Special

Veröffentlicht am 17.07.2000 | von Michael Boldhaus

Fantasia 2000

Die bereits seit Anfang der Neunziger angekündigte Fortsetzung von Fantasia (1940) ist da: Fantasia 2000 startete bereits am Neujahrstag exklusiv in Imax-Kinos; wer diesen Film in den regulären Kinos sehen möchte, hat ab dem 20.7.2000 dazu die Gelegenheit.

Bei der Produktion dieser „Fortsetzung“ hatten es die beteiligten Künstler sicher nicht einfach, dem Original-Fantasia aus dem Jahr 1940 das Wasser zu reichen: Immerhin ist Walt Disneys Versuch vom Ende der dreißiger Jahre, populäre klassische Musik mit den Mitteln des Zeichentrickfilms — ohne zusätzliche Dialoge und Geräuscheffekte — zu „illustrieren“, heute als Klassiker höchsten Ranges anerkannt. Allerdings waren die Einspielergebnisse besonders der Erstaufführung mehr als enttäuschend gewesen und das, obwohl Disney erst kurz zuvor — im Jahre 1938 mit Snow White and the Seven Dwarfs • Schnewittchen und die sieben Zwerge)— der gesamten Filmbranche bewiesen hatte, dass auch abendfüllende Zeichentrickfilme ein (sogar überwältigender) Erfolg werden können. Fantasia war dafür seiner Zeit offenbar zu weit voraus: Von den im Laufe der rund zwei Stunden Laufzeit gebotenen acht Episoden (plus einer originellen Visualisierung der Lichttonspur als „Halbzeit-Spaß“) gelang nur „Micky-Maus als Zauberlehrling“ unmittelbar der Durchbruch in der Publikumsgunst. Erst in der Pop-Ära Ende der sechziger Jahre begann sich dann ein breiterer Zuschauerkreis nachhaltig auch für die übrigen Episoden zu begeistern, die vor Handlung primär individuelle, raffiniert ausgeklügelte, teilweise expressionistische Stimmungen durch Kombinieren von Farben und Formen wiedergeben, dazu manches in Gestalt ungewohnter, geradezu radikaler Experimente.

Die überwältigende technische Perfektion der noch ausschließlich in reiner Handarbeit realisierten Effekte und die hervorragende Plastizität der mit Hilfe der aufwändigen „Multiplantechnik“ erzeugten Bilder ist bis heute kaum erreicht und sicher nicht übertroffen worden. Die faszinierende Quasi-Raumtiefe entsteht, indem man ein vollständiges Motiv aus mehreren übereinander angeordneten Glasplatten „aufbaut“, auf die jeweils Teil-Bildelemente aufgemalt sind, und anschließend von oben abfotografiert. Da die einzelnen Glasplatten sowohl horizontal als auch vertikal verschiebbar sind, können so „Bild für Bild“ ganze Szenenabläufe und atemberaubende „Kamerafahrten“ in mühsamer Detailarbeit quasi-dreidimensional realisiert werden. Da die einzelnen Platten separat ausgeleuchtet werden, gestattet dies fantastische Möglichkeiten in Bezug auf Farb- und Kontrastwirkungen — der hierfür erforderliche gigantische, apparative turmartige Aufbau war übrigens eine hauseigene Entwicklung. (Eine Abbildung der Multiplan-Kamera findet sich im Artikel zu Pinocchio.) Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der tollen Farben von Fantasia hatte auch das hervorragende 3-Farben-Technicolor-Verfahren.

Walt Disney träumte zur Entstehungszeit seines Fantasia-Projektes vom „breiten“ Kinobild und „rundum stereofonischem“ Ton und nahm damit die CinemaScope-Ära der Fünfziger mit 4-Kanal-Magnetton sowie die heute üblichen Digital-Stereo-Tonverfahren vorweg. Das breite Bild musste damals aus Kostengründen ein Traum bleiben; aber den Stereo-Sound hat sich der Maestro nicht ausreden lassen: Unterstützt von dem als Technikfreak bekannten, hervorragenden Dirigenten Leopold Stokowski, der schon 1933 erste Stereoaufnahmen produziert hatte, wurde mit „Fantasound“ ein aufwändiges, mehrkanaliges Lichttonverfahren realisiert. Doch als Fantasia in die finale Produktionsphase ging, hatte der Krieg begonnen, und obwohl noch kein „Zweiter Weltkrieg“, hatte dies den nahezu vollständigen Zusammenbruch des europäischen Marktes mit entsprechenden Absatzverlusten zur Folge. Disneys Hang zur Perfektion machte dazu zahllose Nacharbeiten erforderlich — das letzte Segment wurde erst zwei Tage vor der Premiere fertig — und trieb die endgültigen Kosten für den Film auf die damals gigantische Summe von $ 2.280.000. Um Geld zu sparen, wurden daher nur noch eine Hand voll Kinos für die Präsentation von Fantasia im zugehörigen „Fantasound“ umgerüstet: Allein für die New Yorker Premiere betrugen die Kosten damals horrende $ 85.000. Ironischerweise wurde Fantasia erstmals in der 1956er Wiederaufführung mit 4-Kanal-Magnet-Stereoton ein finanzieller Erfolg. Walt Disneys ursprüngliche Vision, Fantasia jedes Jahr durch eine neue Episode zu ergänzen, musste deshalb für rund 60 Jahre geträumt bleiben.

1145Fantasia 2000 setzt offenbar sowohl auf Tradition als auch auf Innovation: Um die Bildqualität grundsätzlich zu verbessern, wurde generell auf hochauflösendem 70-mm-Imax-Filmmaterial aufgenommen, der alte Fantasia hingegen ist noch auf 35-mm-Material gedreht worden. Das übliche 70-mm-Kinoformat Super-Panavision hat ein Bild-Seitenverhältnis von 1:2,20 und liegt damit im Bereich des bekannten CinemaScope-Formates von 1:2,35. Dagegen ist das 70-mm-Imax-Bild mit einem Seitenverhältnis von 1:1,43 zwar nur geringfügig breiter als das klassische 35-mm-Normalformat von 1:1,37; es bietet aber infolge der stark vergrößerten Bildfläche (etwa 10fach gegenüber dem 35-mm-Standard und etwa 3fach gegenüber dem 70-mm-Format Super-Panavision) sowohl eine verbesserte Auflösung als auch Schärfentiefe und damit erheblich gesteigerte Bildbrillanz. Das Verschmelzen der neuen Teile mit dem alten Zauberlehrlings-Segment des 1940er Fantasia ist daher ohne merkliche Bildverluste möglich gewesen. Beim Umkopieren auf 35-mm-Film entstehen dann ebenfalls Kopien in Topqualität. Aus diesem Grunde war es von 1956 bis etwa 1965 praktisch Standard, Großproduktionen generell auf 70-mm-Film aufzunehmen.


CD

Veröffentlicht am 17.07.2000 | von Michael Boldhaus

Fantasia 2000

Fantasia 2000 Michael Boldhaus
Bewertung

Die sieben für Fantasia 2000 neu hergestellten Episoden basieren auf teilweise bereits in den Vierzigern skizzierten Ideen: Ein Kondensat des ersten Satzes aus Beethovens Fünfter Sinfonie verwendet diese „absolute“ Musik, um abstrakte Formen und Farbkombinationen zu illustrieren, vergleichbar mit dem Segment „Toccata und Fuge“ von Bach, das den 1940er-Fantasia eröffnete; zwei Teilsätze aus Respighis Tondichtung „Römische Pinien“ erklingen zu einem fantastischen Flug dreidimensional computeranimierter Wale; Bruce Broughton arrangierte eine Kurzfassung von Gershwins leicht jazziger „Rhapsodie in Blau“ zu einer stilistischen Hommage an den Karikaturisten Al Hirschfeld — das Segment ist ein zeichnerisch bewusst zweidimensional „flach“ angelegter ironischer Blick auf den Alltag von Bewohnern Manhattans in den „Goldenen Zwanzigern“; Hans Christian Andersens Märchen vom Standhaften Zinnsoldaten — eine schon in den Vierzigern skizzierte Idee — dient zur Kombination von Computeranimation und handgemalten Bewegungen: Das witzig-freche Allegro aus Dmitri Schostakowitschs Zweitem Klavierkonzert bildet den dazu passenden musikalischen Hintergrund; zu Camille Saint-Saëns aus dem bekannten „Karneval der Tiere“ experimentiert eine Gruppe Flamingos drollig mit einem Jo-Jo; die berühmte klassische Episode mit Micky Maus als Zauberlehrling (mit der gleichnamigen Tondichtung von Paul Dukas) ist in Bild und Ton vollständig digital restauriert und bearbeitet übernommen worden — was zur interessanten Demonstration der Leistungsfähigkeit der gegenwärtigen Technik werden dürfte; wo Micky Maus seine Scherze treibt, ist auch Donald Duck meist nicht weit: Zu einem musikalischen Feuerwerk der Highlights aus den vier „Pomp-and-Circumstance“-Märschen von Edward Elgar überwacht Donald, ob auf Noahs Arche alles mit rechten Dingen zugeht; zum Finale gibt es eine kondensierte Fassung des „Feuervogel“-Balletts von Igor Strawinsky in einer fantastischen Geschichte über den ewigen Kreislauf von Tod und Leben in der Natur.

Ob auch Fantasia 2000 das Zeug dazu hat, ein ähnlich überzeugendes Gesamtkunstwerk der Farben, Formen und der Musik zu werden wie das Original, wird erst das Live-Erlebnis offenbaren: Warten wir’s ab.

Die Fantasia-2000-CD präsentiert die im Film verwendeten klassischen Musikstücke — den Zauberlehrling gibt es hier allerdings in einer Neueinspielung. Die nicht für diesen speziellen Zweck komponierten Originalstücke wurden jeweils von einem versiertern und einfühlsamen Arrangeur bearbeitet, um die „in Ansätzen“ geeigneten Vorlagen „richtig bildwirksam“ zu machen: Hierzu waren (mehr oder weniger) deutliche Eingriffe in Länge und Tempi erforderlich und auch die Instrumentierung musste gelegentlich „aufgepeppt“ werden. An einem derartigen Ansatz scheiden sich zwangsläufig die Geister: Ich schätze die „Originale“ ebenfalls, bin aber trotzdem der Meinung, dass die Kritik hier zu hart ist und halte die Einstellung Leopold Stokowskis, der klassische Musik breiten Bevölkerungsschichten nahe bringen wollte, für gerechtfertigt. Warum sollen gekonnt durchgeführte Eingriffe in Originalkompositionen nicht als Auslöser und Multiplikator für die Lust auf ein „Mehr an Klassik“ dienen dürfen? Ein „André Rieu“ war hier nicht am Werke, und immerhin hat sich ein Meister-Dirigent wie James Levine bereit gefunden, die musikalische Leitung zu übernehmen. Mir hat das (mehrmalige) Anhören des „Musikalischen Buffets“ durchaus Spaß gemacht, zumal das Ganze mit mehr als nur einem (hörbaren) Augenzwinkern angerichtet worden ist.

Fazit: Fantasia 2000 muss zeigen, ob ein Anknüpfen an den Klassiker Fantasia von 1940 gelungen ist. Die Pressematerialien sehen zumindest viel versprechend aus. Die vorliegende CD mit ihren zum Teil neu arrangierten klassischen Musikstücken von Beethoven bis Schostakowitsch ist ein sehr unterhaltsamer musikalischer Spaß und dazu vielleicht Anregung, sich auch die Originale einmal komplett anzuhören.

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Titel: Fantasia 2000
Erschienen: 2000

Zusatzinformationen: Chicago SO, J. Levine
Laufzeit: 60:20 Minuten

Medium: CD
Label: Disney (edel)
Kennung: 0105582DNY

Komponist(en):

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