er hat neben Werken für den Konzertsaal und Kammer- sowie Opern-Musik auch drei Partituren für Filme komponiert (siehe auch Die rote Violine). Wie aus dem Booklet-Text des Samplers hervorgeht, will John Corigliano mit seiner Musik kommunizieren, d.h. er ist bestrebt, eine möglichst breite Zuhörerschaft zu erreichen. Diesem Grundsatz entsprechend präsentiert die vorliegende Telarc-CD leichter zugängliche Werke des Tonschöpfers, die einer gemäßigt modernen Tonsprache verpflichtet sind.

Anlässlich des 75sten Geburtstags des Dirigenten Georg Solti entstand 1987 „Campane de Ravello“ (Die Glocken von Ravello). Das kurze Stück reflektiert die Verbindung der italienischen Stadt Ravello sowohl zu Richard Wagners Oper „Parsifal“ als auch zu Georg Solti, dem berühmten Interpreten dieses Werks. „Voyage for Flute and strings“ ist die Instrumental-Version eines ursprünglich 1971 entstandenen Chorwerkes. Ebenso sinnlich wie der Text des ursprünglichen a-capella-Chor-Stückes ist die hier vorgelegte Version für Querflöte und Streicher. Die „Elegy for Orchestra“ ist dem amerikanischen Komponisten Samuel Barber gewidmet: es handelt sich um eine fast romantisch melancholische Begleitmusik zu einer Liebesszene in einem Theaterstück. Ungewöhnlich gestaltet ist die „Promenade Overture“. In ihr wird die Idee der Abschiedssinfonie von Joseph Haydn – die Musiker treten im letzten Satz nach und nach ab – umgekehrt. Ein sehr originell und wirkungsvoll zugleich daherkommendes Musik-Stück, dessen Motive sich zu einer lyrischen Melodie vereinen und mit dem gesamten Orchester einem breit angelegten sehr wirksamen Höhepunkt zustreben.

Sogar zwei Premieren werden vorgelegt. „To Music“, eine meditative Instrumentalphantasie, die auf dem Schubert-Lied „An die Musik“ basiert. Ein ruhiges, sehr inniges, trotz Modernität liebliches Stück. Die Nummer zwei ist das der CD den Titel gebende „Creations“, eine faszinierende musikalische Illustration der Schöpfungsgeschichte für einen Erzähler und großes Orchester. Corigliano arbeitet hier trotz Anwendung moderner Stil-Mittel in gewissem Sinne leitmotivisch und verwendet auch bildhaft illustrierende Klänge. (Das Werk erklang in dieser Form zum ersten Mal 1984.) Es setzt den Schlusspunkt unter eine wertvolle CD, die manchen Hörer nachhaltig positiv überraschen dürfte. Nicht allein diejenigen, welche die Film-Kompositionen John Coriglianos und seines Schülers Elliot Goldenthal mögen, sind hier angesprochen.

Die flandrische Klangformation „I Fiamminghi“ unter dem Dirigenten Rudolf Werthen liefert inspiriert und engagiert wirkende Interpretationen; der Klang ist tadellos, transparent, luftig und in den Steigerungen dynamisch eingefangen. Eine Produktion, die kaum Wünsche offen lässt. Etwas bescheiden (allerdings noch befriedigend zu nennen) sind die Booklet-Texte; diese werden aber immerhin auch in Deutsch geboten.

Es gelingt John Corigliano in diesen – die üblichen Hörgewohnheiten nicht extrem (über-)fordernden – Beispielen zeitgenössischer Musik auch ein überzeugender klingender Brückenschlag zwischen traditionell Vertrautem und der anfänglich oft sperrigen Neuen Musik. Die CD gewinnt noch an Bedeutung, da sie behilflich sein könnte, manchem Hörer die Ohren auch für die Klangwelten der so genannten Bürgerschrecks unter den Komponisten – zumindest nach und nach – zu öffnen: dem Titel gilt daher meine ganz besondere Empfehlung.

Titel: Corigliano: Creations
Erschienen: 1996

Laufzeit: 61:48 Minuten

Medium: CD
Label: Telarc
Kennung: 80421

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 19.03.2001 | von Michael Boldhaus

Holst: The Planets

Gustav Holst: Die Planeten

Den Abschluss dieser musikalischen Wanderung bildet ein Klassiker der Musik des 20sten Jahrhunderts. Eine Komposition, die in Teilen auch viel benutztes Vorbild für die Musiken der tönenden Leinwand geworden ist: „Die Planeten“ von Gustav Holst (1874-1934). Holst war einer der eigenwilligsten Vorläufer der neueren englischen Musik. Seine berühmte Orchestersuite „Die Planeten“, ein Zyklus groß angelegter sinfonischer Dichtungen, ist auf dem Kontinent sein mit Abstand bekanntestes Werk geworden. Insgesamt sieben Planeten unseres Sonnensystems werden musikalisch illustriert, wobei die programmatischen Titel nur in Teilen hilfreich sind. Einige der astrologischen und mystischen Aspekte – wie „Saturn der Bringer des Alters“ – wirken eher verwirrend. Egal: das Werk wirkt auch ohne Programm, allein durch seine mitreißende, äußerst farbige und raffinierte Instrumentierung und auch durch die schönen Themen in der Musik.

Die beiden berühmtesten und für die Kino-Musik wohl wichtigsten Stücke sind „Mars, der Kriegsbringer“ und „Neptun, der Mystiker“. „Mars“ ist nicht nur in Hans Zimmers Action-Musik „Gladiator-Waltz“ das unüberhörbare musikalische Rückgrat, sondern war schon zuvor willkommenes Vorbild (ja Klischee) für entsprechend kriegerisch-wuchtige Film-Szenen, z.B. in Star Wars (hierzu siehe auch den Artikel „Lee Holdridge – Harfenglissandi im Nebel von Avalon“). „Neptun“ bildet mit seinen statischen Klangflächen und dem hinzutretenden vokalisierenden Frauenchor einen starken Gegensatz zur monumentalen Musik der marsianischen Kriegs-Maschinerie. Die Komposition erzeugt ein Gefühl von unendlicher Weite und Raum und wurde unentbehrlich für die musikalische Untermalung der Space-Operas Hollywoods.

Auch die restlichen fünf Stücke (Venus, die Friedensbringerin; Merkur, der geflügelte Bote; Jupiter, Bringer der Fröhlichkeit; Saturn, der Bringer des Alters und Uranus, der Magier) sind keinesfalls langweilige Zugaben, sondern mehr als nur einmal hörenswert. Das Atlanta Symphony Orchestra unter Yoel Levi bietet eine pracht- und kraftvolle Interpretation des berühmten Werkes. Die Telarc-Aufnahmetechnik leistete auch hier einen überzeugenden Beitrag. Eine sehr zu empfehlende Produktion, die sich auch der Filmmusik-Freund nicht entgehen lassen sollte, der trotz allem „Klassik-Muffel“ bleiben will.

© aller Logos und Abbildungen bei den Rechteinhabern (All pictures, trademarks and logos are protected.)

Titel: Holst: The Planets
Erschienen: 1998

Laufzeit: 49:30 Minuten

Medium: CD
Label: Telarc
Kennung: 80466

Komponist(en):

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