CD

Veröffentlicht am 07.04.2000 | von CINEMUSIC.DE Team

Moby Dick (Sainton)

Moby Dick (Sainton) CINEMUSIC.DE Team
Bewertung

Über John Huston, den Regisseur herausragender Filme wie The Treasure of the Sierra Madre • Der Schatz der Sierra Madre (1948), und besonders über seine 1956er Version von Moby Dick ist schon an anderen Stellen viel geschrieben worden, wobei im CD-Booklet auch wenig bekannte Hintergründe dieser Produktion erläutert werden. Der hohe Rang dieser auch heute noch stimmungsvollen, in auf Meeresblau „normierten“ Technicolor-Farben gehaltenen Verfilmung dürfte unstrittig sein: In jedem Fall liegt hier ein in vielem auf vorbildliche Genauigkeit im Zeitkolorit angelegtes Opus vor. Hiermit ist besonders die konsequent altertümliche und damit „überzeugend historisch“ wirkende (!) Sprechweise gemeint und damit verbunden auch die entsprechende Gestik und Mimik der handelnden Figuren: ein atmosphärisch wichtiges Detail, auf das man in den meisten heutigen, natürlich perfekter realisierten Kostümfilmen wie Titanic, The Mask of Zorro und Shakespeare in Love usw. leider verzichten muss.

Für Philip Sainton (1891-1967) war Moby Dick die einzige Filmmusik seines Schaffens: Über die eher kuriosen Umstände, die dazu führten, dass er für diesen Film als Komponist verpflichtet wurde, gibt das informative Booklet der Marco-Polo-CD eingehend Auskunft. In jedem Fall erwies sich diese Entscheidung als Glücksfall der Filmmusikgeschichte: Saintons Moby-Dick-Komposition ist trotz deutlicher impressionistischer Einflüsse (Debussy, Ravel, Delius) – Bernard Benoliel stellt im Chandos-CD-9181-Booklet interessanterweise auch Bezüge zu Korngold und dem Tschechen Josef Suk her – eine individuell gestaltete und in romantischer Tonsprache gehaltene Klangschöpfung. In der Orchestrierung zeigt sich Sainton als Meister, der den Vergleich mit Edward Elgar oder Arnold Bax nicht zu scheuen braucht.

Sein Klangidiom ist in den Szenen der fanatischen Wut Kapitän Ahabs durch die schroffe Stimmenführung von ungestümer Wucht und Wildheit, wirkt aber auch in den mehr lyrischen Passagen nie sentimental. Schon der Main Title beginnt mit einer aufgepeitschten naturalistischen Meeres-Stimmung, die den Kampf mit dem weißen Wal akustisch vorwegnimmt, und auf Ishmaels Weg zur Küste begleiten ihn Arpeggien von Flöten, Klarinetten, Harfe und Celesta. Wird das Meer zum ersten Mal visualisiert, erklingt im Orchester eine prächtige Meeresstimmung: Überhaupt hat Sainton (nicht nur) dem Filmmusikfreund mit seiner Moby-Dick-Musik eine der schönsten Seesinfonien der gesamten Kino- und Musikgeschichte hinterlassen! Im gesamten Werk gibt es keine Durchhänger: Vom schlichten tiefgläubigen Choral der Seeleute, den grotesken Klängen für Queequeg, den Harpunier, der durch ein brillantes Orchesterscherzo untermalten Begegnung mit den Delphinen auf hoher See, dem durch hohe Streicher „hörbar“ gemachten Glanz des im Sonnenlicht gleißenden Goldstücks am Mast, der mystisch-fanatischen Szene mit dem Elmsfeuer bis zu den wütend aufgepeitschten Klängen zum finalen Kampf mit dem weißen Wal. Immer schafft der Komponist eine hervorragende sinfonische Begleitung und überzeugt sowohl in den unmittelbar bildhaften Momenten als auch in der Illustration der vielfältig wechselnden Stimmungen: Die hervorragende Musik lässt sich nur völlig unzulänglich durch Worte beschreiben – dieses Meisterwerk muss man hören!

Auch diese Marco-Polo-Neueinspielung des bekannten und bewährten Teams John Morgan und William Stromberg mit den Moskauer Sinfonikern ist geradezu exemplarisch gelungen. Diese Interpretation ist an Vitalität und Power der alten – auf LP veröffentlichten -, stark verhallten und nach „Edison-Trichter“ klingenden Original-Einspielung unter Luis Levy keinesfalls unterlegen, dafür im Klang aber um Klassen besser: Ich ziehe die Nachspielung daher sogar dem Original vor. Dazu kommt noch, dass mit der vorliegenden Einspielung dank der aufgefundenen Originalpartitur und akribischer Restaurationsarbeiten erstmalig die vollständige Moby-Dick-Musik auf Tonträger vorliegt. Der Aufwand hat sich gelohnt: Die CD sollte nach meiner Meinung in keiner Sammlung sinfonischer Filmmusiken fehlen – auch dem an orchestralen Klängen interessierten Filmmusik-Newcomer sei die Anschaffung daher ausdrücklich empfohlen.

Titel: Moby Dick (Sainton)
Erschienen: 1998

Laufzeit: 63:10 Minuten

Medium: CD
Label: Marco Polo
Kennung: 8.225050

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 07.04.2000 | von Michael Boldhaus

Sainton: The Island u.a.

Die Werke des Komponisten Sainton gehören zum lange Zeit verschütteten Erbe der englischen Romantik. Über vieles in seinem Schaffen liegt ein gewisser Schleier: So gibt es über seine kompositorische Frühphase (Anfang der zwanziger Jahre) nur unvollständige Informationen, und nach 1948 scheint er nur die Filmmusik zu Moby Dick komponiert zu haben. Sein kompositorisches Œuvre beschränkt sich ansonsten auf eine Reihe recht kurzer Orchesterstücke und einige Lieder – ein exaktes Werkverzeichnis existiert leider nicht. Obwohl seine Musik in den Dreißigern und Vierzigen durchaus populär war, geriet er ab den fünfziger Jahren zunehmend in Vergessenheit – die von ihm selbst für den Konzertsaal konzipierte Suite aus Moby Dick blieb so bis heute unaufgeführt. Die Ursachen für das „Vergessen“ vormals erfolgreicher Künstler – Sainton ist hier ja kein Einzelfall – dürften in der Aufbruchstimmung der Verfechter der „Neuen Musik“ liegen, die nach dem zweiten Weltkrieg zuerst auf dem Kontinent um sich griff.

Die künstlerisch repressiven Jahre der Naziherrschaft in Deutschland und der zweite Weltkrieg erzeugten offenbar den verständlichen Drang, „nachzuholen“, was leider mit fast ebenso konsequentem Dogmatismus geschah, wie zuvor die Unterdrückung der „Neuen Musik“ in der Ära der Diktatur: Tonale Klänge und sangbare Melodien galten als verpönt und veraltet; für Romantiker gab es als „Gestrige“ nur noch das Museum. Auf Festivals der „zeitgenössischen Musik“ hatten derartige Kompositionen seit dem Ende der Vierziger keine Chance mehr, und die abfällige Beurteilung von Seiten einer „progressiven“ Musikkritik tat ein Übriges, derartige Musik von den Spielplänen zu verdrängen und in die „Vergessenheit“ zu transportieren: Auch Erich Wolfgang Korngolds Versuch, nach dem zweiten Weltkrieg einen Neubeginn als „ernsthafter“ Komponist in seiner österreichischen Heimat zu versuchen, scheiterte nicht zuletzt aus denselben Gründen (siehe hierzu auch „Korngold/Waxman: Vokalkompositionen“ und „Korngold: Orchesterwerke“).

Erfreulicherweise liegen infolge ausgiebiger Nachforschungen und Bemühungen des Chandos-Labels seit einigen Jahren verschiedene Orchesterwerke Saintons in sehr guten Einspielungen auf CD vor. Jeweils gelungen gekoppelt mit Werken von Patrick Hadley – einem ebenfalls „Vergessenen“ -, ermöglichen die beiden CDs interessante Begegnungen mit überaus hörenswerten Werken der englischen Romantik des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie bei den Einspielungen der Orchesterwerke Korngolds leitet auch hier Matthias Bamert das Philharmonia Orchestra.

Titel: Sainton: The Island u.a.
Erschienen: 1997

Zusatzinformationen: Philharmonia Orchestra, M. Bamert
Laufzeit: 51:39 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Chandos
Kennung: 9181

Komponist(en):

Schlagworte:


Klassik

Veröffentlicht am 07.04.2000 | von CINEMUSIC.DE Team

Sainton: The Dream of the Marionette u.a.

Wem die Moby-Dick-Musik gefällt, dem seien auch die Orchesterwerke „The Island“, „Nadir“ und „The Dream of the Marionette“ nachdrücklich empfohlen. Neben der auch hier sehr eindrucksvollen und individuell ausgeformten Tonsprache Saintons entsteht beim Hören der nachhaltige Eindruck, dass dem Komponisten offenbar viel an der späteren Filmmusik gelegen haben muss: „The Island“ kann man als sinfonische Vor-Natur(Meeres)-Studie zu Moby Dick betrachten, und auch Teile aus „Nadir“ (als allgemein gültige Anklage gegen die Sinnlosigkeit der „Kriege“ im zweiten Weltkrieg entstanden) sowie dem grotesken Ballet „Dream of the Marionette“ sind in sublimierter Form in der Filmpartitur verarbeitet. Somit scheint es fast, als sei die hervorragende Moby-Dick-Musik eine Art Resumée dieser früheren Kompositionen.

Fazit: Die Komposition zu John Hustons Moby-Dick ist ein Geniestreich eines filmmusikalischen Außenseiters, welcher erstmals in vollem akustischen Glanz und erfreulicherweise auch in voller Länge hörbar ist; aber nicht nur (aber natürlich schon auch) Filmmusik hören „bringt’s“: Die Begegnung mit Kompositionen auch abseits von Filmmusik, nicht nur der Philip Saintons, ist eine Bereicherung und wichtige Hörerfahrung.

Titel: Sainton: The Dream of the Marionette u.a.
Erschienen: 1997

Zusatzinformationen: Philharmonia Orchestra, M. Bamert
Laufzeit: 65:17 Minuten

Medium: CD (Klassik)
Label: Chandos
Kennung: 9539

Komponist(en):

Schlagworte:


CD

Veröffentlicht am 07.04.2000 | von Michael Boldhaus

Moby Dick (Gordon)

Moby Dick (Gordon) Michael Boldhaus
Bewertung

In letzter Zeit werden immer öfter neue Adaptionen bekannter Geschichten für das Fernsehen produziert wie Cleopatra, Arche Noah oder Alice im Wunderland. Und obwohl der Aufwand schon beinahe mit dem von Kinoproduktionen gleichzusetzen ist, wird eine der großen Kinoleinwand vergleichbare Wirkung auf dem heimischen Fernseher zwangsläufig nicht voll erreicht. Vor rund drei Jahren erschien eine weitere Verfilmung des Moby-Dick-Stoffes in Form eines Fernsehzweiteilers. Patrick Stewart (bekannt als Captain Picard aus Star Trek) mimte überzeugend den rachsüchtigen Captain Ahab unter der Leitung von Regisseur Frank Roddam. Gregory Peck, der in der 56er Fassung den besessenen Captain Ahab spielte, hat hier einen reizvollen Gastauftritt als besonnener Gottesmann Father Mapple, den damals Orson Welles verkörperte. Manche Einstellungen sind sogar vergleichbaren Szenen aus John Hustons Original aus dem Jahre 1956 nachempfunden. Interessant ist die Fernsehfassung aber auch wegen Christopher Gordons Komposition. Hier wird, wie auch im Film, Philip Saintons Original Referenz erwiesen, doch der Komponist beschreitet auch hörbar eigene Wege.

Der gebürtige Australier Christopher Gordon wusste schon mit 13 Jahren, dass er Komponist werden würde. Seine ersten Kontakte mit der Filmbranche machte er Mitte der achtziger Jahre, als er einem Freund bei der Vertonung eines Films half. Es folgten einige Dokumentar- und Fernsehfilme, darunter Sanctuary, eine Art Moral-Thriller, von Regisseurin und Ehefrau Robin de Crespigny. Außerhalb Australiens war dieser Film allerdings noch nicht zu sehen. Gordon schrieb auch einige Orchesterwerke, Kammermusiken und ein Horn-Konzert. Er arbeitet zur Zeit an der Filmmusik zu einem weiteren Fernsehfilm On The Beach (Regie: Russell Mulcahy).

Offenbar ließ Regisseur Roddam seinem Komponisten bei Moby Dick großen Freiraum: Nachweislich verzichtete er beispielsweise auf sogenannte Temp-Tracks. Dies sind Musikstücke, die vom Produzenten oder Regisseur häufig beim Rohschnitt des Filmes eingesetzt werden, um der „Arbeitsfassung“ ein gewisses Kino-Feeling zu geben, aber oft auch, um dem Komponisten einen Eindruck zu vermitteln, welche Art von Musik eingesetzt werden soll. Ein Nachteil ist generell, dass der Komponist beim Schreiben seiner Musik unter Umständen nachhaltig beeinflusst wird. Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel, bei dem die Temp-Tracks sogar beibehalten wurden, ist Stanley Kubricks 2001: Odysee im Weltraum (1969) – hier verschwand die Original-Komposition von Alex North im Archiv. Gordon sagte über seine Arbeit in einem Interview: „Was bei Moby Dick passierte, war hervorragend. Es gab keine Temp-Tracks, und ich hatte somit die Möglichkeit die Psychologie der Charaktere und die Erzählweise der Geschichte zu verstehen“. So gelang ihm eine Filmmusik, die den Film auf besonders individuelle Weise erzählt.

Gordons Moby-Dick-Musik entspricht im Vergleich zu Saintons recht „britisch“ klingender Komposition mehr dem sogenannten „typischen Hollywood-Sound“. Besonders deutlich wird dies zu Beginn, wenn das breite Hauptthema die Weite des Meeres tonmalerisch beschreibt – man fühlt sich hier an große Segelschiffe in voller Fahrt erinnert. In bester Hollywood-Manier führt Gordon seine themenorientierte Filmmusik weiter: Für Captain Ahab komponierte er z. B. ein dunkles, von tiefen Bläsern dominiertes Thema, und für den Harpunier Queequeg erklingt ein folkloristisch klingendes Motiv, das durch einen Laute-sprechenden Männerchor archaisierend unterstützt wird. Im Verlauf der Geschichte werden diese Themen immer wieder aufgegriffen und der jeweiligen Stimmung angepasst.

Besonders eindringlich ist m. E. der letzte musikalische Höhepunkt vor dem Finale: Hier nutzt der besessene Ahab die mystische Atmosphäre des „Elms-Feuers“ (einer Naturerscheinung), um seine Männer bedingungslos auf sich einzuschwören (Tracks 31 und 32 „At the Helm“, „St. Elmo’s Fire“). Ähnlich wie Sainton benutzt auch Gordon einen Chor und bringt zusätzlich (dezent) einen Synthesizer zum Einsatz, der die Unwirklichkeit der Szene wirkungsvoll unterstreicht. Im Finale lässt Gordon schließlich das volle Sydney Symphony Orchestra aufspielen. In „Fate’s Lieutenant“ und „Eternal Rest“ entfaltet sich die Musik ähnlich breit wie das Hauptthema zu Anfang und führt kraftvoll zum Finale. Den Untergang der Pequod, „The Pequod Burns“, erlebt man durch die tonmalerischen Effekte ähnlich packend wie auch die Einsamkeit Ishmaels („Orphan of the Sea“), des einzigen Überlebenden des Desasters.

Das bei Varèse erschienene CD-Album beinhaltet 73 der ca. 90 Minuten langen Filmmusik, die Gordon persönlich zusammengestellt hat. Vor einiger Zeit stellte dieser auch eine Konzertfassung seiner Moby-Dick-Partitur zusammen, die ähnlich der analogen Konzertsuite von Sainton bislang noch nicht aufgeführt worden ist.

Fazit: Beide Moby-Dick-Filmmusiken sind ein wahrer Genuss. Während Sainton einen mehr „britischen“ Ton für seine Liebeserklärung an die Weiten des Ozeans findet, nähert sich Gordon dem Stoff des Franzosen Melville, als sei Moby Dick eine Hollywood-Legende.

Titel: Moby Dick (Gordon)
Erschienen: 1998

Laufzeit: 73:08 Minuten

Medium: CD
Label: Varèse Sarabande
Kennung: VSD-5921

Komponist(en):

Schlagworte:


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