Special

Veröffentlicht am 10.08.2000 | von Marko Ikonić

Jerry Goldsmith in Concert – Zwei faszinierende Abende mit dem LSO, Teil 2

1340Dienstag, 23. Mai 2000. Die Nacht war gut überstanden, mit der Notiz „Touch this and you’re dead“ hatte ich das Under Fire-Cover im Hotel zurückgelassen. Man weiß ja nie, wieviel Respekt die Raumpflegerinnen vor fremdem Eigentum haben…
Wie am Tag zuvor sollte die Zeit bis zum Konzert mit CD-Shopping verbracht werden. Schon Montag hatte sich abgezeichnet, dass London für Ottonormal-Filmmusikverbraucher nicht zu empfehlen ist. Klar, es gibt sogar das ein oder andere Sondergeschäft nur für Filmmusik und auch die großen Musikketten (Virgin, Tower und HMV) haben ein erstaunlich weitreichendes Standardangebot, aber die Preise, diese Preise! 40 Mark für eine stinknormale Varèse-Veröffentlichung gelten dort schon als außergewöhnliches Schnäppchen. Das Meiste liegt so zwischen 50 und 60 Mark, für die wirklich verlockenden Boots und Promos in Spezialläden wie z. B. dem „Cinema Store“ muss man aber dementsprechend mehr berappen. Somit ist London, oder überhaupt England, für Großeinkäufe völlig ungeeignet.

Das Vortagsprogramm in allen Ehren, aber das Konzert am 23. Mai war noch einen Tick besser. Die Kombination aus Goldsmith, Waxman, Newman, Rózsa und North war ja nicht wirklich ganz neu, denn vor allem bei Spanien-Auftritten in den letzen 2 oder 3 Jahren gehörte dieses Alternativprogramm (ohne die Specials Rudy, Islands in the Stream und dergleichen) zu Goldsmiths ständiger Konzertliteratur. Der zweite Abend, der unter dem Titel „Star Trek and the World of Fantasy“ stattfand, war nun wirklich nicht mehr zu toppen. Im Grunde handelte es sich dabei um eine Aufreihung von Stücken, die man (bzw. ich) schon lange einmal live hören wollte: Capricorn One, Total Recall, Logan’’s Run, Star Trek V: The Final Frontier

Den Beginn machte eine lange Suite aus sehr ungewöhnlichen und gerade deshalb besonders ansprechenden Musikausschnitten zu verschiedenen Star-Trek-Filmen. Goldsmith konnte sich nicht verkneifen, leichtes Unverständnis am riesigen Erfolg des ST-Franchise zu äußern, er lobte jedoch die positive Zukunftsvision und den Geselligkeitswert der Sendungen, wobei er sichtlich erstaunt von einem seiner Konzerte in Budapest erzählte, zu dem dutzende Fans in Trek-Montur erschienen waren.
Eingeleitet vom obligatorischen Star Trek: TMP– „Main Title“, dessen neuerdings vom Komponisten so favorisierte „brass dropouts“ (siehe/höre die End Credits von Star Trek: Insurrection) meiner Meinung nach die Ausdruckskraft des Stückes nur wenig beeinflussten, folgte ohne Unterbrechung „The Barrier“ aus seinem arg unterschätzen Score für Star Trek V: The Final Frontier. Eine wunderbare, ätherische Klangschöpfung voll pseudo-religiösem Flair.
Stimmungsvoll und nicht minder ätherisch ging es mit der einfühlsamen Musik für den wohl folgenreichsten Moment im Star-Trek-Universum weiter: „First Contact“ aus dem gleichnamigen 8. Teil der Kinoreihe, gefühlvoll interpretiert und von Anfang bis Ende mitreißend. Auch an diesem Beispiel muss ich wieder feststellen, dass an Goldsmiths neuere Arbeiten oft ein völlig falscher Maßstab angelegt wird. Star Trek: First Contact ist für mich ein vorzüglicher, sehr sorgfältig durchdachter Score, dem es auch nicht an interessanten Themen mangelt. Der edle „Main Title“ und die simple 4-Noten-Figur für die Borg sind nur zwei davon. Dieses Motiv hätte meiner Meinung nach auch den borglastigen Episoden von Star Trek: Voyager nicht geschadet.
Das Hauptthema zu dieser 4. ST-Serie sollte nun gespielt werden. An die Originalaufnahme, die 1995 mit einem Orchester von mäßiger Größe verwirklicht wurde, ist bisher noch keine Neuinterpretation herangekommen. Die meisten Einspielungen sind einfach nur peinlich, unter anderem auch diejenige, die von den sonst nicht zu unterschätzenden Prager Philharmonikern für den Goldsmith-Sampler aus dem Hause Silva Screen gemacht wurde. Dem LSO unter Goldsmiths Leitung hingegen gelang es, das Stück auch mit großen Konzerthallensound gut herüber zu bringen.
Im Anschluss der absolute Hammer; einer der besten Tracks des bisher unübertroffenen ersten Star-Trek-Scores: „The Enterprise“. Dieses schillernde Kleinod an thematischer Variationskunst, dem eine ordentliche Portion amerikanischer Patriotismus innewohnt, ließ wohl dem gesamten Publikum den Atem stocken. Bis ins kleinste Glockenspiel-Detail zu sehen, wie das Wunder dieser Musik entsteht! Außerordentlich, und nicht zu Unrecht mit mehr als tosendem Applaus belohnt.
Als Beweis dafür, dass Goldsmith zu diesem Anlass wirklich einiges getan hat, um Neues in sein Konzertrepertoire aufzunehmen, stand das nächste Stück. Noch Wochen vorher hätte man den ungenauen Programmhinweisen zufolge schwören können, bei „Music from Star Trek: Insurrection“ könne es sich nur um das etwas kitschig geratene Ba’ku-Thema handeln. Glücklicherweise war dem nicht so. Wieder eine sehr atmosphärische, Gänsehaut erzeugende Auswahl: „New Sight“, das inhaltlich an die Romanze zwischen der Ba’ku-Frau Anij und Captain Picard anzuknüpfen ist. Mit Sicherheit eine der besten Stellen dieses Scores.

1341Um diese ohne weitere Zwischenbemerkungen durchgespielte Star-Trek-Suite zu einem würdigen Ende zu bringen, wurde wir noch mit einem kurzen Statement des Klingonen-Themas belohnt, so wie es eben in den „End Credits“ von Star Trek V: The Final Frontier vorkommt. Auch hier wieder war es ein Genuss, dem Orchester auf die Finger zu schauen und tatsächlich vor Augen zu haben, wie Harfen- und Violinen-Pizzicati den Rhythmuswechsel einleiten und so den Weg für das allseits beliebte 15-Noten-Thema der Paradebösewichte ebnen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Altmeister seinen Prinzipien treu bleibt und auch in zukünftige Star-Trek-Scores zumindest ein Fragment des „Klingon Theme“ einbaut. Für mich steht übrigens außer Frage, dass Goldsmith der einzig richtige Komponist für alle weiteren Filme ist.

Nach der Pause folgte der exquisite „Main Title“ zum Peter-Hyams-Film Capricorn One. Die Original-Filmmusik ist ja bis heute unveröffentlicht (ich spreche von einer vernünftigen Veröffentlichung mit befriedigender Klangqualität oder wenigstens Track-Namen), daher beziehe ich mich hier auf einfach die opulente Neueinspielung mit dem klanggewaltigen National Philharmonic Orchestra, die 1993 auf dem GNP-Crescendo-Label erschien. Ich habe über mehrere Jahre hinweg die darauf enthaltene Version des Hauptthemas lieben gelernt, in der die perkussive, mit Stabglocken kolorierte Introduktion mit einem sehr kurzen, aufbrausenden Streicher-Crescendo zum eigentlichen Thema übergeht. Nun ja, da war ich von der im Konzert gespielten Fassung ein ganz klein wenig enttäuscht; das Crescendo fehlte und außerdem hätten die Bläser anschließend ruhig „voll aufdrehen“ dürfen. Irgendwie ein emotionaler Bruch – zuerst wird mit der aufregenden Einleitung ein riesiges Spannungspotential aufgebaut, und dann, wenn das Ohr sich nach einer geradlinig melodischen Erleichterung sehnt, wird der Saal still und nur ganz verhalten und leise tritt das Thema in Erscheinung.
Wer sich diese abgeschwächte Fassung zu Gemüte führen will, sollte sich die Kompilationen „The Omen: The Essential Jerry Goldsmith Film Music Collection“ oder auch “Frontiers“ (Dirigent: Jerry Goldsmith) zulegen. Letzterer hatten wir wohl auch das spezielle Science-Fiction-Programm dieses Abends zu verdanken, da ja spätestens seit Produktion dieser CD im Jahre 1997 brauchbare Konzertnoten für z. B. Logan’s Run oder „The Enterprise“ aus Star Trek:The Motion Picture vorhanden sind.

An dieser Stelle geschah eine bemerkenswerte Panne. Das sonst so treue Mikrofon gab seinen Geist auf. Zuerst dachte der Maestro, es wäre seine Schuld, denn immerhin hatte er am Vorabend schon bemerkt, dass das gute Stück sich nicht in die Halterung zurückstecken ließ und es seitdem auf einen leeren Notenständer neben seinem Podium gelegt. Als dann aber ein Assistent mit einem Ersatzmikro zu Hilfe eilte, funktionierte auch das nicht! Mit „No tone! “ klärte der Helfer die Techniker im Kontrollraum über den Ernst der Lage auf. Jerry Goldsmiths Reaktion war allzu köstlich. Mit verschränkten Händen und besserwisserischem Gesicht warf er einen herrlich verschmitzten Blick ins Publikum, der stumm folgende Worte sprach: „Aha! Das war also meine Schuld?“ Allgemeines Gelächter folgte. Nachdem das zweite Ersatzmikrofon auch versagt und er bereits die Klingonen für diesen unangenehmen Zwischenfall verantwortlich gemacht hatte („It’s those Klingons again! “), fragte Goldsmith, ob man ihn auch ohne Mikrofon verstehen könne. Die Zuschauer in näherer Umgebung meiner Seating Area (A), die relativ nahe der Bühne lag, bejahten die Frage lauthals. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit entschied sich Goldsmith, einfach ohne einleitende Worte weiterzumachen: „Anyway, this is Alien.“ Fast wäre schon die erste Note erklungen, da kam ein weiterer Laufbursche, nun endlich mit einem funktionstüchtigen Mikrofon.

Das Stück, auf das wir so lange warten mussten, war wieder in jeder Hinsicht perfekt. Der „End Title“ aus Alien, so wie Goldsmith ihn eigentlich vorgesehen hatte. Mir ist erst in letzter Zeit bewusst geworden, was für ein superbes Stück Filmmusik hier vorliegt. In einer klangtechnisch fehlerfreien Einspielung, die z. B. auf den schon mehrfach zitierten Samplern „Frontiers“ oder „Jerry Goldsmith – Hollywood Symphonic Spectacular“ zu finden ist, nimmt diese Musik fast schon ein Eigenleben an. Vom Gehör nicht wahrnehmbar, weil in ein Geflecht wundersamer Harmonien eingebettet, atmet darin der pure Terror, der einzig und allein das Herz nicht täuschen kann und so trotz meisterlicher Tarnung eine unerklärliche Beklemmung im Hörer auslöst.
Goldsmith selbst übrigens kann Horrorfilmen auf der künstlerischen Ebene nicht so viel abgewinnen, wie er sagte, denn eigentlich fürchtet er sich ziemlich vor derartigen Machwerken („They scare the hell out of me!“) Er hat es zwar nicht in diesem Zusammenhang erwähnt, aber als Beispiel für diese Einstellung zum blutrünstigen Genre könnte man The Omen anführen. Bei den Scoring Sessions zu Richard Donners Film ließ Goldsmith teilweise den Projektor abschalten, um nicht beim Anblick solch brutaler Szenen dirigieren zu müssen. So viel lässt sich mit Sicherheit sagen: Seine Horrormusiken, darunter auch Alien, machen die dazugehörigen Filme sicher nicht weniger unheimlich. Er scheint die Angst, die er bei endloser Betrachtung des schaurigen Filmmaterials empfindet, sehr gut in Noten übersetzen zu können.

Logan’’s Run war das eigentliche Highlight des Abends, wenn nicht sogar der beiden Abende. Ich hatte im Vorfeld den Track „End of the City“ erwartet. Dieser Cue in einer frischen Performance hätte mir eigentlich schon genügt. Stattdessen bekamen wir gleich 2 Stücke zu hören: „The Monument“ (mehr als 8 Minuten!) und „End of the City“. Die rein elektronischen Momente dieses Scores können von Zeit zu Zeit extrem nervtötend sein, waren aber immerhin für die damalige Zeit sehr innovativ. Die Computer-Ausgeburten beschränken sich ohnehin auf die frühen Szenen des Films, denn je weiter die Geschichte sich in Richtung Freiheit für die beiden Hauptdarsteller entwickelt, desto orchestraler wird die Musik. Man möchte kaum glauben, dass neben z. B. „Flameout“ (Track 4 auf der Bay Cities-CD – so üble Synthies, dass es schon wieder cool wird) Platz für eine so delikate Melodik ist, wie „The Monument“ sie zu Gehör bringt.
Für mich war das Liebesthema dieses Films schon immer eines von Goldsmiths besten, weil es auf so intime Weise zum Ausdruck bringt, dass, wie schlecht die Zeiten auch stehen mögen, sich schließlich doch noch alles zum Besseren wenden wird. „The Monument“ setzt unter anderem besonders feinfühlige Holzbläser-Statements des Themas in Kontrast zu dunkel-experimentellen, ins Atonale strebenden Passagen. Nach etwa 2 Minuten melden sich zuerst frivol hüpfend Fagotte zu Wort, Oboen, Flöten und dergleichen intonieren dann bei kernigem Brass-Backing eine joviale Figur, die für kurze Zeit in einen glorreichen Freudenausbruch der Streicher mündet. Brillant! Ein avantgardistischer Goldsmith, der bei jedem Höranlauf neue Details preisgibt.
„End of the City“, im Film während Finale und dann Abspann zu hören, drückt mit seinen warmherzigen Streichern wie keine andere Ausführung des Liebesthemas den bereits beschriebenen Zukunftsoptimismus aus. Gerade die mit vollster Leidenschaft gespielte Streicherüberleitung zur letzten, triumphalen Erwähnung des Themas zählte in dieser farbenreichen Darbietung des LSO zum Besten, was ich je an Filmmusik gehört habe. Diese Stelle schrie förmlich: „Drama! “

Nach überdurchschnittlich langem und auch verdientem Applaus für Logan’s Run kam gleich das nächste Juwel. Die viel beachtete und oft neueingespielte Suite aus Twilight Zone: The Movie. Laut Goldsmith bezieht das meisterhaft zusammengestellte Stück einen der 4 Episodenscores nicht ein, weil in diesem Teil 4 Klaviere und eine Menge an Synthesizer-Equipment benötigt wurde – also nicht gerade das Richtige für die Konzerthalle.
Auch hier gab es wieder absolut nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil; das Flötensolo nach der furiosen Introduktion war so zart und emotional wie nur möglich, die pompösen Bläsereinsätze kurz vor Schluss besser als im Original. Konzertmeister Gordan Nikolitch, ein begnadeter Virtuose, gab vor allem im „Nightmare at 20.000 Feet“-Teil der Suite alles. Es war ein zutiefst erstaunlicher Anblick, wie sehr sich der Mann für das schräge Violinensolo abmühte, dessen Ostinato kurz darauf im Stück von der ganzen Streichersektion aufgenommen wird und die Bögen in einheitlichem Muster tanzen ließ. Meine Kommentare mögen mit der Zeit monoton klingen, aber auch diese Darbietung war von der Sorte „Sitze ich wirklich hier oder ist alles nur ein Traum?“ und wird mir auf ewig unvergesslich bleiben.

Im Gegensatz dazu war The Mummy wieder eine kleine Enttäuschung. Ich werde mich hüten, den Score als schlecht zu bezeichnen, denn in seiner Funktion als starkes Rückgrat für eine Actionfilm-Parodie ist er wirklich sehr gut gelungen. Ich muss dennoch einige Kritikpunkte an der vorliegenden Konzertsuite anbringen. Anstelle des opulenten Hauptthemas, das in jeder nur erdenklichen Form – ob im Gewand puren Bombasts wie in „Imhotep“ oder auf einem Teppich exotisch wirbelnder Streicher à la „The Sand Volcano“ – ein Knüller gewesen wäre, hat sich Jerry für eine recht inkonsistente Mischung entschieden. Das Ereignis liegt nun schon einige Zeit zurück, aber wenn ich mich nach Konsultation von Film und CD recht erinnere, handelte es sich um eine veränderte Zusammenstellung der „End Credits“, also dessen, was auf der Decca-CD die zweite Hälfte von „The Sand Volcano“ ausmacht. Die komplette Abspannmusik in der Filmversion wiederum hätte dem Konzert auch nicht geschadet. Dort, wo die CD aufhört, gibt es im Film nämlich eine Reprise meines Lieblingstracks „The Caravan“.
Wie auch immer, hier waren zumindest das orientalische Liebesthema und ein auf- und absteigendes Blechbläsermotiv, welches sehr von der auf stolze 5 Stück erweiterten French-Horn-Abteilung profitierte, vertreten.

Dann ein weiterer Science-Fiction-Klassiker, nämlich Paul Verhoeven’s Total Recall und hiervon (was sonst?) der „Main Title“. Das Stück kann sich auch ohne Synthesizer behaupten und gewinnt in seiner rein orchestralen Form eine eigene Qualität, die sich vom Original stark unterscheidet. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr erinnern, womit die LSO-Perkussionisten den metallischen Amboss-Klang ersetzten, es muss aber zumindest annähernd authentisch geklungen haben, denn die Performance habe ich als sehr energetisch und gut gelungen in Erinnerung.

Schon während den letzten Akkorden von Total Recall hatte mich ein schreckliches Gefühl beschlichen; spätestens jetzt war klar, dass dieses großartige Ereignis in wenigen Minuten vorbei sein würde. Als erholsamen Abschluss zweier umwerfender Konzerte gab es eine überlange Suite aus Powder, einer rührenden Außenseiterstory mit „Young Indiana Jones“ Sean Patrick Flanery in der Hauptrolle. Genauer die Tracks „No One Like You“ und „Going Away“, also praktisch Main und End Title. Goldsmith erwähnte bei den beiden Konzerten und auch in den Pre-Concert-Talks mehrmals, wie gerne er an solch einfachen, gefühlsbetonten Filmen arbeitet.
Hier zeigte der Maestro große Freude an der Variation ein und desselben Themas, das er von fragiler Schönheit bis zu höchstemotionaler Leuchtkraft anwachsen ließ. Ein wenig lang vielleicht, aber doch sehr schön anzuhören.
Über das nun aufkommende Gefühl der Leere konnte mich nach tosendem Applaus, Blitzlichtgewitter und etlichen Standing Ovations nur die Zugabe für kurze Zeit hinwegtrösten. Diesmal hieß das Encore Star Trek: The Motion Picture, doch o weh, irgendein überpünktlicher Barbican-Fritze hatte voreilig Noten und Taktstock entfernt. Auf den Vorschlag, doch ohne Noten weiter zu machen, wollte Goldsmith nicht eingehen. Zum Glück sprang sofort ein Herr aus der 1. Geige hilfsbereit auf, um Jerry die Noten zu bringen. Und schon die nächste Panne – die falschen Noten! Der leicht beschämte Geiger kehrte daraufhin nochmals hinter die Bühne zurück, zwar mit Star Trek: The Motion Picture, aber ohne Baton. Das schien der Maestro sowieso nicht vermisst zu haben.
Nach dieser wunderbaren aber leider viel zu kurzen Zugabe, die er ohne Taktstock, die rechte Hand zur Faust geballt, dirigierte, gab es wieder mehrere Applausrunden und Ab- und Auftritte des Altmeisters, zu dessen letzten Wortmeldungen der Satz gehörte: „You have to know that this is shared with this orchestra, which I love.“

1342Mein erster Weg nach Jerrys Abgang führte mich wieder vor die unauffällige Hintertür; Diesmal hatte ich zwecks Autogramm das Booklet von Powder mitgebracht. Der Score ist zwar nicht gerade des Meisters magnum opus, doch auf Grund des durchgehend in blassen Farben gehaltenen Artworks für eine Signatur geradezu optimal. Während wir auf die Rückkehr unserer Habseligkeiten warteten, wollte sich Goldsmiths Agent (oder Ex-Agent?) Richard Kraft unauffällig aus dem belagerten Backstage-Raum stehlen, möglicherweise um in Richtung Toilette zu verschwinden. Sein Vorhaben wurde von ein paar deutschen Fans vereitelt, die ihn prompt in ein kleines Gespräch verwickelten. Ich wollte nicht unverschämt dazustoßen und blieb deshalb als dezenter Lauscher im Hintergrund. Auch hier gab es nichts wirklich Sensationelles zu erfahren, außer vielleicht, dass auch Mr. Kraft ein Mensch ist und sich trotz professioneller Hollywoodkarriere in einer autogrammwütigen Menschenmenge etwas unwohl zu fühlen scheint. Kurz darauf wurde ich dann stolzer Besitzer eines weiteren Goldsmith-Autogramms.

Soweit also mein etwas lang geratener Konzertreport. Erst vor kurzem hat sich das schon länger kursierende Gerücht bestätigt, dass Jerry Goldsmith auch im nächsten Jahr wieder mit dem London Symphony Orchestra auftreten wird. Voraussichtlich am 28. Juni 2001, diesmal in der Royal Albert Hall. Natürlich, es ist mit (verkraftbarem) finanziellem Aufwand und gewissen Strapazen verbunden – angesichts dessen, was man geboten bekommt, geraten diese Dinge aber schnell in Vergessenheit. Soviel steht nach 3 seiner Konzerte für mich fest: Jerry Goldsmith ist immer eine Reise wert.

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Interessante Neuigkeiten aus den Pre-Concert-Talks

Goldsmith wird sich in keinem Fall an The Mummy Returns beteiligen, denn die Arbeit am ersten Teil, den er mit „stupid“ und „a pile of crap“ nicht unbedingt lobte, hat ihm nicht gerade Spaß gemacht.

Auf die Frage eines Fans hin, wieso er keine Kompilation seiner Western-Musiken aufnehmen würde, antwortete Goldsmith: „That’s a good idea! Thank you!“ Man wird sehen, ob sich diese Idee irgendwann in naher Zukunft verwirklichen lässt.

Ein Recording-Projekt für Varèse Sarabande, das schon seit Jahren geplant ist, aber wegen seines engen Terminplanes bisher nie zustande kam, ist Alex Norths Spartacus.

Der Score für Paul Verhoevens neuesten Streich Hollow Man, den Goldsmith kurze Zeit vor den Konzerten in London aufnahm, ist insgesamt etwa 70 Minuten lang. Das Varèse-CD-Album ist also mit 51 Minuten mehr als vernünftig bestückt.

Ebenfalls vor den beiden Konzerten schloss der Maestro ein aufregendes neues Projekt mit dem LSO ab. Noch in diesem Jahr sollten Philips und Sony ein neuartiges Dolby-5.1-Tonträgerformat samt dazugehörigem Abspielgerät auf den Markt bringen. Die Klangqualität soll einfach „phänomenal“ sein, und Goldsmith empfahl den Leuten im Publikum, ihr Geld für eine derartige Anlage zu sparen. Eine Aufnahme mit seinem Konzertprogramm, also eine Art aktualisierte „Suites and Themes“, ist bereits fertig. Im September werden dann seine seriösen Kompositionen wie „Music for Orchestra“ und „Christus Apollo“ neu eingespielt, natürlich auch mit dem London Symphony Orchestra.

Monday 22 May 2000, 7.30pm: „Jerry Goldsmith Film Music Concert“

Jerry Goldsmith: Medley of Motion Picture Themes
The Sand Pebbles (1966, dir. Robert Wise)
– Chinatown (1974, dir. Roman Polanski)
Air Force One (1997, dir. Wolfgang Petersen)
– A Patch of Blue (1965, dir. Guy Green)
– Poltergeist (1982, dir. Tobe Hooper)
– Papillon (1973, dir. Franklin J. Schaffner)
Basic Instinct(1992, dir. Paul Verhoeven)
– The Wind and the Lion (1975, dir. John Milius)

Franz Waxman: The Spirit of St. Louis (1957, dir. Billy Wilder) [„Prelude“, „Building the Spirit“]

Jerry Goldsmith: Suite from The Boys From Brazil (1978, dir. Franklin J. Schaffner)

Alfred Newman: Suite from All About Eve (1950, dir. Joseph L. Mankiewicz)

Jerry Goldsmith: Theme from Rudy (1993, dir. David Anspaugh)

Jerry Goldsmith: „The Generals“
– MacArthur (1977, dir. Joseph Sargent)
– Patton (1970, dir. Franklin J. Schaffner)

—-INTERVAL: 20 MINUTES—-

Miklós Rózsa: Ben-Hur (1959, dir. William Wyler) [„Love Theme“, „Parade of the Charioteers“]

Jerry Goldsmith: Islands in the Stream (1977, dir. Franklin J. Schaffner) [„The Marlin“]

Alex North: Viva Zapata! (1952, dir. Elia Kazan) [„Gathering Forces“]

Jerry Goldsmith: Theme from Forever Young (1992, dir. Steve Miner)

Jerry Goldsmith: „Fireworks – A Celebration Of Los Angeles“ (1999)

(ENCORE) „Gathering Forces“ aus Viva Zapata!

Tuesday 23 May 2000, 7.30pm: „Star Trek and the World of Fantasy“

Star Trek: The Motion Picture (1979, dir. Robert Wise) [„Main Title“]

Star Trek V: The Final Frontier (1989, dir. William Shatner) [„The Barrier“]

Star Trek: First Contact (1996, dir. Jonathan Frakes) [„First Contact“]

Star Trek: Voyager (1995, created by Rick Berman) [„Main Title“]

Star Trek: The Motion Picture (siehe oben) [„The Enterprise“]

Star Trek: Insurrection (1998, dir. Jonathan Frakes) [„New Sight“]

Star Trek V: The Final Frontier (siehe oben) [„End Credits“]

—-INTERVAL: 20 MINUTES—-

Capricorn One (1978, dir. Peter Hyams) [„Main Title“]

Alien (1979, dir. Ridley Scott) [„End Title“]

Logan’s Run (1976, dir. Michael Anderson) [„The Monument“, „End of the City“]

Suite from Twilight Zone: The Movie (1983, dirs. John Landis, Joe Dante, S. Spielberg, George Miller)

Suite from The Mummy (1999, dir. Stephen Sommers)

Total Recall (1990, dir. Paul Verhoeven) [„Main Title“]

Powder (1995, dir. Victor Salva) [„No One Like You“, „Going Away“]

(ENCORE) „Main Title“ aus Star Trek: The Motion Picture

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